Ausstellung 2 Minuten

Die Stadt, die nur Frauen erleben

Ein Mann sitzt sehr breitbeinig in der Bahn und nimmt einer Frau den Platz weg
Manspreading in der Bahn - ein verbreitetes Phänomen im öffentlichen Nahverkehr | Quelle: Tabea Reifenschweiler
29. Juni 2026

Von lästigen Blicken auf der Straße über Manspreading bis hin zu Gefahren auf dem Nachhauseweg –Frauen geraten im Alltag an zahlreiche Hindernisse, die es nur für sie zu bewältigen gilt. Eine interaktive Ausstellung auf der Media Night soll nun diese Nachteile spürbar machen. 

Was bedeutet es, unbeschwert durch die Stadt zu gehen? Die Erfahrungen von Männern und Frauen im öffentlichen Raum unterscheiden sich erheblich. Während die einen nach dem schnellsten Weg nach Hause suchen, überlegen die anderen, wie sie sicher dort ankommen. Tabea Reifenschweiler widmet sich diesem strukturellen Problem in ihrer Bachelorarbeit. “Stell dir vor, die Stadt funktioniert” ist eine interaktive Ausstellung, welche die Herausforderungen erlebbar machen soll, mit denen Frauen im Alltag konfrontiert sind.

Ein entspannter Konzertbesuch?

Ein exemplarischer Abend im Leben einer Frau führt dich durch fünf Stationen. Jede von ihnen nimmt dir nacheinander ein essenzielles Bedürfnis: deine Stimme, deine Sicherheit, deinen Raum, deine Zeit und schließlich deine Freiheit.

Am Anfang der Ausstellung steht ein Telefon – klassisch, mit Hörer zum Abnehmen. Ein Anruf geht ein und aus dem Lautsprecher tönt die Stimme eines Freundes. Er lädt dich zu einem Konzert am Abend ein. Du willst zusagen, vielleicht noch ein paar Fragen stellen. Doch bevor du richtig zu Wort kommen kannst, wirst du vom Anrufer unterbrochen. Trotz des unangenehmen Telefonats beschließt du, dich auf den Weg zu besagtem Konzert zu machen und bist erst einmal den Blicken der Stadt ausgesetzt. Mehrere Augenpaare verfolgen jeden deiner Schritte, und das von allen Seiten. Fühlst du dich beobachtet? Vielleicht sogar verurteilt?

Du schaffst es an deine Haltestelle. Deine S-Bahn zum Konzert fährt ein: Glück gehabt! Du erhaschst noch einen freien Platz im vollen Wagon. Schade nur, dass dein Sitznachbar seine Beine so breit macht, dass du fast vom Sitz gestoßen wirst. Hältst du ihm entgegen oder gibst du nach, um einen Konflikt zu vermeiden? Endlich auf dem Konzert angekommen, wartet bereits die nächste Herausforderung auf dich. In der Pause musst du dringend auf die Toilette, doch vor dem Frauen-WC hat sich bereits eine riesige Schlange gebildet. Bis zu 50 Minuten musst du bestimmt warten, wenn du dich jetzt anstellst. Dein Blick fällt nach rechts. Die Männertoilette ist frei.

Eine Schlange vor der Frauentoilette. Die Männertoilette ist frei.
Laut der belgischen Universität Gent warten Frauen im Schnitt sechs Minuten vor der Toilette, während es bei Männern meist nur elf Sekunden dauert.
Quelle: Tabea Reifenschweiler

Das Konzert ist vorbei. Nun musst du nur noch allein nach Hause gelangen. Es ist spät, die Bahnen fahren schon seit einigen Stunden nicht mehr. Zu Fuß bist du innerhalb von 20 Minuten daheim, allerdings führt dich der Weg durch einige dunkle Gassen. Vielleicht wäre es doch besser, eine andere Route einzuschlagen. Die dauert zwar deutlich länger, aber was ist dir lieber: schnell zuhause ankommen oder sicher?

Was das Konzept ausmacht

Hinter der Ausstellung steckt einiges an Arbeit. Von Programmierung über 3D-Bau bis hin zu Kommunikationsdesign: Tabea vereint in ihrem Projekt verschiedenste multimediale Gestaltungstechniken. “Ich habe Adobe Creative Cloud eigentlich komplett von vorne bis hinten durchgearbeitet”, erzählt die IP7-Studentin über ihren Schaffensprozess. Die exemplarischen Situationen aus dem echten Leben werden innerhalb der Ausstellungen durch verschiedene interaktive Elemente wie ein umgebautes Telefon, installierte Tablets und ein selbst programmiertes Spiel dargestellt.

Die Inspiration für das Konzept lieferte ein persönliches Erlebnis: Tabea selbst wurde mit Manspreading in der Bahn konfrontiert. „Ich war so sauer”, erinnert sich die Studentin.

„Ich war so sauer.“
Tabea Reifenschweiler

Auch in ihrem Umfeld erzählten ihr Freundinnen von ähnlich unangenehmen Situationen. Die Nachteile von Frauen in der Gesellschaft wurden über die Zeit zu einem Thema, für das sie brennt. Sie entschied sich, diesem ihre Bachelorarbeit zu widmen. Dass der Rahmen des Projekts eine Ausstellung sein sollte, war ihr von Anfang an bewusst. In einer Design-Agentur konnte sie bereits Erfahrung mit dem Konzept sammeln. 

Sie betont: Die Zielgruppe für ihre Ausstellung sind nicht hauptsächlich Männer, sondern Personen, die sich mit der Thematik zuvor noch nicht genügend auseinandergesetzt haben. Dreieinhalb Monate hat die Studentin bereits an ihrem Projekt gearbeitet, gecodet, gebaut und getestet. Am 02.07. wird die Ausstellung auf der MediaNight der HdM zu sehen sein. Tabea erhofft sich, dass die Ausstellung zum Nachdenken anregt und dazu motiviert, bewusster durch die Umwelt zu gehen – vielleicht auch das eigene Verhalten zu reflektieren.