Stresssyndrome sind längst nicht mehr nur ein Problem des Berufsalltags - auch schon Studenten, Auszubildende und Berufseinsteiger können betroffen sein. | Bild: Ricarda Müterthies

Reportagen Stresssyndrome
Zwischen Diamanten und Staub

Stresssyndrome sind längst nicht mehr nur ein Problem des Berufsalltags - auch schon Studenten, Auszubildende und Berufseinsteiger können betroffen sein. | Bild: Ricarda Müterthies

31 Aug 2020

Neues Land, neue Sprache, neuer Mensch. Reset-Button drücken nach einem langen, steinigen Weg. Nina hat es geschafft, ungesundem Stress zu entfliehen. Ein Stück Biografie, das Hoffnung versprüht und zeigt, dass Stresssyndrome nicht mehr nur bei Führungskräften zu verorten sind, sondern auch junge Menschen ernstzunehmend betreffen. 

Ricarda Müterthies

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
Gesellschaft

Zum Autorenprofil

Die abendliche Sonne strahlt durch die vielen Glasfenster. Lange Dachstreben laufen in der Mitte zu einem runden Gebäudeteil zusammen. Abstrakt soll es einen Leuchtturm darstellen. Nina (22) schaut sich zum ersten Mal hier um. Ein Lächeln in ihrem Gesicht. Zugleich ein Staunen über die Größe der Anlage, ein bisschen ungewohnt. Die nächsten vier Jahre wird sie hinter diesen Fenstern und Türen verbringen. Die Vorfreude steckt jetzt schon in ihrer Stimme. Doch das ist nur eine Errungenschaft eines harten Wegs, der einmal komplett gegenteilig ausgesehen hat. Er hat an ihrem zarten Körperbau, der sich unter einem lockeren Oberteil vermuten lässt, seine Spuren hinterlassen. Ein Weg durch Stress, Selbstdistanz und Ausgebranntsein. Ein paar Stunden ist erst der letzte Anruf bei ihrer Therapeutin her, um nicht in alte Muster zurück zu fallen. Auf dem Weg in eine neue Zukunft. 

Die Den Haager Universität liegt mitten im Herzen einer Stadt, in der selbst die Straßenbahn Fahrrädern den Vortritt lässt. Hier hofft Nina auf einen Neustart. Ein Mensch, der jetzt mit Selbstsicherheit über den Campus läuft und nach vorne blicken kann, gereift durch die Vergangenheit. Stress, Depressionen und eine Essstörung haben ihr Leben dominiert. Das soll jetzt ein Ende haben. „Es fühlt sich gut an jetzt hier zu sein, einfach weil ich ein Stück weit mehr weiß, wer ich bin.“ Im September beginnt hier ihr Studium in International and European Law.  

 

Ein zurückgewonnenes Strahlen. Nina hat sich in der neuen Heimat schon gut eingelebt. | Bild: Ricarda Müterthies

Vor drei Jahren war Nina duale Studentin und Auszubildende eines Finanzamts. Viele Zahlen und Gesetzestexte. Ein Feld, für das ihre Augen anfangen zu leuchten, wenn sie davon berichtet. Doch wo die Zeit leider nicht ausgereicht hat, Grundlagen zu legen und Menschen Fehler machen zu lassen. Zu hohe Erwartungen, keine Fehlertoleranz und wenig Anleitung bestimmen von Anfang an ihren Alltag. Dazu kommen schwierige Wohnbedingungen in Baucontainern auf dem Gelände und ein Lern-Tempo, das keine Verschnaufpausen gestattet. Als Perfektionistin hat sich Nina besonders daran aufgerieben, Fehler nicht erklärt zu bekommen und den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Dieser Druck wurde ab Tag eins bereits implementiert. "Unter Druck entstehen Diamanten - oder halt Staub."

„Unter Druck entstehen Diamanten - oder halt Staub“ 

Eine Bemerkung, die von dem Dozenten, der sie am ersten Tag geäußert hat, komplett beiläufig gemeint war. „Das hat sich bei mir ziemlich markant eingebrannt, wo er in der ersten Stunde schon gesagt hat, dass die Zeit bis zu den ersten Klausuren eigentlich gar nicht ausreiche, um uns den ganzen Stoff zu vermitteln.“

Stress zählt laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Was im Volksmund häufig unter „Burnout“ zusammengefasst wird, ist in Wahrheit ein sehr individuelles und komplexes Konstrukt. Daniel Holzinger ist Coach und unterstützt unter anderem Menschen mit Überlastungs- und Stressproblemen. Laut seiner Berufserfahrung und medizinischen Diagnose-Registern gibt es Burnout in dem Sinne als Krankheit gar nicht. Es handelt sich dabei um ein Syndrom: einen Zustand totaler Erschöpfung und Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung. Dieser Zustand ist dann erreicht, wenn ein Mensch physisch sowie psychisch am Ende ist. Ausgebrannt. 

Die Wirkung von Stress

Stresssituationen setzen im Körper Energien frei für die Anpassung an die Anforderungen. Diese Reaktion wird normalerweise nach Stressabbau wieder eingestellt, was bei chronischem Stress allerdings bei manchen Menschen entfällt und sie nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Diese erhöhte Stresshormonkonzentration des Gehirns kann zum Nährboden für Burnout und Depressionen werden. Die Auslöser einer Stresserscheinung können sehr unterschiedlich sein: Leistungsdruck, Arbeitsumfeld, Tod, Trennung oder persönliches Trauma. Ebenso vielfältig und individuell sind die Symptome. Doch zu den Hauptvertretern gehören Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und der Sinnverlust.

Daniel Holzinger hat dazu seine private Hypothese entwickelt: „Menschen rutschen meistens in einen Burnout, weil sie etwas tun, wogegen sie eine große Abneigung haben.“ Ein innerer Widerstand. Die Energie verbraucht sich bei der Beherrschung der Umstände und entfällt bei der tatsächlichen Arbeit. Das Schwierige daran: In der Situation selbst merken es die Betroffenen nicht. Sie denken, sie müssen weiterarbeiten. Funktionieren. Und verlieren sich dabei aus dem Blick. „Der typische Burnout-Betroffene bagatellisiert sein Problem. Es entsteht ein blinder Fleck in der Wahrnehmung. Doch wenn man diesen aufdeckt, sind die Menschen sehr dankbar“, so Holzinger. 

Das hat Nina am eigenen Leib erlebt. „Als ich in der Situation drin war, habe ich das gar nicht gesehen.“ Ende 2018 merkt sie das erste Mal richtig, dass ihr die Ausbildung mehr zu schaffen macht als gedacht. Sie bekommt keine Ruhe mehr und der Stress der Arbeit wirkt sich auf sie aus. Nach einer harten Praxisphase im Finanzamt bekommt sie im Oktober 2019 dann die Diagnose ihrer Hausärztin: Essstörung. Eine Situation, die sich angebahnt hat, für eine Perfektionistin aber ungelegen kommt. „Ich habe mich vier Wochen lang mit Händen und Füßen gegen die Krankschreibung gewehrt.“ Immer noch dominiert das Leistungsdenken, der Wille, das letzte halbe Jahr der Ausbildung auch noch irgendwie hinzukriegen und sich durchzubeißen. Selbst nach Zwangskrankschreibung sitzt sie hinter dem Laptop und wartet auf Fotos vom Arbeitsmaterial, das ihr Freundinnen aus dem Unterricht schicken. Sich richtig krank fühlen konnte und wollte sie nicht, was ihrer Meinung nach viel mit dem Stigma psychischer Krankheiten zu tun hat: „Man ist nicht krank, denn man sieht ja nichts.“

Eindrücke der Den Haager Universität und Umgebung | Bild: Ricarda Müterthies
Eindrücke der Den Haager Universität und Umgebung | Bild: Ricarda Müterthies
Eindrücke der Den Haager Universität und Umgebung | Bild: Ricarda Müterthies
Eindrücke der Den Haager Universität und Umgebung | Bild: Ricarda Müterthies

Nina sitzt in einem Café in der Den Haager Innenstadt. Anscheinend soll es hier den besten Apfelkuchen geben. Mit Streuseln und Rosinen. Kinder spielen im Hintergrund, es riecht nach Zimt. Sie hat Appetit darauf, mittlerweile hat sich wieder eine Normalität eingependelt. Stress, unglückliche Kantinenumstände und die Suche danach, irgendetwas selbst kontrollieren zu können, hatten sie in eine Magersucht gestürzt. 

Bei der Arbeit fühlt sie sich ständig beobachtet und leidet unter dem Stress. Sie entscheidet sich dazu, sich immer weiter zurückzuziehen. Bis an den Punkt, wo sie auf der Arbeit gar nicht mehr essen kann. „Ich habe mir ein Verhalten angeeignet, um nicht durch mein anderes Verhalten aufzufallen.“ Die Suche nach einem Ausweg. In den Theorieblöcken an der Uni warten lange Kantinenschlangen auf sie. Eine halbe Stunde anstehen für einen Teller Nudeln, wenn es ihn denn noch gibt. Diese Zeit investiert Nina bald mehr und mehr in Lernen und vernachlässigt das Essen komplett. Lieber nicht Hinterherhängen im Unterricht und dafür das Mittagessen auslassen. „Für mich war die Essstörung ein Weg, irgendetwas kontrollieren zu können. Das hat scheinbar geholfen, auch wenn es überhaupt nicht geholfen hat. Aber es war letztendlich etwas, wo ich mich dran klammern konnte.“

Umdenken durch Klinikaufenthalt 

Ende 2019 beginnt ihr Klinikaufenthalt. Hinzu kommt die zusätzliche Diagnose von Depressionen. In der Klinik muss sie sich die Zeit nehmen anzuerkennen, dass sie ein Problem hat und bereit ist, Hilfe anzunehmen. Eine Zeit, in der sie in geschütztem Umfeld lernen kann, dass Menschen ihr nichts Böses wollen und in der sie vor allem eine gesunde Routine zurückgewinnt. Doch auch dort hat sie der Gedanke an die Leistung in ihrem Arbeitsumfeld zunächst weiterhin nicht losgelassen. 

Die Erkenntnis, dass sie nicht zurückkehren kann und wird in ihre Ausbildung, kommt erst kurz vor Entlassung aus der Klinik. „Das kam, als ich allein im Wald spazieren war und eine unfassbar gruselige Panik-Attacke gekriegt habe, weil ich mir dachte, ich werde in zwei Wochen entlassen und muss dann wieder ins Büro.“ Es macht ihr Angst darüber nachzudenken, dort hingehen zu müssen, da sie nicht wusste, wie sie damit umgehen würde.

Nach dieser Erkenntnis folgt ein langer Weg zurück zu sich selbst. Löschen von Fotos aus der Zeit, verdrängen von unschönen Erinnerungen. Wieder lernen, wer man ist und was man kann. Normale Dinge, die zwischenzeitlich verloren gegangen sind. „Ich musste wirklich teilweise überlegen, was für Musik ich gerne höre und was ich gerne in meiner Freizeit mache. Letztendlich habe ich als Mensch, als Nina, nicht mehr so wirklich existiert für eine gewisse Zeit.“ Völlige Selbstdistanz zugunsten einer aufgebauten Fassade, die den Arbeitsalltag besser überleben kann. Selbst wirklich beschreiben kann sie gar nicht, was da mit ihr passiert ist: „Es war ein ganz schön hässliches Gefühl.

 

Nina unterwegs in den Straßen Den Haags. | Bild: Ricarda Müterthies

Dieses Gefühl kennt auch Petra. Sie leitet eine Burnout-Selbsthilfegruppe, nachdem sie vor drei Jahren, 2017, selbst einen Burnout gehabt hat. Sie stuft diese Selbstdistanz als ein Hauptmerkmal solcher Stresssyndrome ein, das auch bei jungen Menschen vorkommt. 19-Jährige bis 65-Jährige treffen in ihrer Gruppe zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Sie sieht durch gesellschaftlichen Leistungsdruck in frühem Alter die junge Generation immer mehr durch Burnout gefährdet. „Die Erwartungshaltung an Kinder wird immer höher und immer früher angesetzt. Viele Kinder haben nicht mehr die Möglichkeit, sich in eigenem Rhythmus zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, Normen zu erfüllen und schon im frühen Kindesalter Leistung zu erbringen. Die Gefahr dabei ist, dass deswegen der Burnout auch in immer früherem Lebensalter eintreten kann.“ Der Weg führt ihren Einschätzungen nach früh weg von sich selbst und hinein in eine reine Funktionalität, die bereits Schüler ausgebrannt zurücklassen kann. Dabei sieht sie die Motivation bei allen Menschen gleich: „Die Grundbedürfnisse sind Zugehörigkeit, Anerkennung und Liebe. Das Erfüllen dieser Bedürfnisse ist die Motivation, warum so viele Menschen über lange Zeit über ihre persönlichen Grenzen hinausgehen.“ 

Im März 2020 wird Nina aus der Klinik entlassen. Als ein gefestigterer Mensch, bereit für einen Neuanfang. Zielstrebiger Blick hinter ihrer schlichten Brille, ein zartes Lächeln trotz harter Vergangenheit, die blonden Haare wehen im Abendwind. Einen Neuanfang hat sie schon einmal erlebt, als sie für ein Jahr nach North Carolina in die Vereinigten Staaten ging. „Für mich war dieses Jahr in den USA so wahnsinnig heilsam. In eine neue Situation geschmissen zu werden, die Sprache nicht zu kennen, die Leute nicht zu kennen und keine Ahnung zu haben, was auf einen zukommt,  ist gruselig. Aber ich habe gelernt, so bleibt es nicht.“ Auf solche Erfahrungen hofft Nina wieder, nur die Kulisse hat sich geändert.  

Sie schlendert durch die Straßen von Den Haag. Multikulturelles Leben, kleine Boote liegen in den Grachten, ständiger Slalom um Fahrradfahrer, die aus allen Ecken schießen. Bald werden dies die vertrauten Gassen eines neuen Zuhauses sein. 

„Ich habe im Zweifel, wenn ich alles mitzähle, drei Jahre in den Sand gesetzt, aber nach hinten 45 Jahre gewonnen. Dann schmeiße ich halt drei Jahre in die Tonne, aber ich habe wieder eine Perspektive.“  

Diese Erkenntnis kam erst später, doch sie rückt die vielen Kurven, die Nina durchlaufen musste, um heute hier zu sein, in ein anderes Licht: „Ich glaube, dass ich für mich mittlerweile diese ganze Situation als sehr positiv wahrnehme, so doof wie das klingt. Es ist eine wahnsinnig gute Lernkurve gewesen. Auf der einen Seite zu sehen, wie viel kann ich tatsächlich leisten, ohne komplett darunter zusammenzubrechen, wo sind meine Grenzen. Und dann zu lernen, wie ich Grenzen setzen muss.“ Zurückgeblieben ist kein Groll gegenüber früheren Bedingungen und ein Lebensmotto, mit dem Nina sich so schnell nicht entmutigen lässt: Auf das Beste hoffen aber immer auf das Schlimmste vorbereitet sein.