“Wie du in den Wald reinrufst, so kommt es auch zurück.”
Die Bustür öffnet sich zischend an der Haltestelle. Noch bevor die ersten Menschen richtig eingestiegen sind, drängt sich eine Frau nach vorne. In der Hand hält sie ihre Monatskarte. Mit genervtem Blick streckt sie sie Heinrich Seifert entgegen. „Hier, die teure Monatskarte!“, sagt sie scharf, fast vorwurfsvoll, als hätte er den Preis festgelegt. Für eine Antwort lässt sie ihm keine Zeit. Kaum hat sie die Karte gezeigt, läuft sie weiter nach hinten. Er bleibt still. Keine Diskussion, kein Kommentar. Sein Blick wandert kurz in den Rückspiegel, dann wieder auf die Straße. Hinter der Frau warten schon die nächsten Fahrgäste. Menschen steigen ein, zeigen Tickets, suchen Plätze. Der Fahrplan läuft weiter. Für Gespräche oder Rechtfertigungen bleibt keine Zeit. Für Freundlichkeit nur selten.
Ein paar Stunden früher stehe ich noch ahnungslos an der Haltestelle und warte auf den Bus Richtung Überlingen. Die Sonne ist warm an diesem Donnerstagnachmittag. Pünktlich um 15.26 Uhr kommt er angefahren. Heinrich Seifert sitzt vorne am Lenkrad. Hier gehört er hin, hier fühlt er sich wohl. Später, in seiner Mittagspause, werden wir sprechen, bis dahin bin ich einfach Fahrgast.
Hinsetzen bitte
Nun befinde ich mich also im richtigen Bus, mit dem richtigen Zielort, zur richtigen Uhrzeit. Und dennoch stehe ich vor einer der größten Herausforderungen als Fahrgast: Wo setze ich mich hin?
Jeder hat seine eigenen Strategien. Schließlich trifft man hier eine Entscheidung für die restliche Fahrt. Die beliebtesten Sitze sind wohl die leicht erhöhten Zweiersitze: ein Fenster, nur maximal eine Person neben dir, geringes Risiko für Blickkontakt und gleichzeitig einen guten Überblick über den Businnenraum. Damit ist meine Entscheidung also getroffen. Ich laufe hin und setze mich.
In den Bus passen etwa 70 Menschen. Auf der Strecke zwischen Stockach und Überlingen am Bodensee nimmt Seifert jeden mit. Ein Zusammentreffen verschiedener Menschen. Für einen kurzen Augenblick liegt ihr Ziel in derselben Richtung. Bis sie aussteigen und ihre Wege sich wieder trennen.
Wir fahren jede Haltestelle an. Eingestiegen wird nur vorne. Seifert kontrolliert ganz genau jeden Fahrschein. Eine Dame kommt herein und grüßt ihn freundlich, er grüßt zurück. Die meisten anderen laufen aber nur stumm an ihm vorbei. So ist das. Seifert setzt den Blinker und fährt weiter. Ein kurzer Schulterblick und – einfach weitermachen. Ich lasse meine Gedanken schweifen und blicke auf die vorbeiziehende Landschaft.
Seifert erzählt mir, dass er selten mehrere Tage hintereinander dieselbe Strecke fährt. Es wechselt ständig. Auch die Zeiten. Seinen Alltag zu planen, falle ihm schwer. Vor viereinhalb Jahren wechselte er den Beruf zum Busfahrer. Eine Umschulung, dann konnte er starten. Ein Geschenk für die Unternehmen im Nahverkehr. Der Personalmangel ist riesig. Immer öfter wird auf Quereinsteiger*innen gesetzt. Bundesweit fehlen etwa 20.000 Fahrer*innen. Niedrige Löhne, unregelmäßige Schichten und Wochenendarbeit schrecken die Arbeitnehmer*innen ab. "Die Kosten für den Busführerschein und die notwendige Berufskraftfahrerqualifikation liegen bei 10.000 bis 12.000 Euro. Ohne Förderung durch die Arbeitsagentur beziehungsweise das Jobcenter oder das Unternehmen selbst kann dies kaum gestemmt werden.", so Volker Tuchan, Geschäftsführer des Landesverbandes Hessischer Omnibusunternehmen e.V., in einem Interview mit der ARD.
Endlich kündigt die freundliche Damenstimme aus den Lautsprechern an: „Nächster Halt – Endstation Überlingen Busbahnhof“. Es ist 16:03 Uhr. Seifert hat nun Pause. Die letzten Fahrgäste steigen aus dem Bus und ich laufe nach vorne durch. Für das Interview bleibt er an seinem Lenkrad sitzen. Ich stehe neben ihm. Eine Glasscheibe trennt uns. Als Kind wollte ich gerne so werden wie er. Busfahrerin. Die Vorstellung gefiel mir, Menschen von zu Hause abzuholen, sie zur Schule oder zur Arbeit zu bringen und später wieder zurück. Ein Lächeln umschließt seine Mundwinkel und kleine Lachfalten umspielen seine Augen. Ein sehr offenes Lächeln und sofort strahlt er Wärme aus. Er macht seine Arbeit gerne, sagt er. Natürlich gibt es mal gute Tage, mal schlechte. Ich möchte mehr wissen.
Wir kennen ihre Linie, ihre Fahrtzeiten, wissen wo sie lang fahren. Doch wir wissen nicht, wie es ist, täglich Verantwortung für einen ganzen Bus voller Menschen zu tragen. Wir wissen nicht, wie viel Geduld und Beständigkeit dieser Beruf einen Menschen kostet. Wir wissen nicht, wie es ist.
Busfahrer Seifert hat viel zu erzählen. Er kennt mittlerweile die Taktiken seiner Fahrgäste, um beim Ticket zu sparen. Mit lebhaften Gesten zeigt er, wie ein Gast ihm die Karte hinhält und sie anschließend nach hinten weiterreicht. Er schmunzelt: „Die denken immer, dass wir es nicht sehen“. Einmal musste er sogar das Deutschlandticket eines Schülers einziehen. Es war seit zwei Jahren abgelaufen. Manchmal drückt Seifert aber auch mal ein Auge zu. Gerade an diesem Morgen stieg ein kleiner Junge ohne Ticket in den Bus. Wäre es Wochenende oder Feiertag gewesen, hätte er den Jungen nicht mitgenommen. Doch es war ein Schultag. Der Junge musste zur Schule. Also ließ er ihn durch. Aber nicht immer ist Nachsicht möglich.
Einmal musste Seifert sogar vor Gericht aussagen. Der Angeklagte wurde im Bus respektlos, ja fast schon handgreiflich. Daraufhin wurde die Polizei gerufen. Seifert kennt den Ablauf mittlerweile genau. Wenn sich jemand danebenbenimmt, fordert er die Person auf, auszusteigen. Diskussionen vermeidet er. Funktioniert das nicht, übernimmt die Polizei.
Doch es geht auch um scheinbar banale Dinge. Er zeigt auf einen Aufkleber an der Tür: „Essen und Trinken verboten“. Trotzdem hinterlassen Fahrgäste respektlos ihren Müll oder verschütten Getränke. Einmal musste er konsequent durchgreifen. Ein Fahrgast kippte ein Red Bull um und weigerte sich, es aufzuwischen. Für Seifert war klar: Wer gegen die Regeln verstößt, muss die Konsequenzen tragen. Egal ob mit Mütze, Pullover oder Tasche, er musste es wegmachen. Am Ende griff der Mann tatsächlich zu seiner Mütze, um die Flüssigkeit auf dem Boden aufzusaugen.
Für all diese Diskussionen hat Busfahrer Seifert eigentlich gar keine Zeit. Denn er muss einen strikten Zeitplan einhalten. Das Unternehmen verlangt das von ihm. Und gleichzeitig warten auch die Menschen auf ihn.
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Wenn der ganze Bus mitfiebert
Ein neuer Tag. Wieder einmal wurden sie aufgehalten. Der Bus war zum Überladen voll und ein Teil musste eine Zugverbindung erreichen. Doch statt Unruhe entstand etwas anderes: Zusammenhalt. Die Fahrgäste motivierten sich gegenseitig, fieberten gemeinsam mit. Der ganze Bus hoffte, noch rechtzeitig anzukommen. „Drück aufs Gas“, riefen einige, und er gab sein Bestes. Die Fahrgäste organisierten sich sogar selbst. Diejenigen mit Anschluss durften zuerst aussteigen. Seifert bewahrt diese Situation als besondere Erinnerung. So viel Zusammenhalt, ein gemeinsames Ziel – alle hofften und bangten, dass es klappt. Auch er.
Im Alltag von Busfahrern gibt es aber auch noch eine andere Art von Herausforderungen. Die Technik. Während des Interviews möchte ich noch ein Video aufnehmen, dafür brauchen wir mehr Platz. Ich bitte ihn, die Tür zu öffnen. Doch nur ein Flügel regt sich. Der andere bleibt zu. Kein seltener Fall, so Seifert. Die Busse sind oft alt, technische Defekte gehören zum Alltag. Auch das ist eine zusätzliche Belastung in seinem Beruf. Na gut, dann ist eben ein bisschen Kreativität gefordert. Irgendwie gelingt es uns schließlich doch, die Kamera passend zu positionieren.
Ein großes Glas ragt neben ihm in die Höhe. Es trennt ihn zu den Fahrgästen. Vielleicht auch ein Schutz für ihn. Nur eine kleine Öffnung lässt Platz für Kontakt.
Die Anonymität im Bus gehört oft zum Alltag von Busfahrern, und doch hat Seifert ein paar neue Bekanntschaften gemacht. Ja, sogar richtig enge Verbindungen haben sich entwickelt. Menschen, die täglich mitfahren. Menschen, die ihm mit Wertschätzung begegnen. Denn Respektlosigkeit ist der Alltag für Busfahrer. Beleidigungen sind keine Seltenheit. Seifert wünscht sich mehr Freundlichkeit und Anerkennung in seinem Alltag. Wenn die Leute sich an die Regeln halten und ihm unnötige Diskussionen ersparen, wäre seine Arbeit leichter.
„Ich sage auch manchmal so: Wie du in den Wald reinrufst, so kommt es auch zurück”.
Die halbe Stunde Pause ist jetzt vorbei. Weiter geht seine achtstündige Schicht. Ich setze mich wieder zum Fensterplatz. Neben mir telefoniert eine Frau lautstark und hinter mir unterhalten sich ein paar Jugendliche über ihren Schultag. Ich sitze wieder hier. Als Fahrgast. Und doch nicht mehr wie zuvor. Etwas hat sich verändert. Sei es meine neu gewonnene Perspektive. Oder die Tatsache, nicht alles für selbstverständlich zu nehmen. So wie eigentlich alles im Leben, aber eben auch die Busfahrer*innen.