Telefonseelsorge

Wenn fremde Seelen leiden

Die Berater sind 24 Stunden am Tag für die Anrufer da.
31. Jan. 2019

Wenn man in scheinbar ausweglosen Situationen mit niemandem reden kann, kann ein Anruf bei der Telefonseelsorge helfen. Doch wer sind die Menschen, die den Hörer abnehmen und Fremden Gehör schenken, wenn sie sonst nicht weiter wissen? Martina* ist 59 Jahre alt und arbeitet ehrenamtlich für die katholische Telefonseelsorge Ruf und Rat in Stuttgart.

Viel hat sie schon erlebt: Martina hatte eine schwere Kindheit, ist geschieden und hat mit über 50 Jahren die Liebe ihres Lebens getroffen, mit der sie heute glücklicher ist als je zuvor. Sie ist schon immer sehr aktiv in ihrer katholischen Gemeinde gewesen und setzt sich gerne für Menschen und deren Probleme ein. Zu Ruf und Rat kam sie über das Interesse ihres Partners, der sie auf einen Infoabend mitnahm. 


Ruf und Rat begann 1962, aufgrund der damals sehr hohen Suizidrate mit den telefonischen Beratungen. „Damals waren Depressionen in der Gesellschaft noch nicht als Krankheit anerkannt. Betroffene machten sich selbst für depressive Symptome verantwortlich. Dass jemand ärztliche oder therapeutische Hilfe gesucht hat, war eher die Ausnahme“, erklärt Bernd Müller, Stellvertretender Leiter der Beratungsstelle in Stuttgart. Die Zahl der Suizide hat sich seit den 80er Jahren halbiert: Im Jahr 2015 starben 10.080 Menschen in Deutschland durch Selbstmord. Dies wird auch bei den Beratungsgeprächen deutlich, denn Suizidgedanken stehen kaum noch im Mittelpunkt. Aktuelle Themen sind immer häufiger psychische Erkrankungen wie Borderline, Suchtbewältigung, schwere Krankheiten wie Krebs oder Familienstreitigkeiten. Auf jedes Problem sind die insgesamt 52 ehrenamtlichen und zehn hauptamtlichen Berater vorbereitet und können oft auch mit eigenen Erfahrungen den Anrufern zur Seite stehen. „Ich denke es ist wichtig zu wissen, wie man mit belastenden Themen umgehen kann. Mit einer fremden Person über erlebte Probleme zu sprechen kann helfen, Erlebtes neu zu reflektieren und alternative Verhaltensmöglichkeiten zu entdecken“, so Bernd Müller. 

Das eigene Schicksal positiv nutzen


Auch Martina kann bei bestimmten Anrufen auf ihre eigene Vergangenheit zurückgreifen. Als Kind wurde sie missbraucht, war hilflos und allein. Heute noch fällt es ihr nicht leicht, darüber zu reden. Anrufe zu diesem Thema vergisst sie nicht: „Einmal rief ein besorgter Vater an, der den Verdacht hatte, sein minderjähriges Kind würde sexuell missbraucht“, erzählt Martina. Sie merkte damals, wie sich ihr Magen zusammenzog und sie etwas ins Straucheln geriet. Offen gibt sie zu, dass es anfangs nicht leicht war, mit diesen Anrufen umzugehen und sie Angst hatte, die Situation auf sich selbst zu projizieren. Sie wollte nicht ihre eigenen Erfahrungen als Beispiel heranführen oder Tipps geben, die ihr geholfen hätten, denn jeder Mensch reagiere ja schließlich anders auf solche Erlebnisse. Doch sie fand ihren Weg, damit umzugehen: „Ich sage dann immer, reden Sie einfach mit ihrem Kind, fragen Sie vorsichtig nach und seien Sie einfach da.“ 

Mit solchen Situationen umgehen zu können, ist ein wichtiges Ziel der einjährigen Ausbildung für die ehrenamtliche Telefonseelsorge. Jeden Montag treffen sich die Auszubildenden für eineinhalb Stunden und lernen vor allem viel über Selbstwahrnehmung und Fremdreflexion. Eine besondere Übung sind Testgespräche, in denen Sprechtechniken und Gesprächsführung geübt werden. Die Gruppen bestehen meist aus sechs bis elf Personen, sodass die Ausbildung sehr intensiv für jeden einzelnen ist. In den alle zwei Wochen stattfindenden Supervisionssitzungen können die Mitarbeiter über ihre Gefühle, schwierige Anrufe und andere Probleme offen reden. Für Bernd Müller sind diese Sitzungen sehr wichtig, denn Ruf und Rat sei mehr als eine reine Telefonseelsorge – es ist eine Gemeinschaft, in der sich die Kollegen wohlfühlen und offen über ihre Gefühlslagen sprechen sollen. 

„Es ist wichtig, Menschen länger zuhören zu können.“

Martina

Die Gesprächsführung war eine neue Herausforderung für Martina, denn es ist wichtig, Telefonate auch abbrechen zu können, wenn diese zu keinem Erfolg führen und die Beteiligten sich im Kreis drehen. Meist akzeptieren die Anrufer den Wunsch der Berater, erkennen selbst, dass sich das Gespräch nicht in die richtige Richtung entwickelt und geben die Leitung für andere frei. Andere wiederum werden sauer und aggressiv. „Auch mit solchen Fällen muss man umgehen können. Ich finde es schade, wenn ich nicht für die Person da sein konnte, suche den Fehler jedoch nicht bei mir, sondern weiß, dass es einfach nicht gepasst hat“, erklärt Martina. 

Über 24.000 Anrufe sind im Jahr 2017 bei Ruf und Rat eingegangen, davon waren 16.600 tatsächlich geführte Beratungsgespräche. Die restlichen Anrufe waren zum Beispiel Schweigeanrufe, bei denen der Anruf nach wenigen Sekunden ohne Antwort beendet wird oder Anrufe, die nichts mit der Telefonseelsorge zu tun haben.

Nach Antritt der Ausbildung verpflichtet man sich für drei Jahre, dieses Ehrenamt auszuüben. Neben den 20 Stunden im Monat müssen fünf Nachtschicht-Dienste in einem Jahr geleistet werden. Die Schichten können drei Monate im Voraus eingetragen und geplant werden. Während der langen Nachtschichten ist es möglich, sich für ein bis zwei Stunden schlafen zu legen oder eine kurze Dusche zu nehmen, um neue Energie für die restlichen Stunden zu tanken. 

Seit einem Jahr ist Martina nun mit dabei und hat auch schon ihre kleinen Rituale entwickelt, um sich auf ihre Schicht vorzubereiten: Sie kommt immer zu Fuß, um einen freien Kopf zu haben, setzt Kaffee auf, holt sich ein Glas Wasser, legt ihren Rosenkranz neben die Tastatur und stellt sich ein kleines Bild oder eine Engelsfigur neben den Bildschirm – dann kann es los gehen. Drei bis sechs Anrufe führt sie in der Regel während der viereinhalb Stunden langen Schicht.

Das Schönste sei es, wenn sie nach einem Gespräch spürt, dass ihre persönliche Geschichte einen positiven Sinn erhält, weil sie dadurch besser auf ähnliche Erlebnisse von Anrufern eingehen und somit helfen kann. Solche Erfolge werden auch in den Supervisionssitzungen besprochen, denn die Kollegen sollen sich untereinander loben und an den Erfolgen der anderen teilhaben. „Wenn ich mein gutes Gefühl von den Kollegen im Feedback bestätigt bekomme, weiß ich wieder, dass das alles einen Sinn hat, dass ich helfen kann und vor allem, dass ich mir, meinen Gefühlen und meiner Wahrnehmung trauen kann.“

Ruf und Rat ist immer auf der Suche nach hilfsbereiten Menschen – auch junge Leute können mitmachen! Die derzeit jüngste Ehrenamtliche ist 23 Jahre alt. Falls auch du dich für dieses Ehrenamt interessierst, findest du unter folgendem Link alle wichtigen Informationen:

https://ruf-und-rat.de/telefonseelsorge/

Falls du selbst Probleme oder Sorgen hast, über die du mit jemandem reden möchtest, dann erreichst du die Telefonseelsorge unter dieser Nummer: 0800 111 0 222

*Name wurde von der Redaktion geändert.