Das Atelier am Bollwerk in der Hohen Straße, Stuttgart. | Bild: Noah Vaca Weber

edit.Puls Kinoentwicklung
„Star Wars“ auch im Arthauskino?

Das Atelier am Bollwerk in der Hohen Straße, Stuttgart. | Bild: Noah Vaca Weber

11 Dec 2017

Kinos sind aus der städtischen Unterhaltungslandschaft nicht wegzudenken. Neben den großen Ketten gibt es aber auch kleine Kinos, die auf Veränderungen in der Branche reagieren müssen. Über „Star Wars“, Brotfilme und die Probleme der Digitalisierung.

Ein schwarzer Anzug. Eine Atemmaske. Ein rotes Lichtschwert. Darth Vader schlendert über die Tübinger Straße in der Stuttgarter Innenstadt. Sein dunkler Umhang wird von der neonblauen Leuchtreklame des Delphi Arthaus Kinos angestrahlt. Auf der Programmtafel des Kinos steht in roten Lettern: „Star Wars – The Last Jedi“. Aber der Krieg der Sterne im Arthauskino? Dies ist eine Folge der Entwicklung der städtischen Kinoszene. 

Am 14. Dezember wird „Star Wars: Der letzte Jedi" im Delphi Arthaus Kino anlaufen. | Bild: Noah Vaca Weber

80 Prozent der Besucher der Arthaus Filmtheater Stuttgart sind über 50 Jahre alt. Peter Erasmus, Leiter der zugehörigen Kinos Delphi und Atelier am Bollwerk, will nun auch andere Altersgruppen anlocken. Dafür spielt er seit einiger Zeit, jüngere, action-lastigere Filme im Delphi: Auch der achte Teil der „Star-Wars“-Saga soll im Dezember in der Originalfassung gespielt werden. Aber ist das noch Arthaus? Erasmus antwortet sofort: „Ja!“

„Selbst Fack ju Göhte 3 war der Aufmacher im Kulturteil der Stuttgarter Zeitung. Und dann muss ich sagen: Wenn Bond Kult ist, wenn Star Wars Kult ist und wenn es im Kulturteil besprochen wird, dann ist es wohl Kultur!" – Peter Erasmus

Erasmus hat sein Kino schon einmal neu strukturiert. Vor 20 Jahren musste er auf schwindende Besucherzahlen reagieren. Damals war das alte Atelier in der Kronprinzenstraße ein reines Programmkino, jeden Monat wurde eine neue Zusammenstellung alter Filme aus den vierziger bis siebziger Jahren aufgeführt. Das Interesse am Repertoire hat jedoch kontinuierlich abgenommen. „Man muss sich in die Zeit zurückversetzen: Wer über Filme reden wollte, musste im Kino gewesen sein. Es gab keine andere Möglichkeit. Die Leute waren neugierig was die letzten 100 Jahre im Kino passiert ist. Diese Neugier ist entweder verschwunden oder hat sich in die Wohnzimmer zurückgezogen“, vermutet Erasmus. Seine Lösung damals? Kino „nach Programm" wurde abgeschafft. Von nun an zeigte Erasmus aktuelle Arthousefilme.

Heutzutage besuchen durchschnittlich 200.000 Besucher die Stuttgarter Arthaus-Kinos im Jahr. Auch wenn sich an diesem Wert nur geringfügig etwas ändert, beklagt sich Erasmus über nicht gefüllte Vorstellungen. Auch die Anzahl der Kinos geht in Deutschland zurück. Warum ist das so?

„Brotfilme“, um kleinere Produktionen zu finanzieren

Ein Grund für weniger Zuschauer in den Sälen sind kleine Independent-Produktionen. Diese haben meist keine große Reichweite und locken daher auch weniger Besucher ins Kino. Um sie aber trotzdem zeigen zu können, braucht das Arthaus-Kino „Brotfilme“. So nennt Erasmus größere Produktionen, die Geld in die Kinokassen bringen sollen. Bei diesen Filmen gibt es aber das Problem der Konkurrenz: „Wenn die Filme größer sind, schicken die Verleiher mehrere Kopien nach Stuttgart und dann muss ich mir den Kuchen mit anderen Kinos teilen“, erzählt Erasmus.

Bei diesen Überschneidungen im Programm gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Lichtspielhäusern. Der im November angelaufende Film „Mord im Orient-Express“, sei in den Mainstreamhäusern, wie dem Cinemaxx, besser besucht worden, als im Arthauskino, so Erasmus. 2014 hatte er mehr Glück: Der Kinoverleih verschickte nur 2 Kopien des Films „Monsieur Claude und seine Töchter“ nach Stuttgart. Eine zum Atelier am Bollwerk. Der Film sorgte wochenlang für ausverkaufte Säle.

Digitale Filmkopien: „Jetzt kann jeder mitspielen“

Das Problem der Konkurrenz kennt auch Andreas Fuhrmann, Leiter des Corso Cinema International in Stuttgart-Vaihingen. Er vermutet, welcher Aspekt zu dieser Entwicklung beigetragen hat: Die Digitalisierung. Früher hat eine 35-Millimeter-Filmkopie den Verleih um die 1500 Euro gekostet. Für eine digitale Version müssen die Daten nur auf eine Festplatte gespielt werden. Die Kosten: 200 Euro. Damals sei dem englischsprachigen Kino immer eine Filmkopie im Originalton sicher gewesen, erzählt Fuhrmann. Andere Kinos hätten warten müssen, bis sie fertig gespielt hatten. „Jetzt kann jeder mitspielen“, stellt er fest

Daraus folgt auch eine andere Entwicklung: Die Kinos sind nicht mehr auf ihre Schwerpunkte angewiesen. „Wenn man früher Programmkino sehen wollte, ist man in Stuttgart zum Herr Erasmus gegangen, für Filme auf englisch ins Corso und für Action ins Ufa oder Cinemaxx“, zählt Fuhrmann auf. Die Programme der Kinos würden immer mehr verschwimmen. Umso schwieriger wird es dann Stammkunden zu gewinnen, die für kleinere Kinos sehr wichtig sind. Verlieren diese durch die Programmvermischung an Bedeutung?

Im Vergleich zum Gesamtmarkt verlieren kleine Lichtspielhäuser nur relativ wenig Zuschauer. Stammkunden bleiben ihnen treu, da die kleinen Kinos eine besondere Bedeutung für die Stadt haben. „Die Amerikaner kommen hier zum Beispiel rein und gehen danach was essen. Das heißt die ganze Umgebung lebt mit davon“, erläutert Fuhrmann. Erasmus hebt auch den kulturellen Wert hervor: „Wir decken den Bereich des anspruchsvollen Kinos ab, der über das Mainstreamerlebnis hinaus geht. Es gehört zu einer Stadt dazu, so eine Art von Kino zu haben.“

Darth Vader, eigentlich Mikrotechnologe aus Backnang, darf nach einem langen Drehtag sein Lichtschwert einpacken. Der Werbefilm zur „Star Wars Countdown Party“ im Delphi ist abgedreht. Hier wird sich Erasmus um mangelnde Besucher bestimmt keine Sorgen machen müssen.