Keuschheitskultur

Sex zwischen Scham und Halbwissen

19. Mai 2021
USA - Land of the Prüderie? Sex ist in Teilen der Nation tabu. Fragwürdige Methoden werden angewendet, um Jugendliche davon abzuhalten. Junge Amerikaner*innen müssen lernen, ihre Sexualität zwischen Angstbotschaften und falschen Fakten zu navigieren.

Die YouTuberin und Autorin Brenda Marie Davies, alias GODISGREY, ist in der amerikanischen Keuschheitsbewegung aufgewachsen. Von klein auf wurde ihr eingetrichtert, keusch zu leben, also keinen Sex vor der Ehe zu haben. Eine prägnante Erinnerung daran ist ein Gottesdienst für Jugendliche, den sie mit zwölf Jahren besuchte. Sie hatte sich besonders auf den Tag gefreut, da speziell diese Kirche bekannt dafür war, viel über Sexualität zu sprechen. „Ich wollte so gerne über Sex reden“, erzählt sie lachend. Leider musste sie feststellen, dass der Fokus dieses Gottesdienstes nicht auf Sex, sondern auf der Bewahrung der Jungfräulichkeit junger Frauen lag.

Sie erklärt: „Jungfräulichkeit stand immer für den Wert eines Mädchens.“ Um diese Botschaft anschaulich darzustellen, kaute der Pfarrer vor allen Zuschauer*innen einen Kaugummi und zeigte ihn anschließend herum. „Es war fast, als würde er einen Witz erzählen“, erinnert sie sich. Daraufhin fragte er die Jungen im Publikum, wer von ihnen diesen vorgekauten Kaugummi weiterkauen wolle. Der Kaugummi stand dabei symbolisch für die Körper der Mädchen und sollte sie vor dem vorehelichen Sex warnen. Laut Brenda wurde Sex als etwas Schmutziges dargestellt. Als Akt, bei dem Männer Frauen etwas wegnehmen.

„Es war, als wären wir auf eine Art beschmutzt, abstoßend und irgendwie auch weniger wertvoll.“

Brenda Marie Davies

Das ist nicht die einzige Erfahrung, die Brenda mit solchen Vergleichen machte. „Einige Vergleiche sind Standard und kommen oft vor“, so Brenda. Ähnliches erlebte sie auch mit einem Glas Wasser, in welches männliche Zuschauer spucken sollten und einem Schokoriegel, von dem diese abbeißen durften. Besonders schlimm findet Brenda, dass in vielen Teilen der USA sonst nie über Sex gesprochen wird, nicht einmal in der Schule. Über Sex wissen einige Teenager so nur, dass die Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit angeblich über allem steht.

Jungfräulichkeitsschwüre und Keuschheitsringe

Hintergrund dieser Botschaften ist die amerikanische Keuschheitsbewegung, die ab den 90er-Jahren besonders an Unterstützung gewann. Keuschheit wurde besonders in Kirchen und Schulen thematisiert. Jugendliche legten Jungfräulichkeitsschwüre ab und gaben an, sich für die Ehe aufheben zu wollen. Als Beweis dafür trugen viele die sogenannten Keuschheitsringe. Selbst Berühmtheiten wie Britney Spears, Selena Gomez oder Miley Cyrus schmückten damit ihre Finger. Doch nicht immer wurden die besten Methoden verwendet, um Jugendlichen die Enthaltsamkeit einzutrichtern. Besonders Frauen litten oft darunter. Brendas Fall ist kein Einzelfall. Viele Menschen sprechen mittlerweile über die schmerzhaften Erinnerungen und die Scham, die sie verspürten.

Scham und Schuldgefühle

Die Professorin und Erziehungswissenschaftlerin Dr. Barbara Rendtorff weist auf die ernsten Auswirkungen solcher Angstbotschaften hin. „Alles, was Angst macht, wirkt sich irgendwie aus“, betont sie. Es signalisiere den Frauen, dass deren Sexualität etwas Böses und Schmutziges sei. Zudem könnte es ihnen so später die Lust am Sex nehmen. Die eigene Sexualität gehört ihnen dann nicht mehr selbst, sondern einem späteren Mann. Gerade die Tabuisierung des eigenen Körpers und der eigenen Sexualität, die Kindern in jungen Jahren weitergegeben werden, sieht sie als besonders kritisch an.

Abstinenz statt Aufklärung

Problematisch ist, dass viele der Jugendlichen, die diesen Botschaften ausgesetzt sind, sonst mit keinem Erwachsenen über Sex sprechen. So haben sie gar nicht die Gelegenheit, diese anzuzweifeln. Längst nicht alle Staaten verlangen von den Schulen, Sexualkunde zu unterrichten. Ein Bericht des Guttmacher-Instituts zeigt, dass gerade mal 28 der 50 Staaten und Washington D.C. sowohl Sexualkunde als auch HIV-Aufklärung vorschreiben. Einheitliche Standards für den Inhalt des Unterrichts gibt es nicht. Nicht überall muss über Verhütung gesprochen werden und in gerade mal 18 Staaten müssen unterrichtete Informationen auch medizinisch akkurat sein. Selbst in den Schulen steht die Bewahrung der Jungfräulichkeit oft im Mittelpunkt. Über Abstinenz soll in 39 Staaten und Washington D.C. gesprochen werden, und in 19 Staaten muss betont werden, dass Sex nur innerhalb der Ehe stattfinden sollte.

Um den Inhalt anzuzeigen müssen Sie zuvor der Nutzung von Marketing Cookies zustimmen.
Sexualkundeunterricht in den Vereinigten Staaten von Amerika. | Quelle: Emelie Wenz

Diese Programme haben eigentlich das Ziel, Jugendliche zu beschützen. Haben sie keinen Sex, kann es natürlich weder zu ungewollten Schwangerschaften noch zu sexuell übertragbaren Krankheiten kommen. Doch ob Jugendliche wirklich weniger Sex haben, wenn sie nichts darüber lernen, ist fraglich.

Ausblick auf die Zukunft

Die Extreme der amerikanischen Keuschheitsbewegung wird mittlerweile von vielen Amerikaner*innen stark kritisiert. Ehemalige Mitglieder wie auch Brenda sprechen öffentlich über die schädlichen Botschaften und kämpfen für Besserung. Trotz dessen müssen die angerichteten Schäden aufgearbeitet werden. Brenda merkte erst viel später, wie sehr sie die Erfahrungen aus ihrer Jugend beeinflusst haben. Sie musste einen langen Weg gehen, um diese Botschaften zu verlernen, die Scham hinter sich zu lassen und ihre Sexualität zu erforschen. Jetzt nutzt sie ihre Plattform, um Missverständnisse über Sex und ihren christlichen Glauben aus der Welt zu schaffen. Außerdem will sie sich für eine umfassendere Sexualbildung in amerikanischen Schulen einsetzten. Eine Sexualerziehung, die nur auf Enthaltsamkeit beruht und dabei Jugendlichen wichtiges Grundwissen vorenthält, ist hoffentlich schon bald Geschichte.

Mehr zu Brenda und ihrer Geschichte findest du hier:

Brendas YouTube-Channel

Brendas Instagram