Weltrekord in Mexiko: die längste (217 Meter) und zugleich höchste (247 Meter) urbane Highline. | Bild: One Inch Dreams | www.oneinchdreams.de

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Hoch hinaus

Weltrekord in Mexiko: die längste (217 Meter) und zugleich höchste (247 Meter) urbane Highline. | Bild: One Inch Dreams | www.oneinchdreams.de

12 Dec 2018

Den Traum zum Beruf machen – wollen wir das nicht alle? Für das Slacklineteam One Inch Dreams ist das Realität geworden: Aus Slackline-Abenteuern entstanden Weltrekorde und ein Geschäftsmodell. 

„Aus welchem Zirkus seid ihr denn ausgebrochen?“ Kommentare wie diese hörte Slackliner Johannes Olszewski, Mitgründer von One Inch Dreams, früher häufig. Inzwischen gehört der Seiltanz auf einem Polyesterband auch im Stuttgarter Schlosspark genauso zum Sommertag wie die Fahrradfahrer. Doch der wacklige Balanceakt ist nicht nur ein spaßiger Zeitvertreib, sondern ebenso ein herausfordernder Extremsport – auch für das Slacklineteam One Inch Dreams aus Deutschland. Sie verfolgten ihre Träume von der höchsten Highline und der längsten Slackline oder Waterline der Welt und stellten so 16 Weltrekorde auf. 

Fahre über die Icons, um die 16 Weltrekorde von One Inch Dreams zu sehen. | Bild: One Inch Dreams | www.oneinchdreams.de | Umsetzung Leonie Bauer via Thinglink

Erst vor einem Monat hat One Inch Dreams das Slackline-Projekt „Building Bridges“ durchgeführt. Das Auswärtige Amt in Berlin suchte nach einer Metapher für die deutsch-amerikanische Freundschaft. Umgesetzt hat One Inch Dreams eine in 500 Metern Höhe gespannte Highline zwischen zwei mit den Nationalflaggen bedruckten Heißluftballons im Monument Valley. Ein Sinnbild dafür, dass alles möglich ist, wenn zwei Partner Hand in Hand zusammenarbeiten. Für Johannes, der verantwortlich für Marketing, Organisation und Verfilmung der Projekte ist, war das „das größte und aufregendste Projekt, das wir je gemacht haben“, eine emotionale Achterbahnfahrt.

One Inch Dreams’ Heißluftballon-Highline im Monument Valley In 500 Metern Höhe überquert Teammitglied Niklas Winter die Highline zwischen zwei Heißluftballons. | Bild: One Inch Dreams | www.oneinchdreams.de

Der erste Teil des Projektes ist damit abgeschlossen, doch die Arbeit von One Inch Dreams ist noch nicht vorbei. Im nächsten Schritt sichtet das Team das Videomaterial und schneidet die Filme. Neben der Filmproduktion und den Slackline-Projekten als Filminhalt gehören zu ihrem Geschäftsmodell auch Slackline-Workshops, Vorträge zum Thema „Stepping out of your comfort zone“ und der Verkauf selbst entwickelter Slackline-Produkte.

Für Johannes begann die Faszination Slackline schon als Kind. Mit 13 Jahren machte er die ersten Schritte auf einer Slackline. Nach kurzer Zeit war für ihn und seine besten Freunde die logische Konsequenz: „vom Boden in die Höhe“. Schnell reichte der heimische Park dafür nicht mehr aus und sie suchten neue Herausforderungen. Gemeinsam brachten sie Slacklinen an verschiedene Orte, zum Beispiel zu den Meteora-Felsen in Griechenland. Das UNESCO-Weltkulturerbe ist für seine „schwebenden Klöster“ bekannt, die auf den bis zu 500 Meter hohen Felsen liegen. 

One Inch Dreams’ Highline in Meteora Johannes Olszewski überquert eine 40 Meter hohe Highline in Meteora, Griechenland. | Bild: One Inch Dreams | www.oneinchdreams.de

Die Bilder, die bei diesem ersten großen Highline-Abenteuer entstanden, verbreiteten sich schnell in den Medien. Auf einmal waren die drei Jungs bekannt geworden. Sie bekamen Anfragen zu Slackline-Workshops und wurden zu ihren Projekten befragt. Aufgrund dessen beschlossen sie, eine Firma zu gründen – One Inch Dreams. In dem heute achtköpfigen Team ist Johannes nicht mehr der Slackliner. Doch er weiß noch genau, wie es sich anfühlt, auf einer Highline zu laufen.

Warum setzt man sich freiwillig einer solchen Todesangst aus? Jonas Weidemann, ehemaliger Psychologie- und Sportwissenschaft-Student der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, hat in seiner Diplomarbeit die psychologischen Hintergründe des Highlinens untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es dabei vor allem darum geht, die eigenen Grenzen und Ängste zu überwinden. 

Auch für den Stuttgarter Slackliner Tobias R. macht genau dies das Highlinen aus: „Bei manchen dauert es bis zu einem Jahr, bis sie auf einer Highline aufstehen können. Aber wenn man es dann schafft, hat man diese unglaubliche Erfahrung, über sich selbst hinauszuwachsen und einfach alles erreichen zu können.“

One Inch Dreams verbindet dieses Gefühl mit dem Beruf. Doch neben dem Positiven sieht Johannes darin auch eine kleine Schattenseite: Der Idealismus und der Spaß am Slacklinen hätten abgenommen, seit es die Firma gibt. Er identifiziere sich immer mehr über seinen Job bei One Inch Dreams und immer weniger über den Sport an sich. Denn: „In dem Moment, wo ein Traum zum Beruf wird, nimmt der Traum nicht mehr so viel Stellenwert ein im Leben.“

Slacklinen ist eine Sportart, bei der auf einem 2,54 cm breiten dynamischen Band balanciert wird. Ursprünglich kommt das Slacklinen aus dem Yosemite-Nationalpark in Kalifornien, wo Kletterer an Ruhetagen anfingen, ihre Kraft und ihr Gleichgewicht auf Absperrketten und Kletterseilen zu trainieren. Inzwischen werden Slacklines überall auf der Welt eingesetzt und aus modernen Materialien hergestellt. Zum Beispiel aus Polyester, was im Gegensatz zu Polyamid (Nylon) eine geringere Dehnung aufweist und damit deutlich stabiler ist. Auch haben sich unterschiedliche Disziplinen des Slacklinens herausgebildet. Dazu gehören das Highlinen, bei dem die Line in einer Höhe angebracht ist, aus der ein gefahrloses Abspringen nicht mehr möglich ist, das Waterlinen, bei dem die Line über dem Wasser gespannt wird und das Longlinen, bei dem die Line mindestens 25 Meter lang ist.