Paul Hermann. Im Hintergrund das Pfarrhaus von Vorbachzimmern. | Bild: Privates Archiv

Politik&Aktion Widerstand von der Kanzel
Pfarrer unterm Hakenkreuz

Paul Hermann. Im Hintergrund das Pfarrhaus von Vorbachzimmern. | Bild: Privates Archiv

27 Jun 2020

Er wurde bespitzelt, denunziert und unter Druck gesetzt. Paul Hermann war Pfarrer zur Zeit des Nationalsozialismus und soll sich gegen die Nazi-Faschisten aufgelehnt haben. Was ist dran am Familienmythos? Ich begebe mich auf die Spuren meines Urgroßvaters.

Vieles habe ich schon über ihn gehört. Mein Urgroßvater Paul Hermann war einer, der den Nationalsozialisten die Stirn bot. Das ist es, was der Familienmythos besagt. Er wurde 1900 im baden-württembergischen Sindelfingen geboren und hat zwei Kriege überlebt. Ich möchte wissen: War mein Urgroßvater wirklich ein Held, wenn auch nur im Kleinen?

Paul Friedrich Hermann wurde am 21. Mai 1900 in Sindelfingen geboren. Von Juli bis Dezember 1918 leistete er Heeresdienst als Kanonier. Er studierte erst Bibliothekswesen, später Theologie. Seine erste Pfarrstelle war in Vorbachzimmern. 1937 wechselte er nach Oppenweiler. 1949 trat er seine letzte Pfarrstelle in Stuttgart-Heumaden an. Im Jahr 1958 ging er in den Ruhestand. Während seiner Studienzeit lernte er seine spätere Frau Marta kennen, mit der er drei Kinder hatte. Nach seinem Ruhestand ließ er sich in Göppingen-Faurndau nieder und verstarb am 24. Mai 1978. Alles Erlebte fasste er in handschriftlichen Dokumenten zusammen, aus denen sein Sohn Werner später die Biografie fertigte.

Viele Deutsche reden sich diesen Teil ihrer Familiengeschichte schön. 18 Prozent der Deutschen sagen, dass ihre Vorfahren während des Zweiten Weltkriegs potenziellen Opfern des NS-Regimes geholfen haben (Quelle: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft). Tatsächlich waren es gerade einmal 0,01 Prozent der damaligen Bevölkerung. Für mich ein Grund, genauer hinzusehen. Die Biographie meines Urgroßvaters verschafft mir einen Einblick in das, was er selbst über sein Leben erzählt oder erzählen will. Meine Oma und ihre Geschwister sind bereits verstorben. Heute ärgert mich, dass ich zu den Lebzeiten meiner Oma nicht näher nachgefragt habe. Das erschwert meine Spurensuche.

Trotz des Familienmythos, mein Uropa habe sich den Nazis widersetzt, will ich herausfinden, ob er nicht doch Mitglied in der NSDAP war oder sogar eine Funktion im Dritten Reich hatte. Schon so mancher Ahnenforscher ist über die Vergangenheit seiner Vorfahren gestolpert und negativ überrascht worden. Ein Antrag an das Landesarchiv Baden-Württemberg, das die Entlastungszeugnisse zur Entnazifizierung in seinen Archiven lagert, soll Aufschluss geben. Ich bin froh, als ich es vor mir sehe: Entlastet.

Entnazifizierungsurkunde von Paul Hermann. | Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestellsignatur EL 901/3 Bü 94
Entnazifizierungsurkunde von Paul Hermann. | Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestellsignatur EL 901/3 Bü 94

Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft musste jede*r selbst seine*ihre Vergangenheit offen legen und beglaubigen lassen. Aus der Biografie von Paul Hermann geht hervor, dass er nach Kriegsende ein gefragter Mann zur Entlastung anderer in seinem Ort war.

„Viele Leute (…) suchten mich nun wegen eines Entlastungszeugnisses auf. (...) Bei vielen freute ich mich, dass mein Zeugnis ihnen zum 'Mitläufer' verhalf oder sie vor einer höheren Einstufung bewahrte.“ – Paul Hermann

Dennoch, auch das kann man der Entnazifizierungsurkunde entnehmen, war er Mitglied in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Die NSV war eine Massenorganisation mit mehr als 17 Millionen Mitgliedern. Ihr Tätigkeitsfeld umfasste Gesundheitsfürsorge, Vorsorgeuntersuchungen sowie medizinische Betreuung, die während des Zweiten Weltkrieges vor allem von Bombenopfern in Anspruch genommen wurde (Quelle: Lebendiges Museum Online). Wie die Mitgliedschaft mit seiner Ablehnung gegenüber dem Nationalsozialismus vereinbar ist, ist unerklärlich.

Paul Hermann in Oppenweiler. | Bild: Privates Archiv
Das Pfarrhaus in Vorbachzimmern, Wohnhaus der Hermanns bis November 1937. | Bild: Privates Archiv
Das Pfarrhaus in Oppenweiler und die Jakobuskirche um 1945. | Bild: Privates Archiv
Pfarrhaus und Jakobuskirche in Oppenweiler heute. | Bild: Daniel Wagner
Paul Hermann (vorne links) beim Auslaufen nach der Konfirmation aus der Jakobuskirche in Oppenweiler. | Bild: Privates Archiv
Paul Hermann (links) mit seinen Konfirmanden im Jahre 1939 vor der Jakobuskirche in Oppenweiler. | Bild: Privates Archiv

In seiner Biografie schreibt mein Urgroßvater, dass er dem Hitler-Regime von Anfang an kritisch zugeneigt war.

„Schon als Putschist ist er [Hitler] mir unsympathisch gewesen, ohne dass ich mich um seine Gedanken und Ziele gekümmert hätte. Diese rein gefühlsmäßige Ablehnung habe ich mir bewahrt.“ – Paul Hermann

Trotzdem beschloss er, den Deutschen Christen beizutreten. Die Deutschen Christen bestanden seit 1932 und hatten enormen Erfolg bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933. Die Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche bezeichnete sich als "Sturmabteilung (SA) Jesu Christi" und organisierte sich nach dem Führerprinzip. Nur in Bayern, Württemberg und Hannover konnten sich die Deutschen Christen nicht mehrheitlich durchsetzen. Im September 1933 fand die sogenannte Braune Synode statt, bei der die Einführung des Arierparagraphen beschlossen wurde. Alle Pfarrer und Kirchenbeamte mit jüdischen Eltern und Großeltern sollten in den Ruhestand versetzt werden (Quelle: Christoph Strohm in: Die Kirchen im Dritten Reich). Paul Hermann war anfangs der Überzeugung, wie viele andere Pfarrer auch, dass er durch sein Mitwirken bei den Deutschen Christen vielleicht einiges beeinflussen konnte, um Schlimmeres zu verhindern.

„Schnell stellte sich heraus, dass überall die radikalen Elemente die Oberhand gewannen und dass nur die Zugehörigkeit zur Partei (…) eine Rolle spielte.“ – Paul Hermann

Nach ersten Erfahrungen mit den Deutschen Christen wandte er sich endgültig ab und trat der Bekennenden Kirche bei. Die Bekennende Kirche entstand, unter der Führung von Martin Niemöller, aus einem Pfarrernotbund. Alle Mitglieder unterschrieben eine Verpflichtung, dass der Arier-Paragraph mit dem Glauben an die Kirche Jesu Christi nicht vereinbar ist. Ende November 1933 hatte die Bekennende Kirche bereits mehr als 6.000 Mitglieder, also über ein Drittel der damaligen evangelischen Pfarrerschaft (Quelle: Christoph Strohm).

Mein Urgroßvater äußerte sich, wie aus seiner Biografie hervorgeht, zunehmend kritisch gegenüber dem Regime.

„Von da an war ich bei den Nazis in Dorf und Kreis ein schwarzes Schaf, denn ich hatte ja die Fahne des Führers verlassen. Nun wurde alles, was ich sagte und tat, beargwöhnt, und ich wurde überwacht. In jedem Gottesdienst saß ein Spitzel, der meine Predigten, wenn nicht mitschrieb, so doch die missfälligen Stellen an die Kreisleitung weiterleitete.“ – Paul Hermann

Als Johann Pflüger, der Ortsgruppenleiter der NSDAP Vorbachzimmern, ihn wegen einer Äußerung als Landesverräter anzeigte, wurde es gefährlich für meinen Urgroßvater. Es folgten mehrere Verhöre durch den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Mit Unterstützung des evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart ließ die Staatsanwaltschaft die Anzeige fallen.

Die ständige Beobachtung bereitete ihm zunehmend Probleme: Auch privat wurde die Pfarrersfamilie mit nächtlichen Ruhestörungen oder dem Verteilen von Exkrementen zum Beispiel an der Haustüre belästigt. Auch seine drei Kinder hatten es in der Schule schwer. Die vielen Schikanen und die angespannte Lage veranlassten meinen Urgroßvater, sich auf eine andere Pfarrstelle zu bewerben.

Neuanfang in Oppenweiler

Im November 1937 trat Paul Hermann seine neue Pfarrstelle in Oppenweiler bei Backnang an, wo noch heute der Sohn des bekannten Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg wohnt. Um nicht noch einmal das Gleiche durchmachen zu müssen, beschloss mein Urgroßvater, von Anfang an ganz neutral seiner Arbeit nachzugehen.

„Meiner neuen Anschauung und meinem Vorsatz treu hielt ich mich von Anfang an in allem zurück. Meine Predigten waren biblisch und textgemäß, frei von jeder bewussten Anspielung.“ – Paul Hermann

Er behielt sich jedoch vor, von der Partei missbilligte oder gar verbotene Aufrufe von der Kanzel zu verlesen.

Für die gesamte Familie wurde das Leben leichter und auch seine Kinder wurden in der Schule nicht mehr schlecht behandelt. Die ablehnende Haltung gegenüber den Nazis behielt er dennoch bei. Erst recht, als er erfahren musste, dass sich seine Schwester Gertrud zusammen mit ihrem Mann Walter erschossen hatte, weil diese sonst ins KZ hätten gehen müssen. Das Ehepaar hatte in den Anfangsjahren mehrmals einen jüdischen Studenten bei sich aufgenommen, bevor sich dieser ins Ausland absetzen konnte.

Ein Abschiedsbrief vor dem Selbstmord Abschiedsbrief seiner Schwester Gertrud und deren Mann Walter: Meine liebe Mutter, liebe Geschwister, Wenn ihr diesen Brief lest, werden wir beide, Walter und ich, nicht mehr am Leben sein. | Bild: Privates Archiv

Was ihn quälte, war eine gewisse Mitschuld, die er bei sich suchte: Wie konnte alles so weit kommen?

„Wie furchtbar wirkte sich dieser Krieg aus! Immer mehr fiel er auf uns selbst zurück (…). Wir hatten Hitler an die Macht kommen lassen und ihn durch unsere Ja-Stimmen unterstützt.“ – Paul Hermann

Am Ende der Kriegsjahre hatte die ganze Familie um den einzigen und ältesten Sohn zu bangen. Er war 1942 direkt nach dem Abitur einberufen worden. Monate später war er nach Russland an die Front gekommen. Er desertierte noch vor Kriegsende und kehrte nach der Befreiung durch Amerikaner und Franzosen nach Oppenweiler zurück.

„Am Morgen des 20. April 1945, also an Hitlers Geburtstag, kamen die letzten deutschen Truppen durch unseren Ort und sagten, dicht hinter ihnen rücke der "Ami" nach. Die Hitler-Herrschaft ging bei uns zu Ende.“ – Paul Hermann

Mein Urgroßvater steht beispielhaft für viele, die Hitler, wenn auch nur durch ihre Stimme, an die Macht verhalfen. Er hat schnell gemerkt, dass er auf die Nationalsozialisten reingefallen ist. Trotz allem bewundere ich seinen Mut, den er vor allem in den Anfangsjahren gezeigt hat.