Menü

Artenvielfalt
Schattenbäume für eine nachhaltige Landwirtschaft

Kaffeeplantage mit vereinzelten Schattenbäumen | Bild: Julian Andres Carmona Serrato (Unsplash)

Artenvielfalt Schattenbäume für eine nachhaltige Landwirtschaft

Kaffeeplantage mit vereinzelten Schattenbäumen | Bild: Julian Andres Carmona Serrato (Unsplash)
 

03 Aug 2020

Für viele ist eine gute Tasse Kaffee am Tag eine Notwendigkeit. Häufig wird jedoch vergessen, welche Auswirkungen der tägliche Genuss auf unsere Umwelt haben kann. Der Kaffeeanbau in Monokulturen für den kommerziellen Vertrieb begünstigt das Artensterben und auch Verbraucher sollten nicht blind jedem Nachhaltigkeitssiegel trauen.

Lisa Kopp

6.Semester
seit Oktober 2017

Zum Profil

Jennifer Wißmann

6 Semester
seit 2017

Zum Profil

Greta Kuch

Sechs
seit Oktober 2017

Zum Profil

In Deutschland konsumiert jeder Bürger im Schnitt 162 Liter Kaffee pro Jahr, das sind umgerechnet zwischen zwei bis drei Tassen pro Tag. Das beliebte Heißgetränk hat eine weltweit hohe Nachfrage, nur was bedeutet dies für den Kaffeeanbau?

Für die kommerzielle Kaffeeproduktion werden die Sorten Arabica und Robusta bevorzugt. Während Arabica im gängigen Sprachgebrauch als Hochlandkaffee bezeichnet und vom Konsumenten als hochwertigerer Kaffee angesehen wird, enthält die Robustabohne einen höheren Koffeingehalt, weshalb sie in Kaffeeblends Verwendung findet.

Die Kaffeepflanze selbst ist jedoch sehr sensibel. Sie benötigt ein ausgeglichenes Klima ohne extreme Temperaturschwankungen und möchte möglichst sonnen- und windgeschützt angebaut werden. Um zu gedeihen, braucht die Pflanze ausreichend Niederschlag und eine optimale Bodenqualität.

Daher wird Kaffee ausschließlich in den Ländern innerhalb des „Kaffeegürtels“ angebaut. Die größten Exportländer sind Brasilien, Vietnam und Kolumbien. Die Anbauflächen von Kaffee werden in drei Bereiche unterteilt. Während auf kleinen Anbauflächen nur vereinzelte Kaffeepflanzen weit verstreut stehen, steigt auf größeren Anbauflächen die Anbaudichte. Um der steigenden Nachfrage nach Kaffee jedoch gerecht zu werden, werden die Kaffeepflanzen zumeist in Plantagen angebaut. Die in Reihe gepflanzten Kaffeestauden erstrecken sich dabei über weitläufige Flächen. Dieser technische Anbau bringt vor allem für die Bauern einen großen Vorteil, weil sie einen höheren Ertrag erhalten und für die Ernte Maschinen einsetzten können.

Eine Anbauweise auf den Plantagen, ist die Pflanzung der sonnenempfindlichen Kaffeesträucher unter der freien Sonne. Diese sogenannten 'sun-grown' Kaffeepflanzen werden über Jahre in Monokulturen angebaut, was jedoch negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. Um ausreichend Platz für die Plantagen zu gewährleisten, werden die tropischen Wälder ausgelichtet beziehungsweise abgeholzt. Mit der Abholzung der Wälder geht wichtiger Lebensraum und die damit verbundene Artenvielfalt verloren. Ebenso verliert der Boden durch den Verlust des Wurzelwerks an Stabilität, weshalb es aufgrund des hohen Niederschlages nicht selten zu Bodenerosionen kommt.

Die eigentliche Kaffeepflanze erhält bei dieser Anbauform kaum Schatten und wird dadurch anfälliger für Schädlinge. Der Boden muss durch die einseitige Belastung ständig mit Agrochemikalien aufbereitet werden, um genügend Mineralien für die Pflanzen zu gewährleisten. Dies ist jedoch keine dauerhafte Lösung, weshalb die Anbauflächen meist noch weiter ausgedehnt werden. Zurück bleiben ausgelaugte Plantagen, die sich lediglich als Weideland eignen.

Ökologischer Kaffeeanbau mit Schattenbäumen

Dem gegenüber steht der ökologische Anbau. Die ‚shade-grown‘ Kaffeepflanzen werden unter sogenannten Schattenbäumen gepflanzt. Diese Schattenbäume können zum einen tropische Waldbäume, aber auch weitere Nutzpflanzen wie zum Beispiel Kakao-, Avocado- und Bananenpflanzen sein. Diese Anbauform bietet mehrere Vorteile. Zum einen verdunstet durch das Blätterdach weniger Wasser und wird dadurch länger im Boden gespeichert. Zum anderen dienen die zu Boden fallenden Blätter als natürlicher Dünger. Durch das Wurzelwerk wird der Boden aufgelockert und sorgt dabei für eine stabile und ausgeglichene Bodenqualität. Allerdings können bei dieser Anbauform keine Maschinen für die Ernte eingesetzt werden. Darüber hinaus werden bei dieser Anbauform weniger Kaffeesträucher angebaut, sodass die Ertragsmenge geringer ausfällt.

Ein deutsches Forscherteam hat am Kilimanjaro herausgefunden, dass auf Kaffeeanbauflächen mit heimischen Vögeln und Fledermäusen die Kaffeesträucher mehr Kaffeekirschen hervorbringen. Außerdem haben sie beobachtet, dass dort Fledermäuse und Vögel als natürliche Schädlingsbekämpfer dienen und ihr Kot sich hervorragend als natürlicher Dünger eignet.

Kaffee rückt immer mehr in den Fokus von nachhaltigem Anbau | Bild: Lisa Kopp

Nachhaltigkeitssiegel im Test

Kaffee kann durch verschiedene Nachhaltigkeitssiegel gekennzeichnet sein. Diese zeigen dem Kunden, dass das Produkt auf Grundlage gewisser Standards angebaut wurde. Jedoch hat jeder Verband seine individuellen Schwerpunkte und nicht alle setzen sich für eine ökologische Landwirtschaft und für den Artenschutz ein.

Auch der Mindestanteil der Ernte, welcher die Standards der Organisation erfüllen muss, und der Überprüfungszyklus werden von den Verbänden selbst festgelegt. Durchgeführt wird die Überprüfung von unabhängigen Zertifizierungsstellen. All diese Kriterien sind von den Verbänden offen zu legen und online einsehbar. Stiftung Warentest hat im Mai 2016 fünf der bekanntesten Nachhaltigkeitssiegel verglichen. Naturland und das Hand in Hand-Siegel von Rapunzel Naturkost waren dabei die einzigen mit ökologischen Vorgaben. Die Siegel wurden anhand der Kriterien Anforderungsniveau, Umsetzung in der Praxis und Management des Verbands verglichen. Die praktische Umsetzung dieser Kriterien bei dem Produkt Kaffee wurde bei beiden Siegeln mit sehr gut ausgezeichnet. Ebenso die Kriterienentwicklung und die Kontrollmechanismen, welche sehr wichtig für die Qualität der Standards sind. Die Aussagekraft des Naturland-Siegels wurde als sehr hoch und die des Hand in Hand-Siegels als hoch eingestuft. Dies zeigt, dass die Maßnahmen der beiden Verbände tatsächlich zum Schutz der Artenvielfalt beitragen.

Naturland sagt über sich selbst, der Verband gehe über die EU-Richtlinien hinaus und schreibe Kaffeeanbau in Agroforstsystemen mit Schattenbäumen vor. Kaffeeanbaugebiete seien Gebiete mit hoher Artenvielfalt, welche durch diese Art des Anbaus geschützt werden. Auch der Verband Hand in Hand von Rapunzel nennt als einen der Förderungsschwerpunkte ihres Fonds, die Erhaltung der Lebensräume und Arten.

Ein besonders häufiges Siegel ist das EU-Bio Siegel. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gewährleistet dieses, dass die Produkte ökologisch angebaut wurden und, ähnlich den anderen Organisationen, gewisse Auflagen eingehalten wurden. Ein Produkt kann dieses Siegel tragen, wenn mindestens 95 Prozent der Zutaten den Kriterien des Siegels entsprechen. Allgemeine Ziele des EU-Bio-Siegels sind Verbraucher,- Tier- und Artenschutz. Obwohl Dinge wie die Pestizidbelastung von Böden und die Gefährdung der Artenvielfalt untersagt sind, muss ein Betrieb nicht komplett ökologisch wirtschaften, um dieses Siegel zu erhalten. Vergleicht man die Kriterien des EU-Siegels mit denen von anderen Bioverbänden wie zum Beispiel Naturland oder Demeter, sind die der EU weniger eindeutig und weniger streng.

Bio auch ohne Zertifizierung

Ein Problem aller Nachhaltigkeitssiegel ist, dass das Erhalten des Siegels und die regelmäßigen Kontrollen mit Zertifizierungskosten verbunden sind. Diese können nicht von allen Bauern bezahlt werden. Es gibt also auch Kaffeeröstereien, die ihre Bohnen von Bauern beziehen, welche ökologisch landwirtschaften, jedoch keine offizielle Biozertifizierung besitzen. Meist sind dies kleinere Anbieter, welche im direkten Kontakt mit den Bauern vor Ort stehen. Neben dem Beachten von bestimmten Nachhaltigkeitssiegeln beim Kauf von Kaffee kann der Verbraucher also kleinere Röstereien unterstützen, welche ihre Bohnen von Kleinbauern beziehen, die auch ohne Siegel ökologisch anbauen.