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Liebe barrierefrei
Kennt Liebe wirklich (k)eine Grenze?

Wie schwierig gestaltet sich das Dating- und Liebesleben, wenn man eine Behinderung hat? | Bild: Shari Mölges

Liebe barrierefrei Kennt Liebe wirklich (k)eine Grenze?

Wie schwierig gestaltet sich das Dating- und Liebesleben, wenn man eine Behinderung hat? | Bild: Shari Mölges
 

01 Dec 2022

Herzrasen. Schmetterlinge im Bauch. Schlaflose Nächte. Mit dem Schwarm auf Tinder chatten und mit Bus und Bahn zu einem Date fahren. Für die einen scheint das ein ganz normales Dating-Leben zu sein. Doch wie gehen Menschen mit Behinderung damit um?

Kai Roos

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Liebe, Sexualität, Elternschaft und die Ehe sind für Menschen mit Behinderungen und ihr Umfeld auch heute oft noch ein Thema, über das selten gesprochen wird. Menschen mit Behinderung zwischen 25 und 44 Jahren sind häufiger ledig und leben öfter allein als Nichtbehinderte in dieser Altersklasse. Der Anteil der Alleinstehenden unter den Menschen mit einer Behinderung beträgt in diesem Alter 60 Prozent, der entsprechende Anteil unter den Nichtbehinderten ist 48 Prozent (Mikrozensus 2021).

Nach dem Sozialgesetzbuch (SGB IX) haben Menschen eine Behinderung, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit wahrscheinlich länger als sechs Monate von dem typischen Zustand abweichen wird. Menschen mit Behinderungen haben langfristige körperliche, geistige, intellektuelle oder sensorische Beeinträchtigungen. Durch verschiedene einstellungs- und umweltbedingte Barrieren können sie daran gehindert werden, uneingeschränkt und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzunehmen. Auch Langzeitkrankheiten und chronische Krankheiten mit schubweisem Verlauf, z. B. Rheuma, Epilepsie, Multiple Sklerose oder Allergien, sind eingeschlossen.

Als Mensch ohne Behinderung ist es schwer, sich den Alltag von Menschen mit Behinderungen vorzustellen, wenn es um Liebe und Partner*innensuche geht. Um ein besseres Verständnis für deren Lebenswelt und Herausforderungen zu schaffen, haben wir in einem Podcast mit vier Menschen mit Behinderung gesprochen. Hört euch hier unseren Podcast an, wenn ihr mehr über deren Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen erfahren wollt.

Sebastian, Rollstuhlfahrer mit Proteus-Syndrom | Bild: Sebastian Holzheu
Kai, Tetraspastiker & Stotterer | Bild: Kai Bosch
Tabea, Autistin | Bild: Tabea Baier
Pierre, Tetraspastiker & Rollstuhlfahrer | Bild: Anja Rummel

Unterstützung durch Beratungsangebote

Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung haben die Möglichkeit, auf verschiedene Beratungsangebote zurückzugreifen und mit Expert*innen darüber zu sprechen, was sie in Bezug auf Themen wie Partnerschaft, Sexualität und Dating bewegt. 
Die Sexualpädagogin Janne Heitkamp beschreibt nur einen wesentlichen Unterschied bei der Beratung von Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung: ,,Der große Unterschied liegt darin, dass die Menschen ohne geistige Behinderung selbst zu mir kommen. Bei den Menschen mit einer geistigen Behinderung kontaktieren mich in der Regel die Eltern und Personen aus deren Umfeld.” Manche Expert*innen in der Behindertenberatung haben selbst eine Behinderung und folgen so einem bewussten Beratungskonzept. Dadurch fließen persönliche und sehr individuelle Erfahrungen in die Gespräche ein. „Das ist wertvoll bei der Beratung von Menschen mit Behinderung, denn ein Berater, der selbst betroffen ist, hat einen ganz anderen Zugang zu diesen Themen“, äußert sich Friedrich Müller, der selbst Tetraspastiker ist.

Damit ein Mensch über seine Sexualität, Wünsche und Bedürfnisse spricht, ist im ersten Schritt der Beziehungsaufbau zu den Klient*innen essentiell. Die Sozial- und Sexualpädagogin Lotta Brodt bezeichnet die Beratungsanliegen „so bunt und unterschiedlich wie die Menschen selbst“. Dass der Beziehungsaufbau sehr individuell abläuft und nicht von heute auf morgen erfolgt, beschreibt auch Friedrich Müller: „Die Menschen kommen für die Beratung mit den unterschiedlichsten Stimmungslagen zu uns. Das ist völlig verschieden und kommt auf den jeweiligen Typ an. Es braucht immer einen Moment Zeit, schnelle Lösungen geben da oft nichts her.“ Eine besondere Herausforderung stellen Klient*innen dar, die von den Berater*innen erwarten, dass sie ihnen vieles beim Thema Liebe und Dating abnehmen. „Unsere Beratung soll die Betroffenen vielmehr ermächtigen, selbst etwas zu verändern und Initiative zu ergreifen. Wir zeigen unseren Klienten mögliche Wege auf. Das gilt sowohl für die Menschen mit Behinderung selbst, als auch für ihre Angehörigen”, betont Friedrich Müller.

Nicht nur die Betroffenen benötigen häufig Beratung, auch in ihrem direkten Umfeld herrscht häufig dringender Beratungsbedarf in Bezug auf Liebe und Dating für Menschen mit Behinderung. „Auch das Umfeld, also Freunde, Familie und Verwandte, müssen eine Haltung zu diesem Thema bekommen, um überhaupt sexualpädagogische Gesamtkonzepte für die Betroffenen entwickeln zu können“, unterstreicht die Sexualpädagogin Anne Zangl. Auch das Geschlecht spielt bei der Beratung eine Rolle. „Es gibt Dinge, die nur Männer wissen, wie sie sich anfühlen und das ist auch umgekehrt so“, versichert Anne Zangl. Das gilt es insbesondere bei der Planung solcher Beratungsprozesse zu beachten.

Liebe und Dating für Menschen mit Behinderung

Janne Heitkamp beschreibt, dass die Beratung damit beginnt, die Dating-Möglichkeiten im Umfeld zu durchleuchten – bei welchen Einrichtungen, Veranstaltungen und Angeboten könnte man Singles treffen? „Ich glaube, jeder sehnt sich nach Nähe, Berührung und einer Partnerschaft, die sowohl auf einer geistigen als auch auf einer körperlichen Ebene stattfindet.“ Anne Zangl ergänzt: „Singlepartys sind tolle Plattformen für Menschen mit Behinderung, um andere Menschen kennenzulernen. Hier sind wir als Berater auch immer mit vor Ort und unterstützen die Behinderten bei Fragen. Stuttgart hat hier einiges zu bieten.” Lotta Brodt erwähnt, dass auch geschützte Partnervermittlungen, wie die Plattform Herzenssache.net, eine attraktive Option sind. Wie so eine geschützte Partnervermittlung abläuft, wird in der untenstehenden Infografik erklärt.

Infografik: Der Ablauf einer geschützten Partnervermittlung Der Ablauf einer geschützten Partnervermittlung | Bild: Kai Roos

Gerade Online-Dating ist für Beratende ein immer größer werdendes Thema, über das sie ihre Klient*innen informieren und aufklären. Dass Online-Dating nicht die erste Empfehlung für die Partner*innensuche ist, hat mehrere Gründe. Es gibt zwar spezielle Partner*innenbörsen für Menschen mit Behinderung, doch wie auch auf den gängigen Dating-Börsen wie Tinder und Co., gibt es auf diesen Plattformen einen Männerüberschuss. Das führt dazu, dass Männer wesentlich länger auf Partner*innensuche sind. Lotta Brodt erwähnt zudem den nach wie vor geringen Anteil der LGBTQ+ Community auf solchen Plattformen als potenzielle Herausforderung bei der Partnersuche. Mehrere Expert*innen heben das Problem hervor, das beim Online-Dating bleibt: Je nach Einschränkung benötigen die Betroffenen oft Hilfe bei der Bedienung ihres Handys. Dadurch sind Menschen, die rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen sind, auch beim Dating von ihrem Umfeld abhängig. Janne Heitkamp betont: „Man muss die Betreuer oder im Zweifelsfall die Eltern mit einbeziehen. Das macht das Ganze häufig noch schwieriger, da die Themenfelder Liebe, Sexualität und auch das Kennenlernen eines potenziellen Partners doch sehr private Angelegenheiten sind.“

„Der Unterschied besteht nicht darin, was die Menschen wollen, sondern welche Möglichkeiten es gibt, um dieses Ziel zu erreichen.” – Janne Heitkamp

Auch wenn sich für Menschen mit Behinderung das Thema Dating und Kennenlernen deutlich schwieriger gestaltet, gibt es Hilfsangebote, die dabei gezielt und strategisch unterstützen. Janne Heitkamp unterstreicht: „Der Unterschied besteht nicht darin, was die Menschen wollen, sondern welche Möglichkeiten es gibt, um dieses Ziel zu erreichen.“ Expert*innen stehen den Betroffenen mit ihrem Beratungsangebot zur Seite. Damit sich die Situation für Menschen mit Behinderung stetig verbessert, müssen die Probleme und Herausforderungen zunächst gesellschaftlich verstärkt wahrgenommen werden. In der aktiven Umsetzung betrifft das beispielsweise die Konzipierung von Apps oder spezieller Formate zum Kennenlernen für Menschen mit Behinderung. Offenheit und gegenseitiges Verständnis sind die wichtigsten Grundpfeiler für die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen. Janne Heitkamp appelliert: „Einfach dranbleiben, sich selbst, das Thema und die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen und nicht aufgeben. Man wächst auch an Rückschlägen.“

Anne Zangl, Dipl. Sozialpädagogin und Sexualpädagogin bei ProFamilia Stuttgart | Bild: Anne Zangl
Janne Heitkamp, Sexualberatung für Menschen mit Behinderung | Bild: Janne Heitkamp
Lotta Brodt, Sexualpädagogin und Sexualberatung bei Liebelle | Bild: Lotta Brodt
Friedrich Müller, Berater Zentrum selbstbestimmtes Leben Stuttgart e.V. (ZsL) | Bild: Friedrich Müller

Dieser Beitrag ist innerhalb eines Dossiers anlässlich des Internationalen Tags für Menschen mit Behinderung, am 03.12.2022 verfasst worden. In diesem Dossier sind weitere spannende Beiträge zum Leben von Menschen mit Behinderung entstanden, zum Beispiel:

Rollstuhlrugby

Hörend unter Gehörlosen