Die Hochseil-Gierfähre Saletio verbindet das deutsche Plittersdorf bei Rastatt mit dem elsässischen Seltz. | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß

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Leben zwischen zwei Ländern

Die Hochseil-Gierfähre Saletio verbindet das deutsche Plittersdorf bei Rastatt mit dem elsässischen Seltz. | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß

17 May 2018

Über 60 Mal am Tag überquert Bernhard Jung die deutsch-französische Grenze. Als Kapitän der Rheinfähre Saletio chauffiert er seine Fahrgäste in gerade mal fünf Minuten von Land zu Land. Was bis Anfang der 80er-Jahre furchtbar kompliziert war, ist heute selbstverständlich. Doch wer sind die Grenzgänger und was treibt sie ans andere Flussufer? Wir haben einen Tag auf dem Rhein verbracht, um Mitarbeitern der Rheinfähre und ihren Passagieren genau diese Fragen zu stellen.

Miriam Preiß

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seit Wintersemester 2017

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Miriam Deck

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Freitagmittag, 13.30 Uhr. Als wir Bernhard treffen, ist er gerade dabei, die Passagiere auf der Fähre zu begrüßen. Ein kurzer Signalton aus der Führerkabine, Bernhard löst die Leine vom Poller und die Saletio legt ab. Während der Fahrt hält Bernhard Ausschau nach sich nähernden Schiffen, plaudert kurz mit einer Gruppe von Gästen und ehe wir uns versehen sind wir in Frankreich.

Die Saletio verkehrt zwischen dem deutschen Plittersdorf bei Rastatt und dem elsässischen Seltz. Seit 2010 transportiert die Fähre jedes Jahr über 200.000 Passagiere von Frankreich nach Deutschland und zurück. Die Überfahrt ist zu Fuß, mit dem Fahrrad und sogar mit dem Auto kostenlos. Das Besondere an dieser sogenannten Hochseil-Gierfähre: Als einziger Antrieb dient ihr die Strömungskraft des Rheins. Die Kapitäne nutzen die Strömung, um die Fähre entlang des straff gespannten Hochseils sicher ans andere Ufer zu lenken. Zwar gibt es aus Sicherheitsgründen auch einen Motor, bisher wurde dieser aber zum Glück noch nie gebraucht.

Bernhard ist einer von insgesamt neun Kapitänen des Fährenbetreibers Département Bas-Rhin. Seine heutige Schicht bestreitet er gemeinsam mit seinem Kollegen Pascal. Während einer der beiden im Cockpit für die Steuerung der Fähre zuständig ist, kümmert sich der andere an Deck um die Einweisung der Passagiere und sorgt für ein sicheres Anlegen am Ufer. Wind, Strömung und ein reger Schiffsverkehr verlangen dem Kapitän bei der Steuerung der Fähre höchste Konzentration ab. Nach je einer Stunde tauschen die beiden deshalb die Rollen.

„Für uns gibt es keine Grenze“

Bernhard gehört seit mittlerweile fünf Jahren zur Crew der Saletio und kann sich keinen schöneren Job vorstellen. Im Gespräch verrät er uns, was seine Arbeit an der deutsch-französischen Grenze ausmacht. 

Für Bernhard und seine Passagiere ist die offene Grenze inzwischen selbstverständlich – doch das war nicht immer so: Noch vor gut 33 Jahren gehörten strenge Passkontrollen, Zollbestimmungen und harte Sicherheitsmaßnahmen bei jeder Grenzüberschreitung zur Tagesordnung. Erst das Schengener Abkommen von 1985 bereitete den Grenzkontrollen ein Ende und ermöglicht in den Mitgliedsstaaten bis heute den freien Personenverkehr.

„Das Schengener Abkommen schafft zwischen seinen Mitgliedstaaten die Grenzkontrollen ab und harmonisiert die polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit. Von den ursprünglichen fünf Gründungsmitgliedern ist die Zahl der Mitglieder mittlerweile auf 26 angewachsen, wozu auch Nicht-EU-Staaten gehören. Das Schengener Abkommen und seine begleitenden Regelungen wie das Aufenthaltsrecht oder der Grenzschutz sind durch die Europäischen Verträge Teil des institutionellen und rechtlichen Gefüges der EU geworden.“

Mitgliedstaaten des Schengener Abkommens sind Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Island, Italien, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik und Ungarn.

Quelle: Euro-Informationen, Berlin

Ferienstimmung statt Verkehrsfrust

15 Uhr – der nächste Schichtwechsel. Während es für Bernhard in die Führerkabine geht, herrscht an Bord eine heitere Stimmung. Dank ihm und seinen Kollegen ist der Grenzübergang zwischen Seltz und Plittersdorf heute so angenehm wie nie zuvor.

„Warum soll ich über eine Brücke fahren, wenn es hier doch viel schöner ist? Wann immer ich Zeit habe, nehme ich die Rheinfähre." – René, regelmäßiger Passagier der Saletio

Ganz unterschiedliche Passagiere sind mit der Fähre unterwegs: Einige Bauarbeiter fahren dem Feierabend entgegen, während eine Gruppe von Radfahrern in den Wochenendausflug startet. Zwei Kinder beobachten begeistert die Wellen am Bug der Saletio, ihre Eltern lehnen entspannt an der Reling. Ein anderes Ehepaar bereitet sich auf den Großeinkauf im Nachbarland vor und genießt dabei die Überfahrt in unbefangener Atmosphäre. Es ist den Besuchern anzusehen, dass sie die Rheinfähre schätzen.

Bernhard ist Fähren-Kapitän mit Leib und Seele und freut sich über die zahlreichen Passagiere der Saletio. | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß
Wir haben gefragt: "Warum sind Sie heute Passagier der Rheinfähre?" | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß

An einem sonnigen Tag nutzen über 1.500 Personen das Fahrangebot der Saletio. Die Rheinfähre ist ein wichtiger Pfeiler des regionalen Tourismus. Das zeigt sich auch in ihrer Geschichte: Seit dem erstmaligen Einsatz einer Hochseil-Gierfähre in Plittersdorf im Jahr 1956 kam es nach Unfällen mit Schiffen immer wieder zeitweise zu Einstellungen des Fährbetriebs. Nach einer Kollision im Jahr 2005 stand die Fähre aufgrund hoher Reparaturkosten beinahe vor dem endgültigen Aus. Glücklicherweise hatte die Rheinfähre zahlreiche Befürworter. Sowohl die Anwohner als auch mehrere Tourismusunternehmen setzten sich für die Wiederinbetriebnahme ein. Mit Unterstützung europäischer Fördermittel konnte das Départment Bas-Rhin so schließlich den Bau der Saletio in Auftrag geben. Inzwischen ist die Rheinfähre zu einem Symbol für die offenen Grenzen der EU geworden und aus der Region nicht mehr wegzudenken.

Der Uhrzeiger in der Führerkabine springt auf 17 Uhr. So langsam kommen die ersten Ausflügler zurück an Bord, um ihre Heimreise anzutreten. Ein paar weitere Berufspendler finden nach Abschluss ihres Arbeitstages ebenfalls den Weg auf die Fähre. „Die kommen jeden Tag“, erklärt Bernhard erfreut, „mit der Zeit kennt man die Gesichter.“

Auch für uns geht der Tag auf der Saletio zu Ende. Ein letztes Mal beobachten wir Bernhard beim Vertäuen der Fähre. Während es für uns zurück ans Ufer geht, machen sich Bernhard und Pascal für ihre nächste Überfahrt bereit.

Der Anlegesteg bei Plittersdorf. Neben der deutschen und der französischen Flagge markiert auch die Europaflagge den Grenzübergang. | Bild: Miriam Deck, Miriam Preiß