Ausbildung 10 Minuten

„Gehen Sie bitte ein Stück zurück. Ich rede gleich mit Ihnen, Sie sind jetzt bitte nochmal kurz ruhig“, sagt die junge Polizistin. Ihre Stimme klingt gefasst.

Lilly Schmid

„Gehen Sie bitte ein Stück zurück. Ich rede gleich mit Ihnen, Sie sind jetzt bitte nochmal kurz ruhig“, sagt die junge Polizistin. Ihre Stimme klingt gefasst.

Lilly Schmid

Wie wird aus Polizeianwärter*innen eine Polizeifamilie? Polizeianwärterin Annika gibt Einblicke in ihren Weg zur Polizeiobermeisterin. Ein Prozess, der eine Klasse zur festen Gemeinschaft zusammenschweißt.

Lilly Schmid

Wie wird aus Polizeianwärter*innen eine Polizeifamilie? Polizeianwärterin Annika gibt Einblicke in ihren Weg zur Polizeiobermeisterin. Ein Prozess, der eine Klasse zur festen Gemeinschaft zusammenschweißt.

Lilly Schmid

Körper, Taktik und Teamgeist: Ausbildung bei der Polizei

Lilly Schmid

Körper, Taktik und Teamgeist: Ausbildung bei der Polizei

Lilly Schmid

An ihrer Hüfte trägt sie die Einsatzkoppel mit einer roten Attrappenpistole, Handschellen, einem Einsatzstock, einer Einsatzleuchte, einem Reservemagazin und einem Pfefferspray. Hinter ihr steht ein Kollege in selbstbewusster Haltung. Er hält ihr den Rücken frei und hat den gesamten Raum im Blick.

Die Kulisse? Eine nachgebaute Gaststätte in der Hochschule für Polizei in Herrenberg. Mit Kreide auf die Tür geschrieben, erkennt man den Namen der Gaststätte: „Radstüble“. Die weißen Wände sind schlicht, das Inventar ist auf das Nötigste reduziert und auch die Dekoration ist eher zweitrangig. Wichtig ist die Raumaufteilung. Türen, Fenster, Sitzbänke und sogar eine Theke mit Barhockern sollen einen realistischen Einsatz simulieren. In der Mitte des Raumes spielt sich die Szene ab: Vor den Polizeibeamten steht ein verärgerter Wirt, daneben eine genervte Kundin. Es gab Streit, ein Glas ist zerbrochen. Die Aufgabe für die 25-Jährige Polizeianwärterin Annika: Deeskalieren, Distanz schaffen und Kontrolle gewinnen. Einige der Beobachter*innen schmunzeln über die überzeugenden Schauspielkünste des Streifenteams. Trotzdem bleibt Annika vollkommen in der Rolle.

Wie läuft die duale Ausbildung für den mittleren Dienst bei der Polizei ab?

  • 6 Monate Grundkurs: Grundlagenvermittlung in den Fächern: Gesellschaftslehre, Recht, Po­li­zei­tak­tik/Kri­mi­na­lis­tik, Ein­satz­trai­ning mit Fahr- und Si­cher­heits­trai­ning, so­wie Ab­wehr- und Zu­griffs­trai­ning, Sport, In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik
  • 9 Monate Aufbaukurs: Vertiefung der Grundlagen
  • 6 Monate Einführungspraktikum: Erste Einsätze im Streifendienst unter Anleitung erfahrener Kolleg*innen
  • 3 Monate Aufbaupraktikum: Einsatz im Polizeirevier und Kennenlernen weiterer Organisationseinheiten
  • 6 Monate Abschlusskurs: Wissenserweiterung in den Bereichen Streife, Verkehrsüberwachung, Verkehrsunfallaufnahme und Kriminalitätsbekämpfung

In Baden-Württemberg kannst man insgesamt an fünf Standorten die Ausbildung zum/zur Polizeiobermeister*in absolvieren: Biberach an der Riss, Bruchsal, Herrenberg, Lahr und Wertheim

Quelle: Karriere Polizei Baden Württemberg - Mittlerer Dienst

Was hier nach Ernstfall aussieht, ist das situative Handlungstraining (SHT). Hier lernen Polizeiauszubildende, wie sie in realen Einsätzen zu handeln und worauf sie zu achten haben. Ein Zusammenspiel aus Recht, Taktik und richtiger Kommunikation. Schwierige Einsätze können so im sicheren Rahmen geübt werden. Annika steckt mitten im ersten Block ihrer 30-monatigen Ausbildung zur Polizeiobermeisterin. Die Ausbildungsstätte in Herrenberg liegt mitten im Grünen, umgeben von idyllischer Natur. In vier Monaten geht es für sie schon in das neunmonatige Praktikum im Heimatpräsidium. 

Bis dahin stehen theoretische Grundlagen, Fahr- und Sicherheitstraining, Abwehr- und Zugriffstraining, sowie Schießtraining auf dem Stundenplan. 

Lilly Schmid

Bis dahin stehen theoretische Grundlagen, Fahr- und Sicherheitstraining, Abwehr- und Zugriffstraining, sowie Schießtraining auf dem Stundenplan. 

Lilly Schmid

Beim Betreten des Polizei-Campus ist von der klassischen Großstadt-Anonymität nichts mehr zu spüren. Direkter Augenkontakt, ein Nicken und ein freundliches „Guten Morgen“. Als Gast erfährt man sozusagen einen positiven Kulturschock. Genau dieser spürbare Grundrespekt gibt einem sofort das Gefühl, willkommen zu sein und wertgeschätzt zu werden.  „Draußen passiert mir das auch öfters“, lacht Annika. „Wenn ich aber da jeden grüße, werde ich nur komisch angeschaut.“ 

Eigentlich hätte Annikas Klasse heute Morgen Sportunterricht gehabt. Doch anstatt den Ausfall zu nutzen, um länger zu schlafen, hat sich der Großteil der Polizeischüler*innen im schuleigenen Fitnessstudio versammelt. Bässe dröhnen durch den Raum. Einige trainieren konzentriert, andere stehen zusammen und lachen. Die lockere Stimmung ist vertraut, fast familiär. Mit Blick auf den grünen Wald stehen die Kraftgeräte und Laufbänder vor einer breiten Fensterfront. Mit einem schöneren Ausblick könnte man wohl kaum Sport treiben. Die weite grüne Landschaft wirkt wie ein natürlicher Schutzwall gegen die Hektik des Alltags. Hier im Inneren herrscht eine ganze eigene Dynamik: Disziplin und klare Werte. Und trotzdem ist da kein kalter und autoritärer Umgangston, sondern ein starkes Miteinander und ein gemeinsames Ziel. „Spottest du mich?“, fragt Annika einen Kollegen und steuert zielstrebig auf die Hantelbank zu.

Immer wieder blitzt ein blaues Trikot hervor. Ein Teil der offiziellen Grundausstattung der Polizeianwärter*innen. 

Lilly Schmid

Immer wieder blitzt ein blaues Trikot hervor. Ein Teil der offiziellen Grundausstattung der Polizeianwärter*innen. 

Lilly Schmid

Wo früher einmal ein Schwimmbecken war, befindet sich heute ein modernes Studio mit Freihanteln, Laufbändern und Kraftgeräten. 

Lilly Schmid

Wo früher einmal ein Schwimmbecken war, befindet sich heute ein modernes Studio mit Freihanteln, Laufbändern und Kraftgeräten. 

Lilly Schmid

Das Ausbildungsgelände ist ein weitläufiger, mehrstöckiger Komplex mit mehreren Gebäudeflügeln. Alles hier ist unter einem Dach: Wohnräume, Gemeinschaftsräume, Klassenzimmer, die Mensa, Sporthallen für das Abwehr- und Zugriffstraining oder eben auch der Fitnessbereich. Zur besseren Orientierung sind die unterschiedlichen Bereiche in verschiedenen Farben gestrichen. Trotzdem ist es immer noch ein halbes Labyrinth für jemanden, der hier nicht fünf Tage die Woche wohnt. Auf dem Weg vom Fitnessstudio zu Annikas Zimmer durchqueren wir mehrere Stockwerke und Gänge. Auf den belebten Fluren begegnen uns Anwärter*innen sowohl in Uniform als auch in Sport- oder Freizeitkleidung. 

Angekommen in Annikas Zimmer, tauscht sie schließlich ihre Sportklamotten gegen die Uniform ein. Denn Englisch steht auf dem Stundenplan. Schutzweste und Einsatzgürtel bleiben selbstverständlich im Schrank liegen. Diese werden nur in den praktischen Ausbildungseinheiten, wie dem Schießtraining oder dem SHT benötigt. Sorgfältig bringt Annika die dunkelblauen Schulterklappen mit den drei hellblauen Sternen an ihre Uniform an. Ein letzter Blick in den Spiegel, die Uniform sitzt. Man sieht ihr an, sie trägt die Uniform mit Stolz und Selbstbewusstsein.

Wohnen auf dem Campus

Das modern eingerichtete Zweier-Zimmer wirkt durch die breite Fensterfront mit Blick auf den Wald warm und heimelig. „Abends kommen oft Leute, um Fledermäuse zu beobachten“, erzählt Annika schmunzelnd. An den Wänden hängen sowohl Bilder von Annika mit ihrer Familie und ihren Freunden, als auch welche von Mitbewohnerin und Mitschülerin Lena. Ihr Zimmer ist keineswegs nur funktionsmäßig eingerichtet, sondern mit Liebe zu einem echten Zuhause geworden. Lena deutet auf den Kleiderschrank. Dort hängt ein DIN A4 Blatt, eine Zielscheibe mit vier Einschusslöchern. „Ein Erinnerungsstück vom ersten Schusstraining in der Ausbildung“, grinst Lena.

Die Schultern gestrafft, die Haltung aufrecht, genau wie man sich Polizist*innen eben im Alltag vorstellt.

Lilly Schmid

Die Schultern gestrafft, die Haltung aufrecht, genau wie man sich Polizist*innen eben im Alltag vorstellt.

Lilly Schmid

Das Gemeinschaftsgefühl wächst nicht nur im Unterricht, sondern vor allem auch nach Dienstschluss. Beim Grillen, beim Beachvolleyball oder auch im Aufenthaltsraum. „Bei der Polizei ist Gemeinschaft das Wichtigste und auch im Team zu funktionieren“, betont Annika. Sie erzählt lachend von einem Teambuilding-Ausflug zu Beginn der Ausbildung: Die Klasse sollte einen Tennisball in der Kette weiterwerfen. Nach vier Stunden und einbrechender Dämmerung mussten die Ausbilder abbrechen. „Ich glaube, wir waren die erste Klasse, bei der die Lehrer es abgebrochen haben“, schmunzelt sie. Gerade dieser Zusammenhalt soll trainiert werden und ist deutlich spürbar. Hier gibt es keine Klassen, in der die Schüler*innen einfach nur nebeneinander existieren. Stattdessen teilt man alles. Annika erzählt von gemeinsamen Abenden mit ihrer und anderen Klassen, dem Wohnen auf dem Gelände oder dem Leiden. Wenn einer zu spät kommt, machen alle die Liegestützen. Genau diesen Zusammenhalt braucht der Polizeiberuf aber auch. Im Beruf schützt man schließlich nicht nur die Bürger*innen, sondern auch seine Kolleg*innen.

Kindheitstraum Polizei

Für Annika ist der Polizeiberuf ein Kindheitstraum. Vor der Ausbildung fuhr sie zwei Jahre lang im Rettungsdienst. „Ohne diese Vorerfahrung wäre ich heute noch nicht bereit für das Praktikum“, reflektiert sie ernst. Beim Rettungsdienst hatte sie gemeinsame Einsätze mit der Polizei und damit viele Berührungspunkte. Genau dabei merkte sie, dass sie bei den Einsätzen lieber auf der Seite der Polizei stehen möchte. Durch die Ausbildung lerne man viel über den Umgang mit Menschen, wie zum Beispiel die richtige Kommunikation, klare Ansprache, Disziplin und Selbstbewusstsein. „Wenn man mit Selbstbewusstsein reingeht und weiß, man hat gute Sachen in der Ausbildung gelernt und kann diese auch anwenden, sollte man keine Probleme haben“, antwortet Annika auf die Frage, wie sie mit potenzieller Gewalt im Berufsalltag umgehen würde. Gesunder Respekt vor dem Beruf sei wichtig, ergänzt sie, aber Angst habe sie nicht. „Man muss sich einfach im Klaren sein, dass immer etwas passieren kann. Und dass man aufmerksam an die Sache rangeht und eben seine Taktik anwendet, die man hier gelernt hat, theoretisch wie praktisch.“

Die Klasse ist still und aufmerksam. Niemand lässt sich vom Handy ablenken. 

Lilly Schmid

Die Klasse ist still und aufmerksam. Niemand lässt sich vom Handy ablenken. 

Lilly Schmid

Der Beamer wirft das Szenario einer Amoklage an die Wand: Eine Streife trifft als Erste am Einsatzort ein, es gibt Verletzte, der Täter steht überraschend mit gezogener Waffe da, hat die Beamt*innen aber noch nicht bemerkt. Wie reagiert man? Erst zögerlich, dann immer bestimmter äußern die Anwärter*innen ihre Gedanken. Im Raum herrscht eine spürbare Vertrautheit, in der Zweifel erlaubt sind.

„Ihr seid Menschen, nicht nur Polizisten“
Tanja Elbers, Lehrkraft an der Polizeihochschule Herrenberg

„Ihr seid Menschen, nicht nur Polizisten“, sagt Polizeioberkommissarin Tanja Elbers und schaut in die Runde. Eigentlich unterrichtet sie fachpraktische Module, wie das Abwehr- und Zugriffstraining. Heute ist sie in ihrer Funktion als psychosoziale Beraterin im Kurs für Berufsethik zu Gast, den eine Lehrkraft der Polizeiseelsorge leitet. Im Fach Berufsethik gibt es kein einfaches Richtig oder Falsch. Es soll das Gewissen schärfen, den Umgang mit Stress stärken und Raum für sensible Themen bieten, von Befehl und Gehorsam bis hin zu Tod und Trauer. Wieder ist diese unsichtbare Einheit spürbar, die die Klasse bildet und das liegt nicht nur an der identischen Uniform. „Deshalb sind wir auch so betroffen, wenn einem von uns etwas passiert“, ergänzt Elbers. „Wir sind eine große Polizeifamilie.“

12:45 Uhr, Mittagspause. 

Lilly Schmid

12:45 Uhr, Mittagspause. 

Lilly Schmid

Damit im Speisesaal kein Chaos ausbricht, gibt es feste Essenszeiten für jede Klasse. Ein organisatorisches Detail mit einem schönen Nebeneffekt: Die Klasse sitzt auch bei den Mahlzeiten geschlossen zusammen, das stärkt das Miteinander. Es wird gelacht, gescherzt und der Abend geplant. Keiner sitzt abseits alleine.

Ganz ehrlich: Selbst als externe Beobachterin spüre ich, wie tief dieser Zusammenhalt hier verankert ist und dass er an den Grenzen der eigenen Klasse nicht haltmacht. Dass Gemeinschaft bei der Polizei großgeschrieben wird, ist kein Wunder. Der Zusammenhalt und der gegenseitige Respekt geben einem das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Sei es in den gemeinsamen Unterrichtsstunden, bei den kräftezehrenden Einheiten im Abwehr- und Zugriffstraining oder in Berufsethik, wo eigene Ängste und Zweifel offengelegt werden: Man teilt nicht nur den Alltag, sondern auch eine immense Verantwortung. Zwar nicht drillartig, aber mit Nachdruck wird den Anwärter*innen bewusst gemacht, worauf es ankommt. Um später nicht nur sich selbst, sondern auch andere schützen zu können.