Klimabewegungen 8 Minuten

Klimabewegungen – Was bleibt vom Protest?

Klimaproteste erzeugen breite Aufmerksamkeit – doch haben sie Erfolg? | Quelle: Fridays for Future
05. Febr. 2026

Seit ihrem Höhepunkt 2019 haben Klimabewegungen gesellschaftliche Debatten geprägt und versucht, politische Veränderungen zu bewirken. Doch welche Wirkung konnten sie bis jetzt entfalten? Ein Dossier.

Hinweis:

Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema "Klimabewegungen".

Zum Dossier gehören außerdem folgende Beiträge:

Freitagvormittag, Innenstadt. Auf Straßenzügen drängen sich Menschen. Angeführt von meterlangen Bannern tragen sie ihre Botschaften. Aus der Menge ragen Plakate hervor. Sie fordern „Alles fürs Klima“, denn „There is no Planet B“. Den Ton der Stadt dominieren Lautsprecher und Trillerpfeifen. Zu dieser Zeit demonstrieren Millionen Jugendliche auf Europas Straßen für Klimaschutz. Durch sie bahnt sich ein Aufbruch an. 

Die Klimabewegung erreicht im Jahr 2019 ihren vorläufigen Höhepunkt und macht das Klima zu einem der zentralen politischen und medialen Themen in Deutschland. Insbesondere die Bewegung „Fridays for Future“, ausgelöst durch Greta Thunberg, prägte öffentliche Debatten und setzte die politische Agenda.

Frühe Naturschutzinitiativen und erste Klimaforschung legten den Grundstein für späteren Umwelt- und Klimaschutz. | Quelle: Benjamin Koelle
Ab den 1970er Jahren wird Umweltschutz politisch organisiert und international vernetzt. | Quelle: Benjamin Koelle
In den 1990er Jahren rückt der Klimawandel auf die internationale Agenda – erstmals mit verbindlichen Zielen. | Quelle: Benjamin Koelle
Das Pariser Abkommen soll einen globalen Rahmen für Klimaschutz schaffen – die Umsetzung bleibt jedoch offen. | Quelle: Benjamin Koelle
Seit 2018 prägen neue Protestformen und eine junge Generation den weltweiten Klimadiskurs. | Quelle: Benjamin Koelle

Sechs Jahre nach dem Höhepunkt hat sich die politische Schwerpunktsetzung verschoben. Kriege, Inflation und Migration dominieren die öffentliche Agenda. Klimaschutz nimmt scheinbar nur noch eine untergeordnete Rolle ein. Auch Thunberg ist als eine der zentralen Akteure der Bewegung nicht mehr ausschließlich für den Klimaschutz präsent, sondern hat sich aktivistisch neuen Themen zugewandt. 

Konnte die Klimabewegung mehr bewirken als eine kurzfristige Mobilisierung von Unterstützenden?

Problembewusstsein ≠ Unterstützung

Auf gesellschaftlicher Ebene lässt sich zunächst ein deutlicher Anstieg des Problembewusstseins feststellen. Laut Erhebungen von Ipsos stieg der Anteil der Menschen in Deutschland, die die Folgen des Klimawandels als besonders besorgniserregend einschätzen, von 13 Prozent im Jahr 2017 auf 69 Prozent im Jahr 2021. Seitdem ist dieser Wert rückläufig und lag 2025 bei rund der Hälfte der Befragten. Der deutliche Rückgang deutet auf eine Entschärfung des Problembewusstseins und ein Ende der starken Mobilisierung hin.

Ebenfalls sind nur noch vier von zehn Deutschen der Ansicht, dass Deutschland mehr gegen den Klimawandel tun sollte. Im Jahr 2023 waren es fünf von zehn. Umfragen verweisen in diesem Zusammenhang auf das Phänomen der sogenannten Klimamüdigkeit. Gemeint ist ein Gefühl von Ohnmacht, da trotz jahrelanger Bemühungen wenig Maßnahmen zum Klimaschutz umgesetzt wurden. Infolgedessen werden vermehrt Nachrichten über den Klimawandel vermieden und das eigene Engagement sinkt. Dabei zeigt sich ein Unterschied zwischen der Problemwahrnehmung und tatsächlicher Handlungsbereitschaft.

Auch innerhalb der Klimabewegungen steigt die Frustration. Psychologische Studien berichten von steigender Erschöpfung unter Aktivisten. 

Das Klima im Fokus – und schnell wieder weg

Medienanalysen des Media and Climate Change Observatory zeigen, dass die Berichterstattung über den Klimawandel zwischen 2018 und 2021 deutlich zunahm. Eine Zunahme fand insbesondere während Großereignissen wie Klimastreiks und internationalen Gipfeltreffen statt. Jedoch blieb die Berichterstattung stark ereignisabhängig. Der Klimawandel etablierte sich nicht als dauerhaftes Medienthema. 

Die weltweite Medienberichterstattung über den Klimawandel schwankt stark. Deutliche Ausschläge zeigen sich vor allem rund um Klimagipfel und Protestwellen. | Quelle: Media and Climate Change Observatory (MeCCO), eigene Darstellung auf Basis monatlicher Daten 2004–2025.

Nach 2021 verlagerte sich die Aufmerksamkeit in Deutschland zunehmend auf Protestformen der Bewegung. Aktionen der „Letzten Generation“ erzielten hohe Reichweiten und lösten eine Debatte über die Sitzblockaden der Bewegung aus. Umfragen des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers ergaben, dass die Mehrheit der Befragten kein Verständnis für die Sitzstreiks bereithält. Die Umweltdebatte polarisiert dadurch stärker.

Die Nachfrage nach Informationen über den Klimawandel führte zu einer Spezialisierung im Journalismus auf Klima-Themen. Journalisten und einzelne Kollektive bemühten sich daher um eine kontinuierliche Berichterstattung. Mit dem Ziel, das stark wissenschaftlich geprägte Themengebiet des Klimawandels einer breiten Masse verständlich zu machen.

Klimaschutz steht auf geduldigem Papier

Politisch trugen die Klimabewegungen dazu bei, Klimaschutz als relevantes Thema zu etablieren und Rechtfertigungsdruck auf die Parteien auszuüben. Bei der Bundestagswahl 2021 enthielten alle Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien Aussagen zum Klimaschutz. Umfang und Ambitionen variierten jedoch erheblich. Eine Bewertung des WWF kam zu dem Ergebnis, dass keines der Programme vollständig mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar war. Auch die politischen Fortschritte auf internationaler Ebene blieben begrenzt, da kein globaler Ausstieg aus fossilen Energien als Ziel gesetzt wurde.

Wirtschaft reagiert auf öffentliche Forderungen

Ein Erfolg der Klimabewegung lässt sich auf ökonomischer Ebene feststellen. Daten des KfW-Klimabarometers zeigen, dass Unternehmen seit dem Aufkommen der Klimaproteste verstärkt in Klimaschutz und Nachhaltigkeit investierten. Trotz vorerst positiver Entwicklungen nimmt der Trend ab. Unternehmen passen sich damit den Forderungen der Gesellschaft an.

2024 gingen die Klimaschutzinvestitionen deutscher Unternehmen um rund acht Prozent zurück. Insbesondere Großunternehmen reagierten auf die sinkende Nachfrage ihrer Kunden. Der Mittelstand erhöhte seine Investitionen hingegen. Insgesamt zeigt sich ein struktureller Wandel, dessen Fortbestand stark von der öffentlichen Meinung und geltenden Gesetzen abhängt. 

In diesem Kontext gewinnen Klima-Klagen als Instrument zur rechtlichen Durchsetzung von Klimazielen an Bedeutung. Es bleibt allerdings offen, wie erfolgreich Klima-Klagen tatsächlich sind und ob ihr Erfolg allein davon abhängt, dass sie vor Gericht gewonnen werden.

CO2 bleibt auf Wachstumskurs

Auf ökologischer Ebene bleibt die Wirkung der Klimabewegungen begrenzt. Global stiegen die Treibhausgasemissionen 2025 gegenüber 1990 um rund 69 Prozent. Nationale Emissionsminderungen reichen bislang nicht aus, um den globalen Trend zu kompensieren. Der Emissions Gap Report der Vereinten Nationen prognostiziert weiterhin eine deutliche Verfehlung von Klimazielen.

Gleichzeitig gibt es Fortschritte im Landbau. Die Abholzung des Amazonas erreichte 2025 den niedrigsten Stand seit 2014. Auf europäischer Ebene wurden neue Regeln beschlossen, die Umweltvergehen härter bestrafen und Staaten verpflichten, zerstörte Ökosysteme wiederherzustellen. Mit der Reform des Umweltstrafrechts und dem Renaturierungsgesetz wird Umweltschutz leichter einklagbar – etwa bei illegaler Abholzung oder Zerstörung von Lebensräumen. Das ist ein wichtiger Schritt in Anbetracht der um 68 Prozent geschwundenen globalen Waldfläche im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Diese Maßnahmen verändern jedoch nicht die globale Emissionsdynamik.

Durchgesetzt, ja! Ziel erreicht, nein!

Klimabewegungen haben seit 2018 zur gesellschaftlichen Problematisierung des Klimawandels beigetragen und politische sowie ökonomische Prozesse beeinflusst. Ihre Wirkung ist vor allem auf den Ebenen der Wahrnehmung, Agenda-Setzung und vereinzelten Strukturveränderung nachweisbar.

Eine Reduktion globaler Emissionen wurde bislang nicht erreicht. Mit der weltweiten Zunahme konservativer Politik gestaltet sich die Zielerreichung schwieriger. Klimaschutz ist zunehmend Gegenstand politischer Auseinandersetzung und weniger durch stabile gesellschaftliche Mehrheiten abgesichert. Die zentrale offene Frage bleibt, ob und wie Klimaproteste in dauerhaft wirksame politische und ökologische Ergebnisse übersetzt werden können und ob unterschiedliche Formen von Protest, wie Klagen, Parteiarbeit und lokale Umweltschutzprojekte, zur stärkeren Wirkung beitragen können.