Klimabewegungen 6 Minuten

Mein Ausstieg aus der „Letzten Generation“

Der Klimaaktivist Moritz Riedacher klebt sich auf der Straße fest. Hinter ihm stehen aufgereiht Polizisten.
Moritz blockiert 2023 die Zufahrt zu einer Porsche-Versammlung. | Quelle: Moritz Riedacher
04. Febr. 2026

„Ich bereue nichts.“ – Moritz Riedacher hat sich als Klimaaktivist der „Letzten Generation“ auf Straßen geklebt. 2023 stieg er aus. Heute erzählt er, warum ihm dieser Schritt wichtig war und welche Chancen er jetzt in der Politik sieht.

Hinweis

Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Klimabewegungen“.

Außerdem zum Dossier gehören folgende Beiträge: 

Mit dem Bolzenschneider knipsen sie den Drahtzaun auf, der das Flugfeld umzäunt. In orangenen Warnwesten stürmen und blockieren zehn Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ 2023 den Hamburger Flughafen. Sie fordern von der Politik Maßnahmen zum Klimaschutz. An der Aktion beteiligt war auch der heute 29-jährige Moritz Riedacher aus Stuttgart. Wie wurde Moritz Teil dieser kontroversen Aktivistengruppe in Deutschland? Besonders, da er sich selbst in seiner Jugend als „total unpolitisch“ beschreibt.

Merkel und der Fußball

Moritz hat als Jugendlicher von vielem „keine Ahnung“, wenn es um Politik geht. Er geht zwar wählen und weiß, wer die damalige Bundeskanzlerin ist, doch Fußballspielen ist für ihn interessanter als Tagespolitik. Nach der Fachhochschulreife arbeitet er mit Menschen mit Behinderungen, bricht später eine Erzieherausbildung ab und schreibt für einen Stuttgarter Verlag. Kurz vor Corona beginnt er, Journalismus zu studieren, und kommt dadurch immer mehr mit der „Fridays-for-Future“-Bewegung in Kontakt. Er merkt schnell, dass er sich für den Klimaschutz einsetzen will.

Als freiwilliger Fluthelfer reist er 2021 ins Ahrtal. Die Flutkatastrophe, die für ihn einen Wendepunkt markiert. Er sieht Wohngegenden, die seiner Heimat ähneln, zerstört vor sich liegen – voller Dreck, Schlamm und aufgerissener Straßen. „Ich hätte danach eine Therapie gebrauchen können“. – Etwas, das er nicht zum letzten Mal denken wird. Er bricht sein Studium ab und wird zum Vollzeitaktivisten.

Der Klima-Zeitgeist im Jahr 2021

Quellen: Bundesverfassungsgericht, Bundesregierung, Petitionsplattform „WeAct“, Bundeskriminalamt 

Ein dringender Weckruf

Als sich im selben Jahr die „Letzte Generation“ formiert, sieht Moritz Handlungsbedarf, schließt sich der neuen Bewegung an und gründet die Ortsgruppe in Stuttgart mit. Schnell ist er ganz vorne mit dabei: Er macht Pressearbeit, wirbt Mitglieder an, hält Vorträge und – als die Straßenblockaden beginnen – auch Protest-Trainings. „Daheim spüre ich bis heute Ablehnung.“ Seine Familie mache sich Sorgen, sagt Moritz, dass er sich mit dem Aktivismus sein Leben „bewusst ruiniere“, wenn er dafür ins Gefängnis müsse. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Klimakrise enden wohl ab und an im Streit.

Die Aktivistengruppe wird für Moritz zu einem sozialen Fixpunkt. Man trifft sich privat, kennt die Macken der anderen, und durch die emotionalen Aktionen formt sich schnell ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Über das Auf-die-Straße-Kleben sagt Moritz: „Alleine hätte ich das wahrscheinlich nie im Leben gemacht.“ Die Blockaden lösen in ihm aber auch ein Unwohlsein aus. „Das war, als würde ich mich freiwillig auf eine Schlachtbank begeben.“ Er wird beschimpft, bespuckt oder mit Pfefferspray attackiert. Moritz erlebt viel, sorgt sich um seine Mitstreiter*innen, von denen sich einige beim Wegtragen-Lassen das Handgelenk brechen. Doch er sieht, dass die Aktionen der „Letzten Generation“ Aufmerksamkeit schaffen und einen Diskurs über das Klima anregen – für ihn sind sie also effektiv.

„Das war, als würde ich mich freiwillig auf eine Schlachtbank begeben.“

Moritz Riedacher, Klima- und Tierrechtsaktivist

„Ich lasse mich nicht brechen.“

Das Recht zum Protest ist im Grundgesetz verankert und für Moritz ein fester Teil einer Demokratie. Er klebt sich fest, besprüht Universitäten mit Farbe oder zeigt sich selbst an, um Aufmerksamkeit auf ihre Aktionen zu lenken. „Ich bin der Meinung, dass meine Aktionen immer friedlich waren.“ Er ist enttäuscht, wenn er Anfeindungen gegen Aktivist*innen liest. Laut ihm sehen viele nicht, was manche Menschen in der Szene bereit sind, für das Klima zu opfern. Kritiker hingegen sprechen von einem rücksichtslosen Verhalten der Bewegung und fordern teils ein Vereinigungsverbot für die „Letzte Generation“. Für die Aktion am Hamburger Flughafen sollen die Zehn jeweils 40.000 Euro zahlen. Geld, das Moritz nicht hat und nicht zahlen will, denn Klimaaktivismus dürfe seiner Ansicht nach niemals strafbar sein, wenn es um den Schutz der Lebensgrundlage geht. Moritz will zeigen: „Ich lasse mich von diesen Gerichtsurteilen nicht brechen.“ Die vielen Geldstrafen, zu denen er verurteilt wurde, hat er bereits aufgehört, zu zählen. Ein Pfändungsschutzkonto sichert aktuell sein Existenzminimum, indem ein Freibetrag von 1.560 € pro Monat nicht von den Gläubigern eingezogen werden darf. 

Der Klimaaktivist Moritz Riedacher protestiert mit „PETA“ gegen Tierversuche. Dabei steht er mit Fake-Blut bespritzt in einer Fußgängerzone.
Während seiner Zeit bei der „Letzten Generation“ wird Moritz vegan und setzt sich vermehrt für Tierrechte ein. Hier protestiert er mit „PETA“ gegen Tierversuche. | Quelle: Moritz Riedacher
Der Klimaaktivist Moritz Riedacher klebt sich mit einer Mitstreiterin auf die Straße.
Mit Sekundenkleber, Quarzsand und Aktivator klebt sich Moritz 2023 in Heidelberg in der „Doppelbetonhand“ fest. | Quelle: Sabine Arndt
Orange Farbe wird bei einer Aktion der „Letzten Generation“ auf die Universität in Heidelberg gesprüht.
Bei einer Einführungsveranstaltung für Erstsemester wird die Universität in Heidelberg besprüht. | Quelle: Moritz Riedacher

Das Aus und der Neuanfang

Im Dezember 2023 steigt Moritz bei der „Letzten Generation“ aus. Ihm ist klar, dass er bis dahin alles gemacht hat, was er machen konnte. Zweifel an der Wirksamkeit der Bewegung hat er keine, dennoch fühlt sich der Rückzug für ihn richtig an. Zudem ist er gegen Ende „ziemlich ausgelaugt von den ganzen Aktionen“. Das viele Reisen quer durch Deutschland, die Proteste und die Gewalt, die er miterlebt hat, machen ihm zu schaffen. Erlebte Situationen jagten ihm vor Protestaktionen als Albträume hinterher. „Teilweise konnte ich in der Nacht vorher nicht schlafen.“ Moritz geht mehrere Monate in Therapie und verarbeitet seine Erfahrungen. Er kommt auf den Gedanken, sich einer Partei anzuschließen. Den Weg, bis ein Gesetz in Kraft tritt, empfand er früher als zu langsam. Heute denkt er anders darüber: Als Partei lassen sich konkrete Beschlüsse fassen, die in einer Stadt etwas ändern können.

Als Mitglied und Generalsekretär im Bundesvorstand der Tierschutzpartei findet er einen Weg, seinen Aktivismus fortzuführen. Das Programm der Kleinstpartei spiegelt seine Werte am besten wider, denn Tierrechte können für Moritz nicht ohne den Einsatz für den Klimaschutz funktionieren. Seine Ämter in der Partei legt er später ab, um nebenher mehr Zeit für Demonstrationen und seine Gerichtsverfahren zu haben. Die Parteimitgliedschaft zeigt ihm aber weiterhin: „Meine Einstellung ist nicht falsch. Ich bin nicht falsch.“ Im Frühjahr dieses Jahres tritt Moritz als Direktkandidat bei den Landtagswahlen an. Für ihn ist die Parteiarbeit ein weiterer Weg, ein Zeichen zu setzen.

Tauben und das Gericht

Die gelben Umschläge – die Gerichtsladungen –, die noch immer in seinem Briefkasten landen, erinnern an seine Vergangenheit. Moritz kann nicht ausschließen, dass er doch einmal für seine Taten ins Gefängnis muss. Anklage, Verurteilung, Freispruch – ein Prozess, der, wie er sagt, „Alltag“ für ihn geworden ist. Er ist froh, dass sein Minijob als Taubenwart ihm genug Zeit lässt, seine Gerichtsverfahren wahrzunehmen und trotzdem politisch aktiv zu bleiben. Sein Ziel ist es, Menschen Vertrauen in eine lebenswerte Zukunft ohne Diskriminierung zu geben. Solange Menschen aktiv bleiben, wird sich etwas bewegen können, sagt Moritz, denn „Solidarität ist das stärkste Werkzeug, das die Bewegung hat“. Und sich einschüchtern zu lassen, das sei laut ihm der Tod des Klimaschutzes.

„Solidarität ist das stärkste Werkzeug, das die Bewegung hat.“

Moritz Riedacher, Klima- und Tierrechtsaktivist