Shame on me 4 Minuten

Geständnis aus der Flasche

Eine Zeichnung einer Bierflasche. Auf dem Etikett steht 0,0-Prozent Alkohol.
Ohne Alkohol Spaß zu haben, scheint für viele unmöglich. Ich vertrete eine andere Meinung – auch wenn das Überwindung kostet. | Quelle: Frederike Lange
11. Juni 2026

Scham. Ein Gefühl, das wir alle nur zu gut kennen. Gerade in unseren Zwanzigern begegnet sie uns häufiger, als uns lieb ist. Manchmal mag Scham ihre Berechtigung haben, doch man sollte über Scham-Momente auch mal lachen dürfen. Heute: Die Scham darüber, sich als Nichttrinkerin zu outen. 

Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkendecke drücken, wird mit einem lauten Knall die Gartensaison eröffnet. Die Klänge der Kronkorken-Sinfonie schweben über die Pflastersteine der Stadt und winden sich bis hin zum Stadtrand, zu den Zipfelmützen der kleinen Wächter unserer Schrebergärten. In sich trägt diese liebliche Melodie den Plan für die Sommermonate: Es wird hart gesoffen! So macht man das. In Deutschland.

Mein Problem mit dem Alkohol

Ich sitze auf einer Bier-Bank in einem dieser Gärten, der sich langsam mit Jugendlichen füllt, die nach Mamas Parfum und Kräuterlikör riechen. Wie toll. Kevin wirbelt mit einer Flasche Wein umher. Er sieht mich. Ich sehe ihn. Er kommt auf mich zu. Ich werde nervös. Er wird schneller. „Was willst du trinken?“, fragt er. Schweißtropfen bilden sich auf meinen Handinnenflächen. Meine Augen spähen links und rechts nach Zeugen. Denn die Antwort, die ich gleich geben werde, könnte von einigen als Verrat am Vaterland gedeutet werden: „Ich trinke keinen Alkohol.“

Holy Aperoly. Er sieht mich an, als hätte ich gerade zugegeben, dass ich hobbymäßig Steuererklärungen ausfülle. Der Inhalt in meinem Becher ist klar, sprudelig und – Gott bewahre – absolut alkoholfrei. Es ist Wasser, mit einer einsamen, traurigen Zitronenscheibe, die aussieht, als würde sie gerne Suizid durch Ertrinken begehen. Dann folgt meine 10-minütige Rede darüber, warum ich heute „leider, leider“ nichts trinke, gefolgt von Kevins vergeblichem Versuch, auf göttliche Weise mein Wasser zu Wein zu machen. Aber ich schwimme nicht im Strom der Alkoholtrinkenden mit. Doch warum ist es mir dennoch so unangenehm, mich als „Nichtschwimmerin“ zu outen?

Promille-Pantomime

Der Grund: Ich bin ein Rudeltier. Allein sein bedeutet in der Wildnis den sicheren Tod. Kennt ihr diese Naturdokus, die morgens im Fernsehen laufen? Ein kleines Säbelantilopen-Baby wird von seiner Familie getrennt. Unsicher stapft es durch die Gegend. Zitternd. Blökend. Damit kriegt man mich immer zum weinen. Ich möchte aber sicherlich kein zurückgelassenes Säbelantilopen-Baby sein. Und darum verunsichert es mich, der Herde an Alkoholtrinkenden laut zu verkünden, dass ich keinen Alkohol trinken möchte. Ich verdecke das 0,0-Prozent-Zeichen auf dem Flaschenetikett mit meiner Hand. Ich spiele Promille-Pantomime, um meine betrunkenen Freunde nicht merken zu lassen, dass ich eigentlich nüchtern bin. Und ja, ich habe mich auch viel zu oft überreden lassen, doch etwas zu trinken. Doch aus dieser Sekt-e möchte ich raus. Und mir fehlt nichts. Ehrlich. Bin ich dadurch uncool? – Vielleicht. Aber einen „Kater“ am nächsten Morgen möchte ich nicht, und ein Leben als einsame Katzenlady hört sich für mich gar nicht mal so schlecht an. Es scheint, als hätten wir kollektiv beschlossen, dass Cool-Sein erst ab 1,0 Prozent Promille beginnt. Dabei geht die Rechnung für mich nicht auf: Man will Anerkennung und bekommt Leberzirrhose. Na Prost. 

Die Trinkolympiade als Leistungssport

Kevin setzt zu seinem nächsten Spielzug an. Der Trichter ist in Position. Er trinkt und trinkt und trinkt. Und auuus, das Spiel ist auuus. Er kolla-bier-t und liegt am Boden. Ihr habt meine Hochachtung. Unsere Vorfahren wären bestimmt stolz. Dieses zytologische Massenvernichten scheint ein Teil einer Sportart zu sein, in der es bei mir nicht einmal für die Teilnehmerurkunde reichen würde. Und glücklicher könnte ich darüber nicht sein. Wenn diese Trinkolympiade ihren Höhepunkt erreicht, platzen die Neuronen schneller, als wenn man ein kleines Kind auf einen Seifenblasenkünstler loslässt: „Was machst du neben dem Studium?“ – Plopp. „Lass uns mal ins Freibad einbrechen“ – Plopp, plopp. „Denkt ihr, es ist eine gute Idee, vom Dach in den Pool zu springen?“ – Nein, ist es nicht! Und weil es so schön war: Plopp, plopp, plopp. Ach ja. So schnell hal-bier-t sich das Hirnvolumen.

Nüchtern betrachtet ist es schon paradox: Ich schäme mich dafür, die einzige Person im Garten zu sein, die morgen früh noch weiß, wie sie nach Hause gekommen ist. Also hört her, ihr Bier-Banausen der Gin-Z-Generation: Ich bin stolz, eine Nichtschwimmerin zu sein, und mein Körper dankt es mir auch. Ich kam, sah, und naja, siegte. Oder um es in eurer Sprache auszudrücken: Veni, vidi, Whiskey.