Musiktexte-Kolumne 3 Minuten

Wenn der Glaube zur Rechtfertigung wird

Eine Bibel mit Kreuzkette und Kerze
„I’m counting my blessings - ’cause I found true happiness“ – Genesis beschreiben in ihrem Song, wie Religion für die eigene finanzielle Bereicherung genutzt wird. | Quelle: Lotte Kasper
18. Jan. 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. „Jesus he knows me“ – wie weit darf Religion gehen?

„Jesus he knows me and he knows I’m right“. Die Stimme von Phil Collins zieht mich in einen Bann, ich kann nicht anders als laut schallend mitzusingen. Schon als kleines Kind, auf dem Rücksitz im Auto, gefiel mir der Song. Damals dachte ich, das Lied handelt von der Gewissheit, dass Gott auf meiner Seite ist und mich auf den „rechten Weg“ bringt. Dieser Weg scheint für manche doch ein bisschen zu sehr nach rechts zu gehen als in die richtige Richtung. In dem Song kritisiert Genesis Prediger in TV-Shows, die den Glauben ihrer Zuschauenden für ihren eigenen Profit ausnutzen. „You buy a piece of paradise – you buy a piece of me“. 

Glaube = Menschenverachtung?

Es gibt kaum etwas, dass mich wahnsinniger macht, als Menschen, die Religion nutzen, um ihre eigenen, teilweise absurden, Vorstellungen zu begründen. Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Transfeindlichkeit und so weiter. Anscheinend begründen manche Amis sogar ihr Recht auf Waffen mit Bibelversen. Manchmal weiß ich dann nicht genau, ob ich lachen oder weinen soll. 

In einer Dokumentation über eine rechtsextreme Gegendemonstration zum CSD in Pforzheim sieht man Nazis durch meine Heimatstadt laufen. Sie halten vor einer Kirche, an der die Pride-Flagge gehisst ist. „Die, die das aufgehangen haben, kommen in die Hölle“, oder so ähnlich, ruft ein Demonstrant. Was läuft denn falsch in unserer Welt, dass Nationalsozialisten mit Gott argumentieren? Sollte es tatsächlich einen Gott geben und sollte er von oben zuschauen, wie sehr muss er sich schämen, dass sein Name so massiv missbraucht wird?

„You don’t need to believe in hereafter – just believe in me“

Genesis

Religiöse Kriege, Ablassbriefe, Ausbeutung, Missbrauch und Missionsarbeit. Dass Religionen für viele Menschen etwas Negatives bedeuten, ist nicht verwunderlich. Und doch schenkt sie so vielen Menschen einen Sinn, eine Bedeutung. Obwohl ich selbst nicht gläubig bin, sind auch meine Werte christlich, so wie sie im Grundgesetz verankert sind. Ich versuche (wirklich!!!) die positive Seite zu sehen. Doch dann wird mir eine Millane Friesen in den Insta-Algorithmus gespült. Diese Influencerin geriet vor kurzem in die Kritik, da sie ihre konservativen Vorstellungen, besonders die Rolle der Frau, mit ihrem Glauben begründete. Die Frau habe sich dem Mann zu unterordnen, der Mann brauche Respekt, die Frau brauche Liebe. Amen. 

Wenn ich mir solche Aussagen anhören muss, merke ich, wie meine Wahrnehmung auf gläubige Menschen darunter leidet. Ich beginne zu verallgemeinern und der Glaube an Gott verliert für mich seine Ernsthaftigkeit und wird einfach nur lächerlich. Doch genau das will ich nicht. Ich will, dass ich differenzieren kann zwischen einfachem Glauben und dem missbräuchlichen Auslegen der Bibel. Aber es fällt mir schwer. 

Heute sitze ich am Steuer, singe weiterhin mit – aus einer anderen Überzeugung. Ja, der Glaube kann positiv sein, doch basiert er häufig auf einem Jahrhunderte alten Schriftstück, das sehr unterschiedlich interpretiert werden kann. Und wenn Menschen ihr Leben komplett danach richten und nicht mehr in der Lage sind mit der Zeit zu gehen und endlich die persönliche und sexuelle Freiheit anderer Menschen anzuerkennen, dann hört der Spaß auf. 

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind: