Ausflug ins Nimmerland
Es wird Zeit auszumisten. Kindheitsgedöns, aufgehoben aus – welchen Gründen eigentlich? – wahrscheinlich Nostalgie. Aber okay war eben noch Platz in der Kiste. Playmobil, Barbie Puppen, alte Freundschaftsbücher. Erinnerungen an die farbenfrohe sorglose Kindheit. „Preserved from when we were just kids“, singt Taylor. Ich blättere das Freundebuch aus Kindergartenzeiten durch. Mit drei war „Häschen in der Grube“ anscheinend mein Lieblingslied und ich wollte unbedingt ein Falabella Pony haben. Einige meiner Kindergartenfreunde würde ich heute wahrscheinlich nicht wiedererkennen.
„With your feet on the ground, tell me all that you‘d learned“, heißt es im Song. Ja, manchmal wäre es doch ganz nett, ein Gespräch mit seinem zukünftigen älteren schlaueren Selbst zu führen, um ein paar Entscheidungen gemeinsam abzuklären. Aber dann würde man doch nichts mehr lernen, denn letztendlich lernt man aus Fehlern und manchmal muss man zuerst falsch abbiegen, um zu merken, was man wirklich will. Ich denke, ich wusste eigentlich noch nie im Leben, was genau ich mache. Als Kind habe ich das nicht gemerkt. Mittlerweile realisiere ich das und es fühlt sich (oft) an, als würde ich alles falsch machen. Aber mein jüngeres Ich wäre bestimmt stolz auf das erwachsene Ich und würde mit glitzernden Augen zu mir aufschauen. Letztendlich leben wir alle zum ersten Mal. Zwischen Routinen und Alltagssituationen geht der Nervenkitzel des unbekannten Neuen verloren. Normale, gewöhnliche Tage wirken gleich, doch sie sind es nicht. Meine Gedanken stehen niemals still.
Den Kinderschuhen entwachsen
„I thought it was just goodbye for now“. Wann habe ich zuletzt mit dieser Puppe gespielt? Unwissentlich habe ich diese vor Jahren an einem mir unbekannten Datum zum letzten Mal nach dem Spielen zurückgelegt. Weder Puppe noch Mini-Me wussten, dass sie erst wieder zum Einräumen in einen Karton herausgeholt wird. Wann bin ich erwachsen geworden? Es ist, als hätte ich diesen Prozess nicht mitbekommen. Ein fortwährender Prozess. An manchen Tagen ein Teufelskreis. Seit wann zerbreche ich mir über alle Kleinigkeiten den Kopf? Ich will lieber wieder aussuchen, welches Kleidchen meine Puppe heute anziehen soll. Im Song heißt es: „and the shelf life of those fantasies has expired“. Wann stürzte meine Fantasie auf den harten Boden der Realität? Wenn ich heute wage zu träumen kommt oft: „ja, aber“.
"And I won't confess that I waited, but I let the lamp burn" – genauso wie Taylor in ihrem Song hatte auch ich eine bestimmte Vorstellung vom Erwachsensein. Endlich selbst entscheiden. Aber es ist paradox, sobald ich Entscheidungsfreiheit bekam, war ich überfordert. Was als erstes, was als nächstes? Was ist überhaupt das Richtige? Ich will ab und an nicht die alleinige Verantwortung für mein Leben haben. Taylor Swift spricht über das Loslassen: „But the woman who sits by the window has turned out the light“. Irgendwann hat Wendy mit Peter Pan abgeschlossen. Auch ich habe eingesehen, dass das Leben oft anders kommt, als man es sich erträumt hat – aber oft sind unerwartete Dinge die besten, die passieren. Ich knipse die Lampe meiner Kindheitserinnerungen aus und schmeiße sie weg. Ob aus Wut oder aus funktioniert-halt-nicht-mehr. Betrogen von der Illusion, wie das Leben sein könnte. Vielleicht sollte ich manchmal dieses kleine Licht wieder anschalten, wieder im Garten herumrennen, laut schreien, Emotionen und Gedanken eben genau dann teilen, wenn ich sie fühle. Auch wenn auf den Boden stampfen nicht arg seriös wirkt. Meinem inneren Kind Raum geben: Neugier, Abenteuerlust und Faszination für die ganz kleinen Dinge nicht verlieren.
Nochmal Kind sein
Peter Pan, das ewige Kind, wollte nicht erwachsen werden. Konnte nicht erwachsen werden? Doch Wendy schon, sie ist älter geworden und ist damit Peter Pan entwachsen. Manchmal wünschte ich mir, man könnte der Welt der Erwachsenen entfliehen und eine magische Insel voller Abenteuer besuchen. Auch nach einem Urlaub in Nimmerland muss ich wie Wendy zurück in die menschliche Welt. Ein ewiger Kampf zwischen Kindsein und Erwachsensein.
Es wird Zeit weiterzumachen. Von ein paar besonderen Dingen kann ich mich nicht trennen. Die packe ich wieder in die Kiste – bereit, um sie in ein paar Jahren wieder rauszukramen, wenn es Zeit für einen neuen Ausflug ins Nimmerland wird.
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: