Eine Millionen Träume für ein Leben
Ich stehe in meinem Zimmer. Um mich herum Kartons mit Dingen, die mein früheres Ich einmal glücklich gemacht haben. Aber was einst wichtig war, wird von neuen Prioritäten in den Schatten gestellt. Ich öffne einen der Kartons. Ein kleiner weißer Brief liegt vor mir, adressiert an mein zukünftiges Ich. Ich erkenne deutlich die Handschrift meines 11-jährigen Ichs. Ich erinnere mich, als die Lehrerin uns den Brief als Hausaufgabe aufgegeben hat. Als ich ihn öffne, tanzen viele Buchstaben in meinem Sichtfeld umher. Ich beginne zu lesen.
Liebes zukünftiges Ich,
wenn du das hier liest, bist du vermutlich schon erwachsen und Schauspielerin. Falls du es vergessen hast: Dein größter Wunsch war es, auf einer großen Bühne zu stehen. Stell dir die vielen Menschen vor, die nur kommen, um dich zu sehen. Egal ob jung oder alt, die Menschen kommen zusammen für einen magischen Augenblick, der zu einer schönen Erinnerung wird. Ich hoffe, dass du fürs Träumen nicht zu erwachsen geworden bist. Hör niemals auf, auf dein Herz zu hören.
In Liebe
Dein junges Ich
Ein Lächeln huscht mir über die Lippen, als ich an das kleine Mädchen von damals denke – eine Träumerin. Mein Kopf spielt den Anfang des Songs „A Million Dreams“. „I close my eyes and I can see a world that's waiting up for me.“ Ich erinnere mich, als ich mit meiner Mum das erste Mal in einem Musical war. Es wird dunkel, ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. Dann ein Lichtstrahl und man sieht die ersten Schauspielenden auf der Bühne. Ich sitze nach vorne gelehnt in meinem Sessel, als wollte ich jeden Moment aufspringen und Teil von ihnen sein. Mit jeder Szene wurden meine Augen größer. Das war das Magischste, was ich jemals gesehen hatte. Nach der Vorstellung sagte ich voller Stolz zu meiner Mum, dass ich einmal Schauspielerin werden will. Darauf folgte ein Lachen, als wollte sie auf eine scherzhafte Weise sagen: „Du nun wieder mit deinen verrückten Ideen.“
Wenn Träume fliegen lernen
„They can say, they can say it all sounds crazy. They can say, they can say I've lost my mind.“ Ich frage mich, wann man aufhört, an seine Träume zu glauben. Sind es die Menschen, die einem sagen, dass etwas total verrückt ist, die einen abhalten? Oder ist es der Verstand, der von Zeit zu Zeit immer größer wird und die Kindheitsträume still und leise im Keim erstickt? Als Kind hat man nur die Vision davon, wie die Welt einmal aussehen könnte. „I think of what the world could be. A vision of the one I see. A million dreams is all it's gonna take.“ Als junge*r Erwachsene*r lässt man nach und nach von dieser ab. Man lernt, die ersten wichtigen Entscheidungen zu treffen. Dabei schlummert tief in dir drin ein Traum, der entweder als Antrieb genommen wird oder in Vergessenheit gerät. Ich glaube, dass nur ein geringer Teil der Menschen wirklich seinen Träumen folgt. Schade eigentlich. Das innere Kind wird so lange unterdrückt, bis es nur noch ein Schatten ist, der einst wie ein helles Licht gestrahlt hat. Dabei vergessen wir häufig: „We can live in a world that we design.“ Träume sind an kein Alter gebunden. Sie verlangen nur die Vorstellungskraft und den Mut, sie umzusetzen.
Ich blicke auf den Brief und denke an mein selbstbewusstes, früheres Ich. Vermutlich wäre es zunächst enttäuscht zu sehen, dass ich heute keine Schauspielerin bin. Im nächsten Moment würde es sich aber vermutlich freuen, dass ich ein Leben führe, das mich mindestens genauso erfüllt wie jenes in meiner damaligen Vorstellung. Jeden Tag starte ich umgeben von Menschen, die mich lieben. Jeden Tag lebe ich meine Leidenschaft - das Schreiben. Es erfüllt mich. Und sollte ich doch irgendwann einmal meinen Kindheitstraum verwirklichen wollen, muss ich nur die Augen schließen und mich von meinem früheren Ich leiten lassen.
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: