Shame on me 3 Minuten

Segelflug durch die U-Bahn

Ein Segelflugzeug, welches durch die U-Bahn fliegt
Wie die U-Bahn Bremsung mich durch das Abteil segeln lässt | Quelle: Illustration von Youmilyne Kamany
11. Juni 2026

Scham. Ein Gefühl, das wir alle nur zu gut kennen. Gerade in unseren Zwanzigern begegnet sie uns häufiger, als uns lieb ist. Manchmal mag Scham ihre Berechtigung haben, doch man sollte über Scham-Momente auch mal lachen dürfen. Heute: Die Zugbremse, die zum Segelflug führte.

15:04 Uhr. Es ist kurz nach Uni Schluss und ich sitze in den bequemen blauen Sitzen der U-Bahn Linie U14 Richtung Mühlhausen. Noch eine Station, dann muss ich aussteigen. Ich mache mich langsam bereit und nicke meinem Sitznachbarn zu, damit er weiß, ich möchte aufstehen. Ich drücke mich also aus meinem Sitz, schultere meinen Rucksack und will gerade einen Schritt nach vorne gehen, als das Drama seine Fahrt aufnimmt. Die Bahn bremst. Ruckartig. Zu schnell. Und da sind sie: kurze Schwerelosigkeit, hektisches Rudern meiner Arme und plötzlich befinde ich mit hochrotem Kopf auf dem Schoß meines Mitfahrenden. Oh… mein… Gott! Ich könnte vor Scham im Boden versinken. Ich nuschele ein „Entschuldigung“, verfluche innerlich die Bremsen der Bahn und sprinte förmlich aus der U-Bahn.

Nach solchen Momenten denkt man kurz: Warum fühlt sich das eigentlich so schlimm an? Niemand ist gestorben. Niemand wurde verletzt. (Zum Glück!). Ich bin einfach zu früh aufgestanden und (fast) quer durch die U-Bahn gesegelt. Scham ist komisch. Sie kommt nicht von außen. Wir machen das ganz allein. Niemand zwingt uns dazu, sie zu fühlen. Und trotzdem haben wir manchmal das Gefühl wir müssten uns jetzt schämen. Sozusagen als Entschuldigung. Damit auch wirklich jeder sieht: Ja, ich weiß selbst, wie dumm diese Aktion war.

Me, myself und die Gesellschaftsnormen

Dabei entsteht Scham meistens aus der Angst vor Ablehnung und dem Bedürfnis gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Nur macht man sich diese Normen irgendwie ja auch selbst. Wir bilden uns oft Dinge ein, die andere komisch finden. Aber in Wahrheit fallen ihnen diese Dinge meist nicht auf. Wir stellen uns manchmal zu sehr ins Scheinwerferlicht und vergessen, dass jeder Mensch seinen eigenen Kopf, mit eigenen Gedanken und Problemen hat. Manchmal beobachtet man Menschen und denkt aber nur darüber nach, was es am nächsten Tag zum Mittag essen gibt. Reisbowl oder Pasta? Während sich also die andere Person vielleicht beobachtet fühlt und denkt, jeder hätte ihren kleinen Stolpermoment gesehen, philosophieren die anderen über ihr nächstes Festmahl. 

Ich denke, wenn wir uns bewusst machen, woher dieses Schamgefühl kommt, nämlich von den gesellschaftlichen Normen in unserem Kopf und diese vielleicht ein bisschen zurückschrauben, dann könnte auch dieses kleine, aber sehr laute Gefühl von Scham weniger werden. Fehler machen ist vollkommen normal. Bei uns selbst und bei anderen. Klar, ein bisschen Scham braucht der Mensch wahrscheinlich schon, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Okey. Aber sollte sie unser moralischer Kompass sein? Auf gar keinen Fall. Wenn wir uns schämen, verstoßen wir meistens gegen unser eigenes Idealbild. Und genau dieses Idealbild projizieren wir oft auch auf andere. Nicht gut.

Also nicht vergessen: So traurig das vielleicht klingen mag, aber man selbst ist tatsächlich nicht der Mittelpunkt der Welt von anderen. Und das ist manchmal auch ganz gut so.