Musiktext-Kolumne 3 Minuten

Verschwende deine Jugend - kompensieren im Rausch

Auf einem Flurboden liegen eine rote Tasche, Tabletten, ein Fellmantel, schwarze Plateauschuhe, ein Geldbeutel und ein Feuerzeug.
Manchmal braucht es nur eine Nacht, um alles zu vergessen. | Quelle: Ash Flörchinger
11. Juni 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. In unseren Zwanzigern fragen wir uns oft, ob wir richtig leben oder doch nur unsere Zeit verschwenden. Aber vielleicht kann eine verschwendete Jugend auch genau das Richtige für uns sein.

Es ist 3:12 Uhr. Die Straßen sind dunkel und kalt. Ich kann noch den Schweiß des Clubs auf meiner Haut spüren. Ein Geruch von Berliner Luft, Kippen und Ekstase klebt an mir. Vor einer halben Stunde habe ich noch mit fremden Menschen getanzt, so als hätte ich sie schon mein ganzes Leben lang gekannt. Durch meine Kopfhörer dringt ein harter, schneller Bass. „Verschwende deine Jugend“, schreien mir die beiden Artists RBG und Savvy mehrmals ins Ohr, während ich an schlecht geparkten Autos und geschlossenen Läden vorbeilaufe. Alles in mir fühlt sich frei und sorglos an. Ich spüre pure Euphorie.

Ich steige in den Nachtbus ein, der letzte für heute. Während ich mir einen Sitzplatz suche, höre ich die nächste Line durch meine Kopfhörer: „Kopf ist aus, wir sind laut, Augen schein’n.“ Die Stimme ist jetzt sanft, fast nostalgisch. Ein Kinderlachen ertönt im Track. Ich lächle und bin mit meinem Kopf wieder im Club. Für genau diese Nächte lebe ich. Nächte, in denen Momente von absoluter, ungebremster Freiheit durch mich pulsieren. Das Gefühl hat etwas so Leichtes, dass ich mich oft in die Kindheit zurückversetzt fühle. Lachen und spielen den ganzen Tag, einfach unbesorgt sein. Es ist fast so, als würden wir mit Anfang Zwanzig dieses Gefühl im Club imitieren, dieses Loslassen, dieses Freisein. Da sind diese Funken aus reinem Glück in mir, die wie mein Kinderlachen aus mir drängen. Sie lassen mich kurz meinen Alltag und meine Probleme vergessen. Und das fühlt sich dann auch nicht nach Verschwenden an, sondern nach leben.

Fehler und Überforderung? Ganz normal

Während der Bus fährt, checke ich meine Nachrichten. Ein Typ, dem ich meine Nummer gegeben habe, schreibt mir und fragt, wann wir uns wiedersehen. Gott, warum habe ich mich darauf überhaupt eingelassen? Eine andere Person fragt mich, ob ich bereit für die Präsentation morgen bin. Oh fuck. Komplett vergessen. 

„Scheiß‘ auf die Zukunft, man lebt eh nur in der Gegenwart, das Leben bockt am meisten wenn du Fehler machst“
RBG & Savvy

„Scheiß‘ auf die Zukunft, man lebt eh nur in der Gegenwart, das Leben bockt am meisten wenn du Fehler machst“, sagt mir RGB. Ich lege mein Handy zur Seite. Da hat er wohl Recht, genau das liebe ich ja so sehr an meinen Zwanzigern. Ich bin eigentlich immer vertieft in das Hier und Jetzt, weil alles neu und intensiv ist. Manchmal lass ich mich davon aber etwas zu sehr mitreißen - da kann man schonmal das ein oder andere vergessen. Es kann halt nicht immer alles gleich präsent sein, da kommt auch eine Präsi mal zu kurz. Jetzt hab ich schließlich die Zeit mich auszuprobieren und genau diese Fehler zu machen, auch wenn sie sich nach verschwendeter Zeit anfühlen können.

Manchmal sind es aber auch genau diese Momente, die mich verunsichern, wenn ich im Euphorie-Rausch bin. Eine Textnachricht, die mich zurück in die Realität holt. Denn warum muss ich außerhalb meines Glücks auch immerzu funktionieren? Immer einen Plan haben? Eigentlich möchte ich nur mein Leben leben, es genießen. „Fick dein’n Job und schmeiß die Schule, ja, sag‘, was soll’n sie tun?“ Ja genau solche Gedanken bahnen sich dann rasant schnell an. Es ist ja mein Leben, aber umso mehr Druck spüre ich, es richtig zu leben. Es wertzuschätzen. Meine Entscheidungen haben Einfluss darauf, wie es verläuft. Ich kann es nicht nur komplett mit Rausch und Glück überschütten, weil ich dann andere Bereiche vernachlässige, die mir wichtig sind. Und trotzdem ist das Bedürfnis manchmal da.

Das Verschwenden ausleben

Ich schaue aus dem Fenster. Ich glaube es lohnt sich, seine Jugend zu verschwenden. Diese ganzen Erfahrungen, die wir sammeln, prägen uns schließlich als Menschen. Und egal ob sie gut oder schlecht sind, haben wir sie doch selbst gelebt und uns dadurch besser kennengelernt. „Lieber hab’n wir Zeit verschwendet, als dass welche übrig bleibt“. Ich muss wieder lächeln. Das Leben in vollen Zügen zu leben, klingt genau richtig.

Verschwende deine Jugend - RGB x Savvy