Musiktexte-Kolumne 2 Minuten

„I'm a dopamine addict“

Chemisches Formelzeichen von Dopamin auf Papier gemalt. Daneben ein Wasserfarbkasten und Pinsel.
Bildschirmzeit gegen echte Glücksgefühle tauschen. | Quelle: Flávia Zöllin
11. Juni 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. „Dopamine Addict“ lässt mich über meine zu hohe Bildschirmzeit nachdenken.

Eine Zahl auf dem Bildschirm. Nüchtern betrachtet nur eine Zahl, nur ein paar Pixel. Aber sie brennt sich tief in meine gereizte Netzhaut ein. Die zu hohe Bildschirmzeit, mal wieder. Ich hatte doch so viel vor heute. Wollte eigentlich nur kurz etwas checken und schwupps sind schon wieder zwei Stunden vergangen. 

Alec Benjamin singt: „It just won’t let go of me“. Als würde eine unsichtbare Hand aus dem kleinen Bildschirm herauskommen und mich auf dieser verdammten Plattform festhalten. Alec Benjamin zeigt mir im Song nicht nur, wie handysüchtig wir doch alle sind, sondern auch, was endloses Scrollen mit uns macht: Reizüberflutung, Isolation, Druck, Dauerstress … Dieser kleine Bildschirm lässt mein Gehirn auf Knopfdruck – oder wohl eher Bildschirmdruck – Dopamin ausschütten. Die kleinen Dinge im Leben verlieren wir außer Acht. Die Blümchen, die da blühen, die Katze, die dort hinten im Gras sitzt. Ich habe Angst das echte Leben zu verpassen. Eine ständige Aktivierung von Dopamin durch das Scrollen auf Sozialen Medien. Dopamin kann Glücksgefühle auslösen. Social Media löst allerdings nur ein kurzfristiges Dopamin-Hoch aus. Nichts Langfristiges. Und sobald man die App schließt und der Dopaminspiegel wieder sinkt, lechzt die Gehirnmasse nach neuen Reizen. Es klammert sich am Handy fest. Gesünder wäre ein dopamine-detox-day: Das Smartphone ausschalten, außer Reichweite von Süchtigen aufbewahren und gesunde Dopamin-Quellen anzapfen. Ich hole den Wasserfarbkasten raus, um wieder etwas mehr Farbe – ohne toxisches Blaulicht – in mein Leben zu bringen. Mit langsamen Pinselstrichen über das Papier zu malen, hat für mich etwas Meditatives und am Ende habe ich sogar ein handfestes Ergebnis, das mich daran erinnert, wie viel Spaß mir malen macht. 

Digitale Medien aus(schalten)

„I have these dreams where I’m me again“ Wie war das nochmal vor dieser Zeit? Vor dem Telefon-Zeitalter? Was habe ich da so gemacht? Ich kann mir eine Zeit komplett ohne Handy gar nicht mehr vorstellen. Vielleicht sollte ich einfach planlos rausgehen und gedankenlos einen Spaziergang machen. Einen Fuß vor den anderen setzen, die Natur auf volle Lautstärke drehen und kein Foto schießen, um für potentielle Instagram-Posts vorgesorgt zu haben. Anstatt meine Galerie vollzumüllen, sollte ich einfach einen Screenshot mit den Augen erstellen und diesen im Hirn abspeichern.

„It’s as if I’m starting to heal.“
Alec Benjamin

Alec Benjamin hat Recht: „It’s as if I’m starting to heal“. Als ich meinen digitalen Begleiter aus der Wie-verschwende-ich-meine-Zeit-am-einfachsten-Werkzeugkiste verbannt habe, wurde ich viel kreativer. Wie wenn ich einen neuen Farbfilm eingesetzt und die alten Filter gelöscht hätte. Hey, die Wolke sieht ja aus wie eine Feder! Ich habe das Gefühl, je weniger ich am Handy bin, desto mehr Kontrolle habe ich über mein Leben zurückgewonnen. Kontrolle darüber, wie viel Social Media konsumiert wird und wie oft ich mir Zeit nehme für Dinge, die mir Spaß machen.

„This chemistry has got a hold of me“ Social Media – der jederzeit abrufe, garantierte Dopaminkick. Ich vergesse alles um mich herum – bloß geht es mir nach dem Scrollen nicht besser. Ich fühle mich schlecht – ich habe meine wertvolle Zeit mit etwas verschwendet, was mich gerade nicht weitergebracht hat. Es ist mir eigentlich total egal, dass diese eine möchtegern-authentisch Influencerin schon zum fünften Mal im Luxusurlaub ist und ihre Top-Super-Spar-Tipps zeigt. Ich will lieber basteln. Mit Papier, Schere und Kleber kann ich auch eine Villa erschaffen.

Echtes Leben an(schalten)

Die kleinen Momente im Leben sind das, was es ausmacht, und die sollten wir nicht verpassen, nur weil unsere Augen magnetisch von diesem kleinen Bildschirm angezogen werden. Sich kreativ ausleben, hüpfen, singen, tanzen (– was auch immer es sein soll –) alles ist besser im realen Leben. Und wenn das mobile Endgerät doch mal benutzt wird, dann um mal wieder die Freundin anzurufen, von der ich schon länger nichts gehört habe.

Eine Zahl auf dem Bildschirm. Nüchtern betrachtet nur eine Zahl, nur ein paar Pixel. Doch sie verrät: Heute blieb mein Handy fast unberührt.

Dopamine Addict – Alec Benjamin

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: