Inhaltswarnung für Leser*innen:
Dieser Artikel kann Themen enthalten, die als sensibel empfunden werden könnten, darunter Beschreibungen von Schmerzen, psychischen Störungen, Selbstverletzung & Suizid sowie Bilder von entstellten Körperteilen. Bitte sei dir dessen bewusst und lies den Artikel entsprechend deiner persönlichen Sensibilität. Unsere Absicht ist es, respektvoll und einfühlsam zu berichten, um die Würde der betroffenen Personen zu wahren.
Wenige Minuten bevor die Vorstellung beginnt. Sophie, die von allen Fini genannt wird, wirkt gestresst. Es ist warm in dem kleinen Kellerraum unter dem Gymnasium. Fini schwitzt sichtbar. Sie eilt von einer Person zur nächsten. Bespricht nochmal den Ablauf. Hilft da nochmal das Kostüm richtig anziehen oder schauen, dass die Schminke passt. Sie hat ein Bein weniger, aber dafür gerade gefühlt 100 Aufgaben gleichzeitig. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bevor es losgeht. Nervosität vor einer Schultheateraufführung mag nichts Besonderes sein, aber für Fini ist es ihr Debüt als Regisseurin. Ein Meilenstein, von dem sie in den letzten Jahren nicht annähernd gedacht hätte, ihn jemals zu schaffen.
Zahlreiche Rückschläge im Leben hat die 21-Jährige schon hinter sich. Unter anderem mit mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen, wegen einer Sozialphobie, Depressionen und einer Borderline-Störung. Letztere begleitet Fini schon seit der Kindheit. Durch jahrelange Selbstverletzungen entstanden die vielen Narben, die ihren Körper zieren. Fini beschreibt ihre Borderline-Erkrankung mit Schwierigkeiten auf der Beziehungsebene und Emotionen, die sie viel intensiver spürt.
Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sieht bei Betroffenen nie gleich aus. Sie kann durch genetische, psychologische oder soziale Faktoren auftreten. Meist ist es eine Mischung aus allem. Starke Stimmungsschwankungen, ein unklares Selbstbild, sowie Schwierigkeiten in menschlichen Beziehungen sind mögliche Symptome. Dazu kommt die Tendenz zur Selbstschädigung. Die Folge können suizidale Gedanken und Selbstverletzung sein. Mithilfe von Therapie und Medikamenten kann dem entgegnet werden.
Quelle: lmu-klinikum.de
Manche Abschnitte ihrer Kindheit und Jugend waren nicht besonders positiv: Immer wieder taten sich schwere psychische Krisen auf. Das zwang sie dazu, ihre Schullaufbahn mehrfach zu unterbrechen. Sie gab nicht trotzdem auf und versuchte es immer wieder. Ein Abi hat Fini aber bis heute nicht in der Tasche. Nicht immer wurde sie von Ärtzt*innen richtig verstanden, behauptet Fini. Oft sei sie aufgrund ihrer Narben direkt in eine Schublade gesteckt worden. Daher trägt sie bei neuen Ärzt*innen zunächst keine kurzen Kleidungsstücke. Auch ein Grund warum sie mittlerweile mehrere Tattoos besitzt. Sie dienen als optische Ablenkung von den Narben.
Zwischen Lachen, Weinen und Hoffnung
Fünf Tage vor der Aufführung. Die Proben laufen. Raucherpause an der Straße. Wie etwa alle paar Stunden. Durchschnittlich dreht sie sich acht Zigaretten am Tag. Fini lächelt. Meist die ganze Zeit über. Man könnte den Eindruck gewinnen, ihr Leben könnte gerade nicht besser sein. Trotz konstant hohen Schmerzen, die sie täglich erlebt. An ihren Fingern glänzen viele Ringe. Gelegentlich spielt sie etwas an ihnen herum. Genauso wie eine Kette, Ohrringe, und ein Nasenpiercing spiegelt sich darin das Sonnenlicht. „Ich bin nicht complete ohne Piercings“, erzählt sie. Sie spricht offen über ihre Gefühlswelt. Egal, wer neben ihr steht, man erfährt unfreiwillig alles über vergangene Operationen, die heutigen Schmerzen auf der Schmerzskala oder wie nervig es ist, dass die Rollstuhlabteile von ICEs meistens im Familienbereich sind. Da hat man ja nie seine Ruhe. Dazwischen blitzt aber immer wieder Freude durch. Erkennbar am Lächeln im Gesicht. Man merkt, dass Fini gerne die fröhlichen Aspekte ihres teils abgründigen Lebens nach vorne stellen möchte. Dazu passen auch die gefärbten Haare. Egal ob blau, grün oder blond - Farben hatte sie schon so ziemlich alle mal. Aktuell strahlen sie in pink. Für jeden Lebensabschnitt eine neue Farbe. „Neuer Job neue Frisur, ich mach die Regeln nicht“, kommentiert Fini das kurz. Sie meint damit ihren beruflichen Neuanfang. Das wird die Arbeit als Regieassistentin an der Badischen Landesbühne in Bruchsal sein. Bevor ihre Arbeit im September beginnt, hospitiert sie einige Tage dort. Der erste größere Neuanfang nach ihrer Beinamputation. Vermutlich das Kapitel ihres Lebens, dass Fini am meisten verändert hat.
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Während der Zeit in der Psychiatrie erhält Fini 2023 einen Ausbildungsplatz zur Theaterpädagogin in Wuppertal. Dazu zieht sie dort anschließend in ihre erste eigene Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt scheint es endlich mal in ihrem Leben voranzugehen. Nach all den psychischen Rückschlägen und dem Abbruch des Abiturs. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Bei einem Haushaltsunfall verletzt sich am linken Bein. Ein Band im Sprunggelenk ist gerissen. Fini vermutet, dass sie bereits durch ihre Selbstverletzung und durch das viele Rauchen schon vorbeschadet gewesen sein könnte. Im Frühjahr 2024 muss Fini ihre Ausbildung aus gesundheitlichen Gründen abbrechen und sucht mehrere Ärzte auf. Kein Ergebnis stellt zufrieden. Gewöhnliches Laufen wird zur Herausforderung. Ihr Knöchel schwillt weiter an und Schmerzen werden stärker. Dann wird bei ihr nach zahlreichen Stationen das Komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) festgestellt.
Das Komplexe regionale Schmerzsyndrom, kurz CRPS, macht sich meist durch starke Schmerzen in Extremitäten des Körpers, also Arme oder Beine, bemerkbar. In der Wissenschaft ist noch nicht eindeutig klar, durch was das Syndrom entsteht. Häufig haben Patienten vorher eine Verletzung in Form von Stauchungen oder Brüchen gehabt. Zudem sind Frauen tendenziell öfter betroffen. Genetische Faktoren können ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Manche Studien sollen auch einen Nachweis zu psychischen Vorerkrankungen wie Depressionen oder posttraumatischen Störungen bewiesen haben. Wegen des noch geringen Wissens über CRPS gibt es aktuell keine passende Heilungsmöglichkeit.
Quelle: Taylor et al. (2021)
Die Lösung soll eine Operation sein, bei der die Nervenstränge am Bein durchtrennt werden. Die Not-OP bessert die Situation jedoch nicht. Die Schmerzen am Fuß werden noch stärker. Fini wird zur Option geraten, sich ihr Bein amputieren zu lassen. Fini muss nun selbst entscheiden, ob sie bereit ist, diesen Schritt zu wagen. Einen, der ihr Leben verändern wird. Tatsächlich fällt ihr das zu diesem Zeitpunkt leicht. „Irgendwann konnte mein Fuß in der Dusche nicht mehr nass werden. Weil das Wasser auf meiner Haut so wehgetan hat, als würde gerade jemand einfach die Haut abziehen. Wenn jemand im Zimmer zu schnell die Tür aufgemacht hat, dann hat der Luftstoß so wehgetan, dass ich teilweise einfach geheult habe“, schildert Fini ihr damaliges Leben. Etwa ein Jahr lang erträgt sie diesen Zustand: „Das war irgendwann wirklich nur noch existieren, das war einfach kein Leben mehr.“
Fini stimmt der Amputation zu. Im Mai 2025 kommt es zur Operation. Nach der Entscheidung sei sie einfach nur erleichtert gewesen und habe zum ersten Mal seit Langem wieder etwas wie Hoffnung auf Besserung verspürt. Vor der Maßnahme dominierte Vorfreude: „Ich wusste, es kann nicht schlimmer werden als jetzt.“
Diese Zeit hat auch Finis Familie spürbar belastet. Ständig nicht zu wissen, ob sich nicht nochmal etwas verschlimmert und wie gut Fini danach leben kann, war hart mitzuerleben. „Ich habe im Stillen zahlreiche Tränen vergossen”, erklärt ihre Mutter bei einem Gespräch zuhause. Den Eltern war aber auch sofort klar, dass sie sich um ihr Kind kümmern wollen, so gut wie es eben geht. So realisierten sie die beiden letzten Wünsche von Fini vor der OP. Zum einen gab es eine Fußabschiedsparty und eine spontane Reise ans Meer, um noch ein letztes Mal mit beiden Füßen im Wasser stehen zu können, auch wenn das schmerzt. Finis Mutter bewunderte damals die Entschlossenheit ihrer Tochter: „Ihre mutige Entscheidung für die Operation war die einzige Chance zurück ins Leben“. Nach der OP waren alle erleichtert, weil Fini es überstanden hatte. Damit war nun der Schmerz weg. Dachten zumindest alle.
Doch die Realität sieht anders aus. Der nächste Rückschlag: Fini hat immer noch Schmerzen am gesamten Körper, die Ärzte sind sich nicht einig, ob sie tatsächlich noch CRPS aufweist oder welche Ursache es haben könnte. Dazu kommen starke Phantomschmerzen in ihrem nun fehlenden Bein. Diese zeigen sich täglich. Es ist auch unklar, ob die Krankheit auch bereits ihre Organe befallen hat. So musste sie sich vor Kurzem die Gallenblase entfernen lassen. Sie war stark entzündet und hatte Steine gebildet. Warum? Darauf konnte bisher keine Antwort gefunden werden. Ingo Schilk ist Chefarzt des Schmerzzentrum Ortenau und entsprechend spezialisiert. Fini ist regelmäßige Patientin bei ihm.
Die Krankheit ist relativ selten. Das Schmerzzentrum Ortenau hatte beispielsweise 31 Fälle bei 350 tagesstationären Patienten in den letzten drei Jahren. Das Syndrom kann in der Intensität variieren. Finis Leiden bewertet Chefarzt Schilk als besonders schwer. Nicht nur weil ihre Schmerzen ein großes Ausmaß haben, sondern auch, weil die möglichen Behandlungsmethoden nur geringfügig anschlagen. Aktuell kann er nur versuchen Medikamente zu verabreichen, um die Schmerzen einzudämmen. Fini wird weiterhin mit Schmerzen leben müssen.
Ein bewegter Alltag
Ihre Bewegung meistert Fini regulär mit der Prothese und Krücken. Die unterstützen sie beim Gehen, schließlich muss sie sich über ein Jahr nach der OP immer noch daran gewöhnen, mit einem künstlichen Bein zu laufen. Alternativ kann sie auf einen Rollstuhl ausweichen, den sie für gewöhnlich im Auto mittransportiert. Sie fährt kleines E-Auto mit Automatikschaltung, dadurch kann sie selbst steuern, weil die Pedale mit dem rechten, noch vorhandenen Fuß betätigt werden. „Ich hab so gut gezielt“, lacht sie darüber. Fini liebt ihren schwarzen Humor. Ohnehin lässt sie sich von ihrer Krankheit nicht unterkriegen. Sie ist überzeugt davon, dass sie für die meisten ihrer Probleme eine Lösung findet. „Als ich gemerkt habe, den Rollstuhl aus dem Auto zu bekommen wird schwer, hab ich gedacht, dann geh ich halt ins Gym.“ Fini erkennt neue Fähigkeiten bei sich und merkt dadurch auch wie sie ihren Schwierigkeiten besser entgegnen kann. Sie schafft sich ihren eigenen Weg. Aber nicht alles kann sie selbst lösen. Fini ist auf medizinische Unterstützung angewiesen. Daher immer mit dabei: Ein Täschchen mit zahlreichen Medikamenten gegen die Schmerzen. In unauffälligen Moment nimmt sie dann mal bis zu fünf Stück gleichzeitig. Denn das gehört mittlerweile zu ihrem Leben.
Genauso gehören regelmäßig Termine beim Orthopädietechniker zu Finis Alltag. „Pünktlich wie ein Uhrwerk.“ Sie ist acht Minuten zu früh da. Fini marschiert direkt in die Praxis herein. Die Damen am Empfang begrüßen sie freundlich. Fini spricht ganz selbstverständlich mit ihnen über ihren bisherigen Tag, als wären alle ihre Freundinnen. Auch eine Möglichkeit die Wartezeit zu verkürzen. Der Behandlungsraum erinnert stark an ein Zimmer beim Arzt. Ein Schreibtisch mit zwei Stühlen, eine Liege und Puppen zur Veranschaulichung auf den Regalen. Ein entscheidendes Detail fehlt aber: Der Geruch von Desinfektionsmittel und Medikamenten. Spätestens als Finis Orthopädietechniker hereinkommt, wird klar, dass es sich hier nicht um eine Arztpraxis handelt. Wenn man ihn sieht, denkt man zuerst an einen Handwerker: Er hat einen Werkzeugkasten dabei sowie eine kleine Tasche am Gürtel mit Meterstab, Maßband und Inbusschlüssel.
Seine Aufgabe ist es, Finis Prothese für die verschiedenen Bewegungen im Alltag zu optimieren. Finis größtes Problem sind die heißen Temperaturen im Sommer. Dadurch beginnt sie am Stumpf (zurückgebliebenes Ende des Beins) zu schwitzen und das Wasser lagert sich in ihrer Prothese ab. Dann fällt es ihr schwerer zu gehen, da sie keinen festen Halt mehr hat, erklärt der Fachmann. Zudem kann sich der Stumpf entzünden. Fini trägt daher noch nicht ihre finale Prothese, die exakt auf ihren Körper abgestimmt sein wird. Ihr aktuelles Modell ist dennoch technisch ausgestattet. Ihr Ersatzbein funktioniert über Strom und kann per App in verschiedene Modi eingestellt werden. Fahrrad fahren, Lasten tragen oder gebückt stehen. Dann kann das Gelenk beispielsweise gesperrt werden oder völlig freidrehen.
Die Reaktionen auf ihre Prothese sind meistens positiv. Viele bewundern Durchhaltevermögen und Selbstständigkeit. Für Fini ist zu viel Mitleid aber die falsche Lösung beim Umgang. Das nervt sie persönlich eher, da es sich anfühlt als würde sie alleine nicht damit klarkommen. „Manchmal tragen mir Menschen Sachen hinterher, ob ich will oder nicht“, berichtet sie. Dazu kommen noch Sprüche wie: „Ich könnte das ja nicht“ oder „Immerhin bist du noch jung“. Die verabscheut Fini entsprechend.
Regelmäßig besucht Fini Physiotherapie. Das Zimmer ist recht leer, bis auf die riesige knallgelbe Liege in der Mitte. Neben dem Waschbecken und einem kleinen Schrank stehen noch ein Skelett und ein Gymnastikball etwas verloren herum. „Ich möchte einfach, dass sie schöner läuft“ fasst Physiotherapeutin Gabi Lieb ihren Job zusammen, „so, dass es für sie keine Anstrengung mehr ist“. Fini soll Bewegungsübungen machen, um besser laufen und Treppen gehen zu können. Durch die eingebaute Elektronik in der Prothese sollten die meisten Bewegungen eigentlich intuitiv erfolgen, aber Fini war nach der Amputation lange nur im Rollstuhl. Daher war sie nicht mehr gewohnt, auf zwei Beinen zu stehen. Fini unterhält sich dabei sehr offen mit ihrer Therapeutin. Fini erzählt über den plötzlich leer gegangenen Prothesen-Akku auf der Arbeit. Damit gelangte die angehende Regieassistentin ungewollt zu Bekanntheit. Gabi lacht laut bei der Geschichte.
Leidenschaft als Ausgleich
Finis besitzt eine große Leidenschaft fürs Theater. Vom Kindergarten über die Grundschule bis hin zur Theater-AG am Gymnasium, war sie immer schon die geborene Darstellerin. Nebenbei hat sie noch Poetry-Slam praktiziert. Nach dem Abbruch des Abiturs kam sie auf die Idee Theaterregie zu machen. Dort hoffte Fini ihr Interesse für Musik und Kreativität einzubringen.
Durch die AG in der Schule kannte sie Lehrer Sven Lembke, der die Theatergruppe anleitet. Als dieser von Finis Geschichte erfuhr, wollte er helfen. So wurde eine Stelle als Regisseurin für Fini Ende 2025 geschaffen. Für Lembke ein Glücksfall: Er konnte ihr helfen und fand gleichzeitig eine kompetente Assistenz. Fini konnte nun etwas machen von dem sie schon immer träumte: Regie bei einem Theaterstück übernehmen. Die Aufgabe gibt ihr daher auch viel Kraft, weiter an ihren Zielen zu arbeiten. Beide hatten von Anfang an ein gutes Vertrauensverhältnis. Fini mache es einem leicht, mit ihren Problemen umzugehen, da sie offen darüber spricht, erklärt Lembke.
7.45 Uhr an einem Montagmorgen. Etwa 30 Schüler*innen versammeln sich in einem kleinen Raum im Keller. Fini begrüßt alle mit „Guten Morgen kleiner Sonnenschein“. Die Schüler*innen sind ihre Schäfchen, sie ist Hirtin. Sie sorgt sich liebevoll um alle Probleme der Kinder. Grundsätzlich ist das Verhältnis zu ihren Darstellenden sehr vertraut. Hier kommt Fini ihr geringer Altersabstand zu Gute. Sie wirkt mehr wie eine Freundin als eine Pädagogin. Aber die „Schäfchen“ sollen genauso eigenständig sein. Fini arbeitet also mit einer Mischung aus Strenge und Humor. Nicht umsonst bezeichnet sich die Gruppe scherzhaft gerne mal als „Finis Arbeitslager“. „Alle machen sich Notizen, sonst werdet ihr versklavt!“, tönt es aus dem Mund der Regisseurin. Man kann ihre Leidenschaft direkt spüren. Und so stolziert die „Sklaventreiberin“ durch den vollgestellten Raum. Dabei ist es Fini auch völlig egal, wie ihr Gang aussieht, wenn sie das linke Bein immer nachzieht.
Samstag 18.30 Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zur Aufführung. Alle Schüler*innen wuseln durcheinander. Fini ist dabei, die Schauspielenden zu schminken. Hier fehlt noch das Weiß unter der Nase, da müssen die Lippen nochmal nachgefahren werden und ein bisschen Kajal würde auch noch gut aussehen. Bevor es losgeht, machen sich alle nochmal warm mit sogenannten Artikulationsübungen. Die Ideen dafür hat Fini spontan. Sie wirkt gestresst, aber überhaupt nicht nervös. Es ist eher Vorfreude in ihrem Gesicht zu erkennen. Und das obwohl ihre Aufgabe in der Regie sie während der Aufführung fordern wird: „Ich mache gleichzeitig Licht, Ton und weine dabei." Natürlich nur, weil sie stolz auf die Leistung der Schauspielenden ist. Dabei war ihr eigener Weg zur Bühne vermutlich der Schwerste von allen.
Nach Ende des Stückes werden alle Beteiligten nochmals geehrt. Fini kann nun wegen ihres Jobs an der Badischen Landesbühne nicht mehr Teil der AG sein. „Fini war ein therapeutisches Zentrum, ein Kraftwerk“, blickt Lehrer Lembke zurück. „Wir werden dich vermissen“, ergänzen die Schüler*innen. Fini resümiert: „Es bricht mir mein Herz, aber es hat mich stolz gemacht." Es sind keine Tränen sichtbar. Sie kann trauern, ohne dass man es sieht. „Das lernt man nach all den psychischen Erkrankungen“, gibt Fini zu verstehen. Für sie folgt nun der nächste berufliche Lebensabschnitt. Wieder eine weitere Veränderung und gleichzeitig ein Fortschritt, auf den sie stolz sein kann. Aber davor lädt Fini alle Darstellenden zur Aftershow ein. Mit Abschiedspartys kennt sie sich ja aus.
Hinweis zur eigenen Person:
Der Autor kennt die Protagonistin durch die gemeinsame Schulzeit in der gleichen Klasse.