Katharina studiert an der Hochschule der Medien und lebt in Stuttgart. | Bild: Anna Veyhl

edit.Connect Aramäische Kultur
„Ich bin ein Nomadenmädchen“

Katharina studiert an der Hochschule der Medien und lebt in Stuttgart. | Bild: Anna Veyhl

02 Jul 2019

Lässt sich Heimat am Herkunftsland festmachen? Die Aramäerin Katharina ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihre Wurzeln stammen jedoch aus einer anderen Kultur. Was steckt dahinter und wie intensiv ist die Bindung zu einer Kultur ohne Land? 

Eine junge, dunkelhaarige Frau schlendert über das Gelände der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen. Sie trägt einen hellen Trenchcoat, darunter einen schwarzen, asymmetrisch geschnittenen Rock. Dazu kombiniert sie weiße Sneakers. Mode - das ist ihre Leidenschaft. Sie liebt es, mit ihrem Style zu experimentieren, neue Sachen auszuprobieren. Doch wer ist die zierliche Frau mit den braunen Augen und dem strahlenden Lächeln? Es ist Katharina, 27 Jahre alt. Geboren wurde sie in Deutschland. Ihre Wurzeln stammen jedoch aus einer fernen Kultur, dem verlorenen Orient. Einer Kultur, die ihr Heimatland durch den Genozid in den frühen 90er Jahren verloren hat. Katharina ist Aramäerin. Es ist die Geschichte einer starken jungen Frau, die in ihrem Herzen immer ein wenig auf der Suche nach ihrer Herkunft ist.

Flucht in ein unbekanntes Land 

1986. Katharinas Eltern fliehen aus ihrem Heimatort Cinit, welcher übersetzt Paradies bedeutet, an der türkisch-syrischen Grenze. Sie sehen keinen Ausweg mehr, als so schnell wie möglich das Land zu verlassen, in dem sie aufgrund ihrer Religion verfolgt werden. Das Land, das sie ihre Heimat nennen. Mit der Hoffnung auf ein friedvolles Leben ohne religiöse Anfeindungen, kommen sie nach Deutschland. Katharinas Mutter ist zum Zeitpunkt der Flucht hochschwanger. Die Eltern haben Angst, fühlen sich zerrissen. Das Ehepaar macht sich auf, in ein für sie völlig fremdes Land, eine ferne Kultur. Trotz des vielen Leids, was ihnen widerfahren ist und der Trauer, ihre Heimat hinter sich lassen zu müssen, sind sie voller Vorfreude. Katharina beschreibt ihre Eltern als warmherzig, liebevoll und stark. Als sie die Geschichte über die Flucht ihrer Eltern erzählt, wirkt sie nachdenklich, da sie die Angst und Zerrissenheit ihrer Eltern bei der Flucht nachempfinden kann. 

„Meine Eltern haben mir immer die Angst genommen, sie wollten, dass wir Kinder in Deutschland ein gutes Leben haben.“ – Katharina

Die Familie findet schließlich Zuflucht in der Kleinstadt Uhingen, im Kreis Göppingen. Ein lokaler Journalist nimmt sich der jungen Familie an und hilft ihr bei Behördengängen und den ersten Schritten im neuen Heimatland. Katharina berichtet, dass ihre Eltern bis heute mit diesem in Kontakt stehen und ihm auf ewig dankbar sind. Die Eltern erfahren viel Hilfsbereitschaft von den Menschen aus dem 13.000 Einwohnerstädtchen Uhingen. Katharina erzählt, dass ihre Eltern zunächst nicht viel materiellen Besitz hatten, sie aber dennoch eine erfüllte Kindheit hatte, da ihre Eltern ihr wichtigere Werte als materiellen Besitz mit auf den Weg gegeben haben. 

Der Mix aus zwei Kulturen

Katharina wuchs zweisprachig auf. Sie erinnert sich an eine lustige Situation im Kindergarten, als sie der Erzieherin ihre neuen Lackschuhe zeigen wollte und zu ihr sagte: „Guck mal, meine neuen 'Krundare'!“ und in das irritierte Gesicht der Pädagogin blickte, die sie nicht verstand. In der aramäischen Kultur gibt es, genau wie in den unterschiedlichen Bundesländern Deutschlands, verschiedene Dialekte. Katharina erzählt, dass ihr bester Freund beispielsweise einen anderen Dialekt spricht als sie. Die beiden Dialekte wären so unterschiedlich, dass sie sich gegenseitig nicht verstehen könnten. Auf die Frage, zu welcher Kultur sie sich mehr verbunden fühlt, hat sie eine klare Antwort: 

Katharina versucht, die Vorzüge aus beiden Kulturen zu verbinden. Gerne würde sie einmal in die Stadt reisen, aus der ihre Eltern stammen, in welcher ihre Wurzeln liegen. Bis jetzt war dies jedoch nicht möglich, da das Gebiet an der türkisch-syrischen Grenze zu gefährlich ist. 

Sitten und Gebräuche der aramäischen Kultur 

Katharina  ist die Jüngste von sechs Geschwistern, sie wurde syrisch-orthodox getauft. Da der syrisch-orthodoxe Glaube dem katholischen Glauben sehr ähnlich ist, lebt die Familie hier in Deutschland nach dem christlichen Kalender. Traditionen und Werte der aramäischen Kultur werden in der Familie dennoch weitergegeben. Die Zahl vierzig hat in der aramäischen Kultur einen hohen Stellenwert. Neugeborene werden an ihrer Taufe, die am Vierzigsten Tag nach der Geburt stattfindet, nach dem Brauch auf eine bestimmte Art gewaschen. Nach dem Verlust eines Familienangehörigen trifft sich die gesamte Verwandtschaft am vierzigsten Todestag, um diesem zu gedenken. Genau wie im christlichen Glauben auch, wird in der aramäischen Kultur vierzig Tage vor Ostern gefastet. An Hochzeiten und sonstigen Feierlichkeiten tragen Aramäer eine Tracht mit Halstuch in den Farben rot-gelb, die sich Schukta nennt. Katharina lacht und erwähnt, dass sie diese Tracht mal ihrer Mutter zuliebe anprobiert hat, sie zu Feierlichkeiten jedoch selbst noch nicht getragen habe. 

Die aramäische Flagge in den Nationalfarben rot-gelb. Die Sterne stehen für die vier Flüsse: Euphrat, Tigris, Gihon und Pishon. | Bild: pixabay

1912-1922: Genozid der Aramäer

Das damalige Osmanische Reich sah es vor, alle christlichen Minderheiten zu vernichten, darunter auch die Aramäer. Martin Niepage, ein an einer deutschen Realschule in Aleppo unterrichtender Lehrer, erklärte den Grund des Genozids, in einer Schrift von 1916 an den damaligen deutschen Reichstagsabgeordneten, wie folgt: „Dem Jungtürken schwebt das europäische Ideal eines einheitlichen Nationalstaates vor. Die christlichen Nationen – Armenier, Syrer, Griechen – fürchtet er wegen ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Überlegenheit und sieht in ihrer Religion ein Hindernis, sie auf friedlichem Wege turkifizieren zu können. Sie müssen daher ausgerottet oder zwangsislamisiert werden.“ Bei den aramäischsprachigen Christen, mit circa einer Million Vorkriegsbevölkerung, kamen damals über 600.000 Menschen ums Leben. Auch Katharina hat der Völkermord beschäftigt und nachdenklich gestimmt, dennoch verspürt sie gegenüber den Muslimen keine Wut. Sie liebt Istanbul und hat selbst für drei Monate dort gelebt. Sie hat nie einen Gedanken daran verschwendet, gegen diese Menschen Hass zu schüren, da das Ereignis in der Vergangenheit liegt und sich das Geschehene nicht verallgemeinern lässt.

„Mir ist es egal, welcher Religion man angehört, solange man ein gutes Herz hat und ein guter Mensch ist.“   – Katharina

Katharina beschreibt sich selbst als kleines Nomadenmädchen. Heimat ist für sie ein Gefühl und lässt sich nicht anhand eines Ortes festmachen. Katharina fühlt sich in Deutschland zuhause, da sie dort aufgewachsen ist. Dass es ihre Heimat ist, kann sie so nicht sagen, da sie eine Rastlosigkeit in sich trägt und darum immer auf der Suche nach ihrem Ursprung sein wird.