The Hive – Universitätsgebäude der NTU | Bild: ID 94222551 © Khwaneigq | Dreamstime.com

Kultur&Identität Studierende berichten
Wie mein Heimatland die Zukunft beeinflusst

The Hive – Universitätsgebäude der NTU | Bild: ID 94222551 © Khwaneigq | Dreamstime.com

24 Jun 2020

Studiert man in Singapur, hat man einen Abschluss von Weltrang. In Kambodscha muss man sich hingegen nach einem Jura-Studium als Tuk-Tuk-Fahrer durchkämpfen. Jemima aus Singapur und Serann aus Kambodscha erzählen von ihren Perspektiven und Chancen als Studierende aus zwei Ländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie wird die Zukunft der beiden durch das Land bestimmt, in dem sie leben?

Was ist Meritokratie?

Meritokratie bezeichnet das Prinzip, bei dem Amtsträger*innen, Herrscher*innen, Leiter*innen oder Führungspersonen gemäß ihrer erbrachten Leistungen ausgewählt werden. Die Meritokratie spielt somit als Herrschaftsordnung eines Staates oder in anderen politischen oder wirtschaftlichen Organisationen eine Rolle. Man kann eine meritokratische Gesellschaft somit auch als Leistungsgesellschaft bezeichnen.

Hochschulen von Weltrang

Singapur investiert kräftig in Bildung, ködert die besten Universitäten der Welt und sogar Nobelpreisträger*innen als Kooperationspartner. Der Aufbau der Forschungslandschaft wird massiv von der Regierung vorangetrieben. So kletterten zwei der ersten Universitäten Singapurs – die National University Singapur und die Nanyang Technological University – auf den 13. Platz einer Rangliste für die besten Universitäten weltweit. „Mindestens zehn Hochschulen von Weltrang“ sollten laut der staatlichen Wirtschaftsförderung ihren Sitz in Singapur haben.

Der Fokus der Regierung in Sachen Bildung liegt deutlich auf Bereichen wie Medizin, Technologie, Banking und Wissenschaft. Singapur ist sehr akademisch geprägt und wer nicht gut genug in diesen Gebieten ist, findet nur schwer einen Job. Diese Bereiche zu bevorzugen und weniger in Studiengänge wie Film-Animation, Fashion-Design oder vor allem in handwerkliche Berufe zu investieren, ist eine bewusste Entscheidung der Regierung.

Bildungsfokus

Da es keine Schulpflicht gibt, arbeiten gerade in den ländlichen Gegenden Kambodschas viele Kinder weiterhin auf den Reisfeldern ihrer Familien, anstatt in die Schule zu gehen. Während laut dem Länder-Informations-Portal aber noch mehr als 95 Prozent der Kinder zumindest unregelmäßig am Grundschulunterricht teilnehmen, liegt der Anteil an den weiterführenden Schulen nur bei 45 Prozent. Lediglich 16 Prozent kommen in den Genuss tertiärer Bildung.

Anders als in Singapur werden in Kambodscha Künste gefördert. Da während der Roten Khmer auch viele Künstler*innen ermordet wurden, versucht man das kulturelle Erbe wiederherzustellen. Ein Beispiel hierfür ist der traditionelle Apsara-Tanz. Heute werden die klassischen Tänze wieder an der Royal University of Fine Arts gelehrt.

Apsara Tänzerinnen in der Tempelanlage Angkors, ca. 12 Jahrhundert. | Bild: Tina Abadzic
Gesichter-Türme des Bayon-Tempels in Angkor | Bild: Tina Abadzic
Angkor Wat – die weltweit bekannteste Tempelanlage und Wahrzeichen Kambodschas | Bild: Tina Abadzic
Dämonen und Götter warten beim Eingang zur Tempelanlage | Bild: TIna Abadzic
Die über die Tempelanlage wachende Naga, eine sieben-köpfige Schlange aus der khmer Mythologie | Bild: Tina Abadzic
Tuol Sleng Gedenkstätte & Genozid-Museum – ehemaliges Foltergefängnis unter den Roten Khmer | Bild: Tina Abadzic
Gedenkstupa auf dem ehemaligen Killing Field Choeung Ek bei Phnom Penh | Bild: Tina Abadzic
In der Gedenkstupa gezeigte Totenschädel | Bild: Tina Abadzic

Mentalität der Studierenden

Beim Vergleich von singapurischen Studierenden mit jenen aus westlichen Ländern sind laut Jemima zum Beispiel Austauschstudenten viel entspannter, was das Studium betrifft. Auf der anderen Seite hinterfragen sie Informationen viel mehr, als dass sie Inhalte von Dozent*innen ohne Reflektion annehmen. Sie beschreibt die Mentalität singapurischer Studierenden mit dem Wort Kiasu. Kiasu ist ein Wort aus dem Hokkien, eine Sprache aus dem Süden Chinas, das ein bestimmtes Verhalten – die „Angst, zu verlieren“ – beschreibt. Es bezieht sich auf den Wunsch, immer der oder die Beste und immer an erster Stelle sein zu wollen. Singapur gilt dabei als Heimatland des Wortes. Es spiegelt sich in der ganzen Gesellschaft wider, auch wenn die Regierung versucht, dieses Image loszuwerden.

Modernes Studierendenwohnheim auf dem Campus der Nanyang Technological University Singapur | Bild: Tina Abadzic
Auch der Rest der Stadt präsentiert sich sehr futuristisch – wie hier das Finanzviertel Raffles Place. | Bild: Tina Abadzic
Attraktionen wie Gardens by the Bay locken Besucher und Expats aus der ganzen Welt nach Singapur. | Bild: Tina Abadzic
Oder Sentosa Island – mit vielen Gärten und zahlreichen Vergnügungsmöglichkeiten stellt sie eine weitere Hauptattraktion dar. | Bild: Tina Abadzic
Der Anblick der gesamten Stadt beweist, dass es Singapur ganz nach oben geschafft hat – auch bei Nacht. | Bild: Tina Abadzic

Studienfinanzierung

Für singapurische Staatsbürger*innen belaufen sich die Studiengebühren auf knapp 8.000 Euro pro Jahr. Da dort die Meritokratie gelebt wird, versucht die Regierung sicherzustellen, dass auch jede*r die Möglichkeit hat, sich das Studium zu finanzieren. Daher existiert ein breites Angebot an Studien-Krediten, Stipendien und anderen Förderungen.

Obwohl es so scheint, als müsse Jemima sich keine Sorgen um finanzielle Angelegenheit machen, sieht sie das als Herausforderung für ihre Zukunft. Da Singapur hohe Lebenshaltungskosten hat und ein 0,5 Liter-Glas Bier schon mal um die 10 Euro kostet, strebt sie eine Führungsposition in einer Public-Relations-Agentur an, durch die sie sich ein hohes Einkommen sichern kann.

400 Euro Studiengebühren, die Serann in Kambodscha zahlen muss, hören sich zwar nicht nach viel an. Betrachtet man das jährliche Einkommen, entpuppt es sich jedoch als verhältnismäßig viel. Laut einem Ländervergleich der eglitis-media beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen der Kambodschaner weniger als 2.000 Euro.

Herausforderungen

Nicht alle Bürger Singapurs profitieren von den Vorteilen der Meritokratie wie Jemima, die aus einer privilegierten Familie stammt. Von Freunden weiß sie, dass es Minderheiten wie Malaien und Inder nicht immer leicht haben.

Eine Kollage aus Bilder von Little India, Masjid Sultan Moschee, Arab Street, China Town, hinduistischer Tempel. Kulturelle Vielfalt Singapurs – zumindest nach außen hin: Little India, Masjid Sultan Moschee, Arab Street, China Town, hinduistischer Tempel. | Bild: Tina Abadzic

In Kambodscha bezieht sich die Ungleichheit auf arm und reich. Das Land hat mit Korruption zu kämpfen. In vielen öffentlichen Schulen erklären die Lehrpersonen den Unterrichtsstoff so schlecht, dass nahezu alle Schüler*innen Nachhilfestunden nehmen müssen. Diese finden bei den Lehrer*innen selbst statt. Falls ein Kind auch ohne Privatstunden gut abschneiden sollte, kann es gut einmal vorkommen, dass der Lehrer einfach die Note herabsetzt – spätestens dann braucht das Kind wohl auch „Nachhilfeunterricht“. So ist jede*r Bürger*in auf sich alleine gestellt, in einem Land ohne jegliche Versicherungen und Sicherheit. Auch Serann ist der Korruption bereits zum Opfer gefallen. Da er kein Geld zum Bestechen hatte, flog er durch einige Eignungstests.

Blick in die Zukunft

Auch wenn Singapur als reich und modern gilt, gibt es auch hier unter der glitzernden Oberfläche Einschränkungen für Studierende. Jemima stehen zwar optimale Bildungschancen zur Verfügung, sie kann die Welt bereisen und frei wählen, wo sie später einmal leben und arbeiten möchte. Auf der anderen Seite ist sie dem starken gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, gut zu sein und zu funktionieren. Jemimas Motto ist daher:

„Seid nett zueinander. Und neugierig. Neugierig zu sein, macht die Welt so viel größer.”

– Jemima

Und in Kambodscha? Durch die vorherrschende Politik und die daraus resultierenden Folgen wie Korruption und Armut stehen Serann weitaus weniger Chancen zur Verfügung. Die niedrige Lebensqualität und das geringe Einkommen minimieren und bestimmen die Entwicklungsmöglichkeiten. Das Land liegt weit zurück. Es ist jedoch ein junges Land. 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Eine neue Generation weckt die Hoffnung auf große Änderungen und Wachstumspotenzial. Trotz aller Einschränkungen ist Serann ein sehr positiver Mensch, der die Hoffnung nicht aufgibt und auf das kulturelle Erbe seines Landes stolz ist. Er arbeitet weiter an seinem Englisch, um seine Träume zu verwirklichen. Denn trotz aller Hürden sagt er:

„Es hängt von dir selbst ab,
was du aus deinem Leben machst."

– Serann