Menü
Die Dienstkleidung der Bundeswehr findet ihren Weg in den Kleiderschrank von über 22.000 Frauen. | Bild: Elena Valentin

Politik&Aktion Bundeswehr
„Wehe, du kackst einmal ab“

Die Dienstkleidung der Bundeswehr findet ihren Weg in den Kleiderschrank von über 22.000 Frauen. | Bild: Elena Valentin

20 Dec 2020

Seit 20 Jahren sind die Türen der Bundeswehr auch für Frauen geöffnet. Heute verspricht die Bundeswehr Chancengleichheit unabhängig des Geschlechts. Im Alltag der Soldat*innen ist diese Umstrukturierung aber noch lange nicht Realität geworden.

Elena Valentin

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2020

Zum Autorenprofil

Im Interview mit Clara (26 Jahre alt, Leutnant außer Dienst), Anna (28 Jahre alt, Oberleutnant) und Luisa (38 Jahre alt, Hauptmann) erzählen die Soldatinnen aus ihrem Alltag. Alle Namen wurden geändert.

Luisa ist seit 2001 im Dienst und somit eine „Frau der ersten Stunde“. Hier erzählt sie von ihren ersten Wochen allein unter Männern, die nicht auf den Neuzugang vorbereitet waren:

Seit den Anfängen hat die Bundeswehr viel unternommen, um Frauen besser einzugliedern. Beispielsweise sind heutzutage alle Lehrgänge für Frauen geöffnet und die Dienstgradbezeichnungen wurden um eine weibliche Form ergänzt. Trotzdem macht sich der Geschlechterunterschied im Alltag bemerkbar.

Anna: „Meistens, wenn es an die Leistungsbewertung geht, ist das halt die Ausrede vieler
Kameraden, die hinter weiblichen Kameradinnen zurückfallen. Die sagen dann: ‚Ja, die Frau
hat nur deshalb so positiv abgeschlossen, weil sie nicht dieselbe Leistung erbringen muss
wie wir Männer‘.“
 
Luisa: „Es gibt halt immer so Nörgler, aber das ist kein Bundeswehrproblem, das ist ein
allgemeines Problem, auch bei der Polizei oder anderen Männerdomänen.“
 
Anna: „Als Frau wirst du aber immer doppelt begutachtet, egal bei was.“
 
Luisa: „Prozentual ist die Frau halt doch sehr wenig vertreten, und wenn eine Frau dann aus
der Reihe fliegt, dann wissen das alle.“
 
Anna: „Wehe, du kackst als Frau einmal ab, dann wird mit dem Finger auf dich gezeigt. Wenn ein
Mann abkackt, dann ist das nur einer unter vielen.“

Die Soldatinnen betonen dabei die biologischen Veranlagungen der Geschlechter. Sie würden ja auch sehen, wie Männer schnellere Trainingserfolge erreichten und dadurch mehr leisten könnten. 

Anna: „Die Männer sehen oft einfach gar nicht, wie wir wirklich zu kämpfen haben.“
 
Luisa: „Ich war fünf Jahre lang die einzige Frau und dadurch auch bei den Läufen immer
Letzte. Natürlich war ich mit meinen Leistungen unzufrieden.“

Der Geschlechterunterschied zeigt sich nicht nur im körperlichen Vergleich, sondern auch in der Befehlsstruktur. Vor allem in Führungspositionen müssten Frauen aufpassen, sich nicht angreifbar zu machen: Ihre Befehle werden hinterfragt, „nicht korrekt verstanden“ oder nicht ausgeführt.

Anna: „Die meisten kommen halt mit Frauen als Führungskraft nicht klar. Wenn du
zu nett auftrittst, wird das oft falsch verstanden, aber wenn du dann professionell
auftrittst, dann bist du die Zicke.“
 
Clara: „Egal, wie wir auftreten, wir bekommen ganz schnell 'ne Rückmeldung oder Kritik.“

So eine ‚Rückmeldung‘ ist nicht selten unangemessen. Sexistische Kommentare sind dabei nicht ausgeschlossen, von Untergebenen sowie Vorgesetzten. Anna wurde letztes Jahr von ihr untergestellten Soldaten sogar sexuell belästigt.

Solche Ereignisse werden in der Bundeswehr nicht geduldet und auch meistens bestraft. Dennoch ist Sexismus im Alltag der Soldat*innen keine Seltenheit.

Anna: „Das sind ganz oft die älteren Dienstkameraden, von denen dumme Sprüche
kommen. In meiner Grundausbildung hat mal mein Ausbilder uns das Essen ausgegeben,
alle anderen haben einen Apfel bekommen und nur mir hat er eine Banane gegeben, ‚damit
ich beim Essen an ihn denke‘.“
 
Clara: „Die verpacken das oft militärisch. Ein Ausbilder hat immer beim Rennen meine
Hand genommen, um mich zu ziehen. Also hat der ganze Zug gesehen, dass wir immer
Händchen halten. Ich wollte das nicht, aber was hätte ich machen sollen.“
 
Luisa: „Klar, man hat mich auch schon mal von der Seite angemacht, aber das ist
dann bei mir abgeprallt. Mann muss dann einen lockeren Spruch zurückhauen –
das habe ich mit der Zeit gelernt.“
 
Clara: „Man muss auch mal fünf gerade sein lassen, wenn man jedes Wort auf die
Goldwaage legt, ist der Alltag ziemlich humorlos.“
 
Luisa: „Frauen müssten bestärkt werden, rigoros ‚Nein‘ zu sagen, auch zu Vorgesetzten.
Und vor allem muss ihnen die Angst genommen, das zu melden.“

Dabei kommt es immer darauf an, mit wem man es zu tun hat. Luisa und Anna sind an ihrem momentanen Arbeitsplatz zum Beispiel sehr zufrieden, ihre Vorgesetzten dulden keinerlei Sexismus. Wenn dennoch eine Äußerung zu weit geht, haben die Soldat*innen mehrere Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen:

Quelle: Elena Valentin | Bild: Genially/ Valentin

 

Luisa: „Mir ist, Gott sei Dank, noch nie etwas Schlimmeres passiert – da klopf ich auch auf Holz.“
 
Anna: „Sie haben mir den Tipp gegeben, wenn ich in eine neue Dienststelle komme, dass ich
mir zum Beispiel einen Ring anstecken soll und allen erzählen soll, dass ich verlobt sei.“
 
Clara: „Sexistische Witze muss man sofort unterbinden. Wenn man drei Mal über so einen Witz
lacht, darf man sich nicht wundern, dass noch ein vierter kommt.“ 
 
Luisa: „Frauen sind, sag ich mal, pauschal gut anerkannt. Es kommt halt darauf an, wo man
seinen Dienst leistet und wie die Leute dort sind. Oft ist es dann ein charakterliches
Problem und nicht ein allgemeines Bundeswehrproblem.“

Über die Jahre habe sich in den Köpfen der Bundeswehr viel in Bezug auf Gleichstellung getan, dennoch sei noch Luft nach oben. Sexismus müsse noch härter bestraft und die Kameraden besser geschult werden. Die Soldatinnen hoffen auf eine Besserung mit dem Generationenwechsel. Sicher, ob das funktionieren wird, sind sie aber nicht. Luisa möchte trotz allen Herausforderungen nach Ende ihrer Verpflichtung Berufssoldatin werden, Anna Psychologin. Clara ist krank geworden und musste die Bundeswehr frühzeitig verlassen. Sie bedauert es nicht.