Dirk (50) hat das Reparieren von fremden Gegenständen zu seinem Hobby erklärt. | Bild: Christopher Müller

Reportagen Reparieren statt konsumieren
Das zweite Leben meines Wäscheständers

Dirk (50) hat das Reparieren von fremden Gegenständen zu seinem Hobby erklärt. | Bild: Christopher Müller

26 Feb 2019

Kaputt heißt nicht gleich kaputt. Meistens reicht ein Handgriff, um viele Haushaltsgegenstände wieder zum Laufen zu bringen. Ehrenamtliche Repair Cafés helfen. Wie ich gelernt habe, wieder zu reparieren.

„Es gibt keine „toten“ Gegenstände. Jeder Gegenstand ist eine Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre Ansprüche geltend macht wie ein gegenwärtig Lebendiges. Und je mehr Gegenstände du daher besitzest, desto mehr Ansprüche hast du zu befriedigen. Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen dienen. Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die unsern.“
- Christian Morgenstern

Sonntag, 12 Uhr mittags. Nicht viele Leute verlaufen sich wochenends nach Stuttgart-Feuerbach. Die Luft riecht nach Reifenabrieb, Shisha-Bar und Robert Bosch GmbH. Ich bin auf dem Weg zum Hobbyhimmel. In Stuttgarts erster offenen Werkstatt soll dieser Service stattfinden. Sägen, Hammer, Schweißgeräte und mehr. Dort gibt es alles, was man in einer Werkstatt braucht. Doch darum soll es dieses Mal nicht gehen, denn ich repariere normalerweise nicht. Solange es der Geldbeutel zulässt, kaufe ich neu. Ich konsumiere. Sogenannte Repair Cafés schaffen Abhilfe.

Per Definition ist die Konsumgesellschaft eine „in ihrem ganzen Lebensstil vorwiegend auf die Sicherung und Steigerung des Konsums ausgerichtete Gesellschaft“. Doch dieser Konsum hinterlässt Müll – sehr viel sogar. Pro Person und Jahr erzeugen die Deutschen allein 22,8 Kilogramm Elektromüll. Doch was ist der Ausweg? Weniger kaufen oder mehr reparieren?

Ein Beispiel: Mein Wäscheständer. Der ist an der Last meiner Klamotten zusammengebrochen. Die Gelenke haben sich verbogen. Doch ein Neukauf kommt dieses Mal nicht infrage.

Hilfe zur Selbsthilfe

Kulturhalle reiht sich an Industriehalle. Eine schmale, kaputte Straße trennt das Industriegelände von den Bahnschienen. Alle paar Minuten fährt hier die S-Bahn entlang. Hier wohnen will man nicht. Einen Bürgersteig gibt es auch nicht mehr, daher laufe ich mit meinem zusammengeklappten Wäscheständer die Straße entlang. Nur zwei grün-lackierte Türen trennen mich vom Werkstattinneren. Davor liegt Metallschrott oder im besten Fall das Material für etwas Neues. Ein kleines Ersatzteil-Lager.

Doch das deutsche Recht sieht das anders. Abfall ist etwas das nicht funktioniert und deshalb nicht verkauft werden darf. Laut Kreislaufwirtschaftsrecht wird Metallschrott daher eher recycelt und nicht repariert: „Abfälle im Sinne dieses Gesetzes sind alle Stoffe oder Gegenstände, derer sich ihr Besitzer entledigt, entledigen will oder entledigen muss. (…) Abfälle, die nicht verwertet werden, sind Abfälle zur Beseitigung.“

Ich reiße die Stahltür auf und direkt strömt mir ein Geruch von Schmieröl und Holzspänen entgegen. Aus einem Radio klingt 90er Eurodance-Musik – irgendwie typisch Werkstatt. Auf der anderen Seite ist der Hobbyhimmel freundlich modern und nur zweckmäßige Kulisse für heute.

Ich bin für das Repair Café hier. Förmlich geht es hier nicht zu. Vornamen sind die einzige Form der Anrede. Alles was hier geschieht, basiert auf Freiwilligkeit.

Zwischen den beiden Arbeitstischen steht Dirk in einem schwarzen Kapuzenpullover. Ich stelle den Wäscheständer in die Ecke. Dirk ist 50 Jahre alt und eigentlich Informationstechniker. Ich weiß eigentlich nie, ob er einem beim Reden tatsächlich in die Augen schaut. Doch an seiner Art merke ich: Ich soll mich ganz wie Zuhause fühlen.

Direkt hinter ihm lehnt der genau halb so alte Rudolf, Mechatronik-Student aus Esslingen. Beide sind für dieselbe Sache hier. Wie Dirk mir später erklären wird, gehört das Reparieren von fremden Gegenständen zu seinem größten Hobby. Schließlich sei er es gewesen, der 2013 das erste Repair Café nach Stuttgart gebracht hat.  

Aktuell existieren neun dieser Cafés in Stuttgart. Weltweit sind es sogar rund 1500. Sie verteilen sich in europäischen Großstädten, aber es gibt sie auch in den USA oder in Brasilien. Entstanden ist die gemeinnützige Initiative in Amsterdam. Die Journalistin und Bloggerin Martine Postma hatte die Idee dazu. Sie war wiederum inspiriert durch eine Kampfschrift niederländischer Designer, in der es hieß: "Sei kein Sklave der Technologie - sei ihr Beherrscher!"

Reparieren und nicht wegschmeißen – dieses Mindset möchten Repair Cafés verbreiten. Sie wollen Gegenständen eine zweite Chance schenken. Einmal im Monat bieten Stuttgarter Bastler an verschiedensten Örtlichkeiten ihre Dienste an. Im Gegenzug gibt es kleine Wiedergutmachungen in Form von Kaffee und Kuchen.

Drucker gehören zu den am häufigsten abgegebenen Gegenständen im Repair Café

Was den Strom zum Fließen bringt

Als Verbraucher hat man selten ein Recht auf Reparatur. Die meisten Elektrogeräte verlieren ihre Herstellergarantie nach zwei Jahren oder sobald man sie aufschraubt.

Ich sitze im Kleinteillager als die ersten Hilfesuchenden eintreffen. Dirk und Rudolf helfen ihnen beim Schleppen. Mein Hauptaugenmerk fällt auf die Stehlampe eines Rentners sowie Jürgens Multifunktionsdrucker. Jürgen ist ebenfalls in seinen Fünfzigern und Inhaber einer kleinen Psychologiepraxis. Sein Drucker läuft normalerweise Tag und Nacht in Endlosschleife.

Ich frage ihn, was sein erster Gedanke gewesen sei, als sich das Ausdrucken seiner Dokumente „fürs Erste" erledigt hat. Seine Reaktion: „Direkt einen neuen Drucker kaufen.“ Er erzählt mir beiläufig, dass es nicht infrage käme, sich noch länger einen Drucker mit der Kollegin im Büro nebenan zu teilen. Ein Bekannter hat Jürgen auf das Repair Café in Stuttgart aufmerksam gemacht.

Und nun scheint sowohl im Drucker als auch in der Lampe, das gleiche Problem aufzutreten: Der Strom fließt nicht mehr richtig. Dirk wird heute noch länger mit der Problemquelle zu tun haben. Allein für die Suche nach dem Problem geht bereits eine Stunde drauf.

Dennoch wollen Repair Cafés keine Konkurrenz für „richtige Reparatur-Profis“ sein. Dirk setzt sich an den Lötkolben, während er mir versucht, die Essenz seines Hobbys zu erklären: „Ganz entscheidend ist´s, die Wegwerf-Gesellschaft zurückzudrängen! Ressourcen sparen, die Umwelt schonen – versteht sich. Die Sachen leben durch meine Arbeit einfach länger. Für mich wächst dieser Gedanke mit meinem technischen Interesse zusammen. Ich will überall rein schauen. Einfach überall mal den Deckel aufmachen.“

Mit den Repair Cafés möchten Organisatoren wie Dirk das Interesse am Reparieren wieder wecken. Besucher werden regelmäßig an die Berufshandwerker weiter verwiesen, die es (noch) gibt. Außerdem sind die Besucher von Repair Cafés in den meisten Fällen keine Kunden von Reparaturfachleuten. Mir erzählen die Besucher, dass sie kaputte Gegenstände meistens sofort wegwerfen, da sie die Reparatur in der Regel zu teuer finden. Durch Dirk sehen sie: Es gibt Alternativen zum Wegwerfen.

Für den Bastler ist das Reparieren von Gegenständen mehr als nur ein Hobby: „Ich kaufe die meisten Sachen mit Absicht gebraucht. Das ist einfach mein Ding. Ich kann schon verstehen, wenn jemand nicht das nötige Know-how hat. Aber man kann es lernen und es macht Spaß, Dinge ins Leben zurückzuholen.“

Und nicht nur das. Die Universität van Surry mutmaßt, dass Repair Cafés weltweit mehr als 709 000 Kilogramm CO2 pro Monat einsparen. Dies entspräche dem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von rund 850 Menschen.

Dirk fummelt an dem Gehäuse der Lampe herum. Ich frage ihn, wieso Menschen lieber neu kaufen und weniger selbst reparieren. „Ich denke, die meisten sind es nicht mehr gewohnt. Es ist super bequem, neue Geräte zu kaufen. Es hat diesen Schein von ´Ich kann mir das leisten´. Neu hat etwas Zauberhaftes an sich, aber ich finde neu mittlerweile echt langweilig.“

Rudolf schleppt den kaputten Drucker zum Lötkolben: „Fünf Volt und 24 Volt brechen stark ein. Fünf auf Drei und 24 auf 22. Ich glaube, jetzt ist das Feedback hinüber.“ Viel Fachgelaber – ich verstehe nichts. In meinem Leben haben mir Drucker einiges an Zeit und Nerven geraubt. Doch wie diese wirklich funktionieren, darüber habe ich noch nie nachgedacht. „Entweder ist es das Netzteil oder… Dann nimm doch das Netzteil mit!“, antwortet Dirk. Rudolf greift in eine Box in der mindestens 20 Netzteile liegen. Fünf Volt, zehn Volt, 20 Volt. „Dann nimmst du das noch mit.“ Ersatzeile gibt es im Hobbyhimmel genug.

Lötkolben sind ein Muss bei der Arbeit mit Elektronik

Die schnelle Lösung

Ich frage Dirk, wie hoch er die Erfolgsquote bei Reparaturen einschätzt. „60 Prozent würde ich sagen.“ Er tastet sich langsam mit einem Multimeter an die Platine heran.“ Und plötzlich: „Der Dimmer ist kaputt! Hier sollte eigentlich ein Ohm stehen.“ Der Fehler ist gefunden. Man erinnere sich an Physik in der 7. Klasse. Ohm’sches Gesetz: U=R*I.

„Die Lampe wurde oft benutzt – das sieht man direkt.“, staunt Dirk. Alles nutzt sich im Laufe der Zeit ab. Das heißt aber nicht, dass man es nicht reparieren kann. Dirk kramt in seiner Schublade herum: „Irgendwo müssen wir sowas doch haben… Aha!“ Er holt ein kleines Plastikteil hervor: „Eine Werkstatt hat eigentlich immer alles, nur muss man wissen wo.“

Dirks Motto ist: „Manchmal gibt es eine ganz andere Lösung. Man kann die Gegenstände neu erfinden. Man müsste schauen, dass die Glühbirne direkt kurzgeschlossen wird. Dann leuchtet die Lampe ohne Dimmer, aber dafür volle Kanne.“ Die schnelle Lösung ist oft die beste Lösung, so heißt es in der Handwerker-Hobbyszene. Ähnliches Problem beim Drucker. Doch hier muss das Ersatzteil nachbestellt werden: 62 Cent plus Versand.

Die Zeit – sie vergeht wie im Flug. Mittlerweile dämmert der Himmel. Ein älterer Herr kommt um die Ecke: “Heute ist Repair Café, oder?“ „Ja, heute ist Repair Café“, antwortet Dirk.

Er betritt die Werkstatt mit einem Stück Schrott in den Händen – so meine Vermutung. Tatsächlich handelt es sich um ein Autoradio mit einem integrierten Minidisk-Player. „Sowas habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“, staunt Dirk. „Lief auch lange“, antwortet der Mann. Die Hilfe von Dirk wird er nicht brauchen – nur Werkzeug. Er schwärmt davon, dass dieser Stil den „neumodischen Quatsch von heute“ um Längen schlage. Staub hat sich im Minidisk-Schacht verfangen. Es funktioniert wieder. Und so schnell der Herr hereingekommen ist, so schnell ist er auch wieder weg. Ich versäume, nach seinen Namen zu fragen. „Unser einer hätte sich direkt ein neues Autoradio besorgt.“, staunt Rudolf.

Die Menge an alten Fernsehern, Notebooks, Kameras, Handys und anderem elektrischem Müll hat gigantische Ausmaße erreicht. Etwa 44,7 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert die Menschheit im Jahr. Die Zahlen haben Forscher der Universität der Vereinten Nationen berechnet. Laut Repair Café Jahresbericht 2016 hat die Initiative 250 000 Tonnen Schrott vermieden. Zwar nur ein Bruchteil, aber die Botschaft ist die richtige. Der Berg an Elektromüll wachse derzeit dennoch so gut wie ungebremst weiter, warnen die Müll-Forscher in ihrer Studie. Allein zwischen 2014 und 2016 sei die jährliche Menge Elektromüll um acht Prozent gewachsen, so schnell wie keine andere Müllsorte.

Weniger technisch, umso mechanischer, aber dafür deutlich einfacher fällt die Reparatur von meinem Wäscheständer aus. Dirk empfiehlt, die Tragkraft auf zwei Eisenstangen zu verlagern, die ich mit Kabelbindern festmache. Der Wäscheständer steht besser als zuvor. Am Ende spare ich mir 15 Euro. Wichtiger ist mir dennoch der Müll, den ich durch meinen Besuch im Repair Café vermieden habe. Mein Wäscheständer erhält ein zweites, drittes oder viertes Leben. Seinen Zweck erfüllt er. Genauso wie der Drucker, die Stehlampe oder das Autoradio.

Der Wäscheständer – er steht wieder.