Musiktext-Kolumne 3 Minuten

Wie ich mich von meiner Lustlosigkeit ablenke

Eine Frau liegt mit erschöpftem Blick neben ihrem Laptop. Auf dem Laptop klebt ein Post-it mit der Aufschrift „Weiter machen?“.
Wie lange kann ich mich von meinem inneren Zustand ablenken? | Quelle: Ash Flörchinger
11. Juni 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Ich lenke mich den ganzen Tag ab, um meine innere Lustlosigkeit zu ignorieren. Damit ist das Problem jedoch nicht gelöst.

Den ganzen Tag sitze ich schon hier in meiner Wohnung. Rollläden unten, nur fahles Licht fällt durch die Spalten. Mein Zimmer ist ein einziges Chaos: Klamotten auf dem Boden, der Papiermüll quillt über und ich bin bis jetzt zu nichts gekommen. Genau wie gestern. Und vorgestern. Und vor-vorgestern. Der Himmel gleicht meiner Stimmung: Grau wie eh und je. Ich seufze und setze meine Kopfhörer auf, um mich abzulenken. Eine sanfte Stimme beschreibt meinen inneren Zustand perfekt. „Grauer Beton pflastert die Stadt“. Ja, das tut er wohl.

Mein Kopf fühlt sich schwer an. Mein Laptop saugt mich auf, wie ein Portal in eine andere Welt. In Phasen, in denen sich jeder Tag gleich anfühlt, weil jeder Tag gleich ist, frisst mich diese Monotonie auf. Dann möchte ich am liebsten nach draußen, etwas unternehmen, dieses schrecklich graue Gefühl auslöschen. Das Problem: Ich habe mir diese Zeit extra freigeschaufelt, um dem alltäglichen Hochschulwahnsinn zu entkommen. Abgaben bis zum Geht-nicht-mehr und dieser mentale Stress, abliefern zu wollen. Aber so einfach ist es nicht. Ich starre an die Wand. Jetzt sitz ich hier und fühle mich innerlich blockiert. Keine Ahnung, wie ich mich schon wieder aufraffen soll. Schon wieder an Dingen arbeiten soll, die mein Gehirn mir verweigert anzugehen. „Brauch was gegen die Monochromie“, empfielt mir der Song. Ich stehe auf, nehme mir ein Eis aus dem Eisfach und bete, dass der Zucker meine Laune anhebt.

Ablenkung statt Realität

Zum Glück gibt es für solche Tage zahlreiche Ablenkungen. Doomscrolling, Online-Shopping, Serien bingen oder doch das nächste Bastelprojekt anfangen, das ich nicht beenden werde. Die Möglichkeiten sind endlos. Dadurch steigt zumindest mein Dopaminspiegel und ich muss mich nicht mit meinen eigentlichen Aufgaben auseinandersetzen. 

„Mal mit bunten Farben, über Risse in Fassaden“, singt die Sängerin in mein Ohr, während ich meine Nägel mache und meine Lustlosigkeit für 20 Minuten zurücklasse. Fakt ist nämlich, dass mich dieses ganze Aufschieben meiner Abgaben auch nicht viel weiterbringt als bis zu dem Moment, in dem es keinen Ausweg mehr gibt. Indem ich weitermachen muss, weil die Welt eben nicht für mich stehen bleibt. Mir die Zeit durch die Finger rinnt. Aus Erfahrung kostet mich das Ganze dann nochmal doppelt so viel Überwindung. Der Teufelskreis schließt sich und ich wünsche mich davon.

Ich öffne das Fenster und sehe Kinder auf der Straße spielen. Ich wäre nur allzu gerne jetzt da unten bei ihnen, keine Verantwortung, keine Sorgen. Sie lachen und sehen glücklich aus. Genau das fehlt mir seit Tagen: Menschen sehen, mit ihnen Zeit verbringen und mich lebendig fühlen. Ohne diese Interaktion fühle ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber ich erlaube es mir nicht, weil ich noch nichts geleistet habe. Nicht produktiv war, wie ich es mir fest vorgenommen hatte.

„Versteck meine Narben, mit Acryl und Wasserfarben.“
Caro Schaeffler

Die Sängerin singt weiter und ihre Worte gehen mir ins Mark: „Versteck meine Narben, mit Acryl und Wasserfarben.“ So fühlt es sich an. Als würde ich mich ablenken, um so tun zu können, als würden all diese Abgaben und der ganze Stress dahinter, gar nicht existieren. Mir selbst vorzutäuschen, dass ich all diese Verpflichtungen gar nicht habe, weil ich sie nicht haben möchte. Mir selbst Freiheit in diesen Momenten geben, in denen ich eigentlich fokussiert sein sollte. Momente, in denen ich abliefern sollte. Aber vielleicht mache ich auch aus einer Mücke einen Elefanten, so stressig ist es doch gar nicht. Oder?

Man müsste mal was ändern

Überbrücken und eine neue Realität schaffen – das war bisher meine Devise. Aber wäre es nicht besser in solchen Situationen, einmal durchzuziehen? Sich hinzusetzen und einfach loszulegen? Wahrscheinlich schon. Eine Stärke, die ich noch nicht in mir trage. 

Die letzte Zeile des Songs ertönt, fühlt sich nach zuhause an: „Ich mal mir die Welt, so bunt, bis sie mir doch gefällt.“ Sich alles so zurechtrücken, dass es passt. Die eigene Verantwortung wegschieben. Auch wenn das nicht die ideale Lösung ist, weiß ich: Das werde ich wohl weiterhin machen, fürs Erste zumindest.

Wasserfarben - Caro Schaeffler

Hinweis:

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind: