Die Cenoten in Mexiko sind bei Höhlentauchern sehr beliebt. | Bild: Peter Gärtner (GUE)

edit.Edge Extremsport Höhlentauchen
Kein Meter ohne Leine!

Die Cenoten in Mexiko sind bei Höhlentauchern sehr beliebt. | Bild: Peter Gärtner (GUE)

01 Feb 2019

Etwas Weiches landet in seinem Nacken. Der Blick zurück verrät den Grund: Die aufsteigende Ausatemluft hatte Fetzen von Algen an der Höhlendecke gelöst und die Sicht extrem getrübt. Schon nach wenigen Metern war der Eingang der Höhle nicht mehr zu sehen. Doch was zieht Taucher eigentlich in die dunklen, engen Gänge und das auch noch in einem Element, in dem das Überleben ohne technische Ausrüstung nicht möglich ist?

Palinuro, die kleine Küstenstadt Italiens, ist bei Tauchern sehr beliebt. Das Wasser ist glasklar und der Küstenbereich ist von vielfarbigen Höhlen und Grotten durchlöchert. Ein El Dorado für Unterwassersportler. Trotzdem kommen gerade dort immer wieder Taucher ums Leben. Auch der deutsche Tauchlehrer Andreas Stolz berichtet von einer dramatischen Suche nach zwei französischen Tauchern.

Ziel des heutigen Tages ist die Grotta Argento. Das Meer ist ruhig und bis auf das Boot zweier Franzosen, die eigenverantwortlich und ohne Guide tauchen, deutet nichts auf andere Gruppen hin. Die Voraussetzungen für einen Tauchgang könnten kaum besser sein. Entsprechend problemlos verlaufen die beiden Tauchgänge der deutschen Sportler. Nur die Franzosen lassen sich nicht blicken. Sie werden wahrscheinlich eine andere Grotte nebenan betauchen. Doch als sie selbst zum Flaschenfüllen am Abend nicht erscheinen, steigt eine unschöne Vorahnung auf.

Aus diesem Grund organisiert der Leiter der örtlichen Tauchbasis spontan eine Suchaktion. Dabei soll die Höhle neben der Grotta Argento abgesucht werden. Ein Schild markiert den Eingang und weist auf die Gefahren hin. Trotzdem begeben sich die Suchtrupps, gesichert mit einer Leine, in die eigentlich gesperrte Höhle. Lebhaft schildert Andreas Stolz, wie etwas Weiches in seinem Nacken landet. Die aufsteigende Ausatemluft hatte Algen und Sedimente an der Höhlendecke gelöst und die Sicht auf nahezu null reduziert. Der Eingang war schon jetzt nicht mehr zu sehen.

„Da stehst du wirklich unter Stress“, erklärt Andreas Stolz. Durch den steigenden Puls und den schnelleren Atem ist der Luftvorrat für den Hinweg schon bald aufgebraucht. Aufgrund der schlechten Sicht finden die Suchtrupps nur mit Hilfe der Sicherungsleine zurück zum Ausgang. Erst eine Stunde später findet eine italienische Tauchgruppe die beiden Franzosen auf der anderen Seite der Höhle. Eine ihrer Tauchflaschen ist leer. Die andere noch zu zwei Dritteln gefüllt. Überlebt haben sie den Tauchgang nicht.

Höhlentauchen geht anders

Peter Gärtner ist Ausbilder bei den Global Underwater Explorers (GUE), einem Forschungs- und Ausbildungsverband im Höhlentauchen. Er erklärt, dass dieser „Silt Out“,  also die Eintrübung des Wassers, nur eines der Risiken des Höhlentauchens ist. „Wenn man es nicht richtig macht und die Prozeduren nicht beherrscht, kann einfach viel passieren. Die größte Gefahr geht von der Höhlendecke aus“, mahnt Gärtner. Bei einem Tauchgang im Freiwasser wirft man im äußersten Notfall das Blei ab und schießt an die Oberfläche. Urlaubstaucher landen im schlimmsten Fall mit der Taucherkrankheit in der Druckkammer. Beim Höhlentauchen hingegen bleibt immer die Frage: „Reicht mir die Luft zurück zum Einstieg?“

Trotzdem nehmen Höhlentaucher diese Gefahr auf sich und tauchen teils stundenlang in tiefen, verwinkelten Höhlensystemen.

In der Höhle ist die Führungsleine deine Lebensversicherung. | Bild: Peter Gärtner (GUE)
Die Sicht kann auch in einer glasklaren Höhle innerhalb von Sekunden auf wenige Zentimeter sinken. | Bild: Peter Gärtner (GUE)
Viele Höhleneinstiege müssen zusätzlich gegen Steinschlag und Einsturz gesichert werden. | Bild: unterwasser-fotografieren.de

Gerade die Exklusivität macht die Höhlen zu etwas Besonderem. Nicht jeder kann und darf in Höhlen tauchen. Entsprechend unerforscht ist ein Großteil der Höhlensysteme. Das weckt natürlich den Entdeckerdrang. „Auch wenn hier schon jemand war, ist es spannend, was hinter der nächsten Ecke liegt“, schwärmt Peter Gärtner.

„Natürlich lockt auch die Gefahr. Zu wissen, es kann gefährlich werden, aber ich habe es im Griff – das macht auch einen Teil des Höhlentauchens aus.“, weiß der erfahrene Tauchlehrer. Trotzdem bleibe das Risiko überschaubar.

„Die Wahrscheinlichkeit, auf der Autobahn zu sterben ist deutlich höher als bei einem Höhlentauchgang.“ – Peter Gärtner (GUE)

Nicht zuletzt schafft die standardisierte Ausrüstung eine Grundlage für sichere Tauchgänge in der Höhle. Sämtliche Ausstattungsteile werden redundant mitgeführt und sind bei jedem Taucher an derselben Stelle befestigt. Für den Fall des Orientierungsverlusts zieht sich eine Führungsleine über den gesamten Bereich der Höhle. Wo noch keine solche Caveline liegt, wird kurzerhand eine neue verlegt. Kleine Richtungspfeile weisen den Weg zurück zum Ausgang.

„Wenn keine Leine liegt, wird nicht getaucht.“ – Peter Gärtner (GUE)

Noch viel wichtiger aber ist eine grundsolide und spezialisierte Ausbildung. In der Höhle gelten klare Regeln. Deshalb werden schon während der Übungstauchgänge klare Abläufe geübt und Fehler gezielt provoziert. So sollten einem ausgebildeten Höhlentaucher auch Situationen mit schlechter Sicht keine Probleme bereiten.

Eine gute Höhlentauch-Ausbildung ist langwierig und anstrengend. Seine Tauchschüler sollen lernen, ihren Kopf eingeschaltet zu lassen. Sie werden ständig mit ihren Grenzen konfrontiert und müssen diese auch lernen zu überschreiten. Nur dadurch wachse die Erfahrung.

Das gehe aber nicht mit einer Schnellbleiche. „From zero to hero“ in zehn Tagen, wie es einige Verbände anbieten, „sei garantierter Selbstmord. Das geht einfach nicht.“

Nach einem langen Tauchgang in der Dunkelheit wirken die Sonnenstrahlen schon fast wie eine Befreiung. | Bild: Peter Gärtner (GUE)

Trotz der Strapazen kann sich der Profi selbst nach 14 Jahren immer noch für die Taucherei in Höhlen begeistern.

„Wenn du nach sechs Stunden in der Höhle langsam an die Oberfläche tauchst und immer mehr Sonnenstrahlen durch das Wasser glitzern, dann hat sich der Tauchgang schon gelohnt.“

Du hast Interesse am Höhlentauchen?

Bist du schon im Besitz eines Tauchscheins, dann kannst du Schnuppertauchgänge in den Cenoten Mexikos genießen. Gerade weil du dich hier immer in der Nähe des Eingangs aufhältst, wirst du traumhafte Lichtspiele beobachten.

Technisch anspruchsvolle Tauchgänge mit verschiedenen Gasen und in größere Tiefen sind nur mit einer Ausbildung (Fullcave und Tec Diver) möglich. Hier in Deutschland bildet unter anderem die GUE (Global Underwater Explorers) nach höchsten Standards aus.

Weiterführende Informationen und Ausbilder findest du unter:
www.gue.com

Weitere Fotos und Videos aus Höhlen findest du auf der Seite von:
Peter Gärtner