Volle Hütte in Stuttgart: Die Cannstatter Kurve würdigte 2013 die Rückkehr zum traditionellen Wappen mit einer Choreografie. | Bild: Nico Ditter

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Volle Hütte in Stuttgart: Die Cannstatter Kurve würdigte 2013 die Rückkehr zum traditionellen Wappen mit einer Choreografie. | Bild: Nico Ditter

30 Jun 2019

Samstag, 15.30 Uhr – die Primetime für Fußballdeutschland. Tausende Fans strömen Woche für Woche in die Stadien, um ihr Team live zu unterstützen. Wieso eigentlich? Schließlich kann man die Spiele auch vor dem Bildschirm verfolgen.

„Steht auf, wenn ihr Schwaben seid“, stimmt ein Vorsänger der Cannstatter Kurve an. Die Fans des VfB Stuttgart erheben sich von ihren Plätzen. Es folgt ein Wechselgesang zwischen den gegenüberliegenden Fankurven. „Vaaaaau Effff Beeeeee“ hallt es abwechselnd – eine einzigartige und lautstarke Atmosphäre entsteht. Und diese Stimmung wiederholt sich wöchentlich in den Fußballstadien. Ein Bundesligaspiel wurde in der abgelaufenen Saison im Schnitt von über 43.000 Zuschauern besucht. Unfassbare Zahlen, oder? Ja, der Fußball bewegt und polarisiert die Menschen in der Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten. Vor allem hat „das Sommermärchen 2006“ für zusätzlichen Schwung gesorgt. Zwölf Stadien wurden für die WM im eigenen Land erbaut, renoviert und modernisiert. Moderne Arenen mit fantastischer Stimmung – das lockt zahlreiche Fußballfans an. Dennoch kann man die Spiele auch im TV oder online verfolgen. Warum sollte ich dann überhaupt ins Stadion gehen?

 Fußballschauen am Bildschirm versus Stadionerlebnis

Vorteile Bildschirm:

  • Zeitlupen und Wiederholungen der Spielereignisse
  • Keine Reisestrapazen
  • Möglichkeit, mehrere Spiele gleichzeitig in einer Konferenz zu verfolgen
  • Bequemes Fußballerlebnis auf der Couch

Vorteile Stadion:

  • Großes Gemeinschaftsgefühl in emotionaler Atmosphäre
  • Eigener Blick auf das Spielgeschehen
  • Kennenlernen neuer Orte
  • Fußballstars aus nächster Nähe erleben

Kaum Fußball im Free-TV

Bundesligafußball im Free-TV? Guter Witz! Die öffentlich-rechtlichen Sender haben in der abgelaufenen Saison lediglich vier Bundesligaspiele live gezeigt: das Eröffnungsspiel zwischen dem FC Bayern München und der TSG 1899 Hoffenheim, das Freitagsspiel des 17. und 18. Spieltags sowie das Revierderby zwischen dem BVB und Schalke 04. Eine gesamte Bundesligasaison umfasst jedoch 306 Partien. Dazu kommen noch die zwei Relegationsspiele, wobei der Bundesliga-16. gegen den Dritten der zweiten Bundesliga um den letzten Platz im Fußball-Oberhaus kämpft.

Wer zeigt denn nun die Spiele?

Weiterhin wird der Großteil der Spiele von Sky übertragen. 40 Matches wurden vom Eurosport Player übertragen, unter anderem alle Montags- und Freitagsspiele. Das kostet natürlich auch alles extra. Und das war noch nicht einmal alles. Wer sich alle Spiele der UEFA Champions oder Europa League anschauen möchte, braucht noch ein Abo vom Internetanbieter DAZN. Folglich kritisieren zahlreiche Fußball-Begeisterte – mich eingeschlossen – diesen Abowahnsinn. Hintergrund für diesen Sachverhalt ist eine Vorgabe des Bundeskartellamts. Die Übertragungsrechte dürfen nicht an einen Sender vergeben werden. Laut dem Fanforscher Jonas Gabler könne sich daran bei den kommenden Vergaben noch etwas ändern. Da lege ich mir doch gleich eine Dauerkarte zu und unterstütze mein Team live bei jedem Heimspiel.

Kostenvergleich der Pay-TV und Internetanbieter mit den Bundesliga-Dauerkarten der Saison 2018/19. | Bild: Nico Ditter

Gemeinsame Anreise als Highlight

Klar, auch ein Stadionbesuch schluckt viel Geld: Anfahrt, Tickets sowie die Verpflegung. Da kommt über eine Saison schon einiges zusammen. So viel Geld für ein Spiel investieren, bei dem 22 Fußballprofis einem Ball hinterherrennen? Bei einem Stadionbesuch steckt so viel mehr dahinter. Ein Highlight ist die gemeinsame Anreise zu Heim- und Auswärtsspielen. Fans treffen sich vor dem Spiel zusammen, trinken das ein oder andere Bierchen und unterhalten sich über den Sport, den sie so sehr lieben. Natürlich trifft man auf den Fahrten immer wieder bekannte Gesichter, mit denen man sich über die Zeit anfreunden kann. Zahlreiche Fußballfans werden in den offiziellen Fanclubs (OFCs) aktiv und touren gemeinsam mit den anderen Mitgliedern zu Spielen ihres Herzensvereins. Außerdem lernen sie bei Auswärtsfahrten immer wieder neue Stadien kennen. Jede Fußball-Arena hat einen eigenen Anreiz und eine eigene Geschichte. Das romantisch kleine Stadion mit 20.000 Plätzen oder der gigantische Fußballtempel: Ein Stadion sticht immer direkt ins Auge, oder?

Die Fans des VfB Stuttgart zelebrierten den 20. Geburtstag der Ultragruppe Commando Cannstatt 97 mit einer Choreo. | Bild: Nico Ditter
Nachts sticht die Allianz Arena in München besonders ins Auge... | Bild: Nico Ditter
...aber auch tagsüber ist sie einen Besuch wert. | Bild: Nico Ditter
Das historische Wembley Stadion in London fällt vor allem mit seinen Bogen auf. | Bild: Nico Ditter
Das Camp Nou in Barcelona fasst knapp 100.000 Zuschauer und ist damit das größte Stadion in Europa. | Bild: Nico Ditter
Ein wahrer Fußballtempel... | Bild: Nico Ditter
...ist das Estadio Santiago Bernabeu in Madrid. | Bild: Nico Ditter
Die Nordkurve auf Schalke zählt zu den stimmungsvollsten Fanlagern in Deutschland. | Bild: Nico Ditter
Beim DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion ist die Stimmung sowieso einzigartig. | Bild: Nico Ditter
Auch kleine Stadien wie in Girona (Spanien) haben einen besonderen Anreiz, da man die Stars aus nächster Nähe sieht. | Bild: Nico Ditter

Ultras als Stimmungsmacher

Für die Stimmung in den Stadien sind überwiegend die Ultragruppen der einzelnen Vereine verantwortlich. „Ultras sind Zusammenschlüsse begeisterter Fans, die die Identifikation mit ihrem Team auf besondere Weise ausleben. Sie pflegen ein aktives Gruppenleben und sorgen mit Vorsängern, eigenen Fangesängen und Choreografien für Stimmung“, sagt Fanforscher Jonas Gabler. Die Ultras haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einer dominierenden Fankultur entwickelt. Sie kritisieren mit diversen Protestaktionen die Kommerzialisierung und Eventisierung im Fußball und erreichen dadurch mediale Aufmerksamkeit. Zwar haben Rivalitäten zwischen einzelnen Fanlagern zugenommen, dennoch seien Ultras laut Gabler nur in Ausnahmefällen eine Gefahr für andere Fans. Zu diesen Ausnahmen zählen Bedrohungen wie Schalraub oder Fahnenklau. Der Fokus der Fanatiker liege dennoch auf dem Support. Immer wieder werden die Ultragruppen mit Hooligans in einen Topf geworfen. Um einer Hooligangruppierung beizutreten, ist die Bereitschaft zur Gewaltausübung verpflichtend. In einer Ultragruppe kann hingegen jemand anerkanntes Gruppenmitglied werden, der an körperlichen Auseinandersetzungen kein Interesse hat. Natürlich sind die Ultras auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen, um Choreografien regelmäßig zu ermöglichen. Durch den Zusammenhalt der Fans funktioniert das tadellos: Sie zahlen an Spieltagen in die Spendenboxen ein oder überlassen den Ultragruppen den Becherpfand.

Ein gemütliches Stadionerlebnis auf der Haupttribüne oder doch die lautstarke Unterstützung in der Fankurve: Der Stadionbesuch bietet qualitativ hochwertigen Sport sowie eine einzigartige Atmosphäre in bester Gesellschaft, in der man Emotionen frei erfahren und ausleben kann. Diese Stimmung muss man definitiv erlebt haben!