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Die Gemeinsamkeit der beiden: Sie haben Italien verlassen und sind nach Deutschland ausgewandert. | Bild: Larissa Hillenbrand

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Ciao Spaghetti – hallo Spätzle

Die Gemeinsamkeit der beiden: Sie haben Italien verlassen und sind nach Deutschland ausgewandert. | Bild: Larissa Hillenbrand

17 May 2018

Für die große Liebe umziehen oder einen neuen Job im Ausland annehmen? Heute kein Problem mehr! Innerhalb der EU können wir unseren Aufenthaltsort frei wählen. Marzia ist vor zwei Jahren nach Deutschland ausgewandert und Francesco hat 1962 seine Heimat Italien verlassen. Wie war das für sie?

Larissa Hillenbrand

Medienwirtschaft
seit Sommersemester 2016
Europa

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Die Sonnenstrahlen erkämpfen sich ihren Weg durch die Wolken. Obwohl es erst Mitte April ist, können wir draußen sitzen. „Heute geht das Wetter ja, aber meistens vermisse ich die Wärme in Italien“, sagt Marzia. Sie lächelt freundlich und schlägt die Beine übereinander. Sie sitzt auf einer Terrasse mit einer dampfenden Tasse Espresso in der Hand. Marzia ist 19 Jahre alt und wohnt seit 2016 mit ihrer Mutter in Deutschland. Die junge Frau schüttelt ihre dunklen Locken und ihre Augen strahlen, als sie den ersten Schluck ihres Espressos zu sich nimmt: „Ich bin vor zwei Jahren hergekommen, weil ich hier eine bessere Zukunft habe. In der Schule in Deutschland lerne ich mehr als in Italien.“

Ihre Mutter verließ die Heimat schon ein Jahr zuvor. Die Arbeit in Italien war schlecht bezahlt, sie hatte kaum noch Zeit für ihre Kinder. Es kostete sie viel Überwindung, ihre Tochter Marzia und deren zwei Brüder zurückzulassen. Sie fand in Deutschland eine neue Arbeitsstelle, der Verdienst wuchs, aber auch die Sehnsucht nach der Familie. Marzia kam nach. Die Brüder sind noch in Italien.

"Es war die richtige Entscheidung für mich." - Marzia | Bild: Larissa Hillenbrand

Deutsche Bürokratie?

„Umziehen konnten wir ganz leicht, nur die Bürokratie war etwas schwierig. Wir konnten ja noch kein richtiges Deutsch. Für jeden Antrag braucht man viele Formulare und Nachweise. Aber wir haben es geschafft“, sagt Marzia.

Auch wenn alle Bürger der EU ihren Aufenthaltsort frei wählen können, gibt es einige Punkte zu beachten.

Für mehr Informationen mit der Maus über die Grafik fahren | Bild: Larissa Hillenbrand

Am Anfang hatte Marzia Angst, Deutsch zu sprechen. Sie wollte keine Fehler machen. „Es ist mir peinlich, wenn ich manche Wörter nicht weiß.“ Als sie in Deutschland ankam, konnte sie kein Wort Deutsch. Trotzdem ging sie schon zwei Tage nach der Ankunft zur Schule. Im Unterricht verstand sie nichts. „Die Sprache klang wie ein Rauschen und war mir sehr fremd“, erzählt Marzia.

Fast zwei Monate hat sich Marzia ohne Deutschkenntnisse durchgeschlagen, dann fing sie an, die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen. Jeden Tag übte sie viele Stunden. Sie brachte sich den größten Teil selbst bei. „Heute habe ich keine Angst mehr, deutsch zu sprechen. Ich korrigiere manchmal sogar Fehler von Leuten, die hier geboren sind. Schwierig wird es nur, wenn die Menschen schwäbisch reden und Ausdrücke nutzen, die ich nicht kenne“, sagt sie und grinst.

Es war die richtige Entscheidung für Marzia, nach Deutschland zu kommen. Die Schule läuft gut, sie hat einen Nebenjob und einen Freund gefunden. Sie freut sich auf die Zukunft. Vielleicht möchte sie später im Bereich Sprachen und Übersetzung arbeiten. „Aber wenn ich frei habe, gehe ich natürlich nach Italien. Da sind meine Brüder und das Leben spielt sich viel mehr draußen ab und ist einfach anders als hier. Und natürlich ist das Wetter besser.“ Sie schaut in ihre jetzt leere Tasse und lacht herzlich, wie so oft heute: „Der Kaffee auch.“

Wie war das vor fast 60 Jahren bei Francesco?

Mittlerweile ist es später Nachmittag und die Bäume werfen lange Schatten auf den Boden. Die Sonne verabschiedet sich langsam. Francesco öffnet mir die Tür des Einfamilienhauses: ein mittelgroßer Mann mit dunklen Haaren und einem sonnengezeichneten Gesicht. Er lacht breit. Die braune Haut spannt sich und aus seinem Mund kommt ein schwäbisches: „Ja do bisch ja, komm glei nei, mir gehet ins Büro.“

Francesco ist schon seit fast 60 Jahren in Deutschland, genauer gesagt seit Januar 1962. Franco – so darf ich ihn nennen – weiß noch ganz genau, wie die Ankunft in Deutschland war. Das war das erste Mal, als er die großen Schneeberge sah. Es war schrecklich für ihn. In Deutschland war es viel zu kalt und er vermisste die Heimat.

„Ich habe Tag und Nacht geweint.“ – Francesco

Damals war Franco erst zehn Jahre alt. Der Familie ging es finanziell in der Heimat Neapel nicht gut. Die Hoffnung des Vaters: neue und gut bezahlte Arbeit in Deutschland finden.

Der Vater ging voraus. Die Einwanderung war nicht mit dem Ziel verbunden, nur befristet als Hilfsarbeiter in Deutschland zu arbeiten. Er wollte keine der Legitimationskarten für ausländische Arbeitskräfte haben, denn die ganze Familie sollte in Deutschland leben. Mit einem Visum für wenige Monate überblickte der Vater die Gegebenheiten in Deutschland. Über mehrere Stationen fand er schließlich in der Nähe von Pfullendorf bei einem Bohrwerk eine gute Stelle als Mechaniker. Francos Vater mietete eine Wohnung auf einem Bauernhof und die Familie konnte nachkommen.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Die Eingliederung in Deutschland war nicht immer einfach. Im Gegensatz zu heute gab es keine Hilfsangebote der Stadt. Die Bürokratie war kompliziert. Die Eltern mussten immer wieder ihr Visum verlängern. Bei den Kindern gab es Probleme mit der Einstufung in der Schule. Sie konnten noch kein Deutsch und Franco sollte wieder die erste Klasse besuchen: „In Italien war ich schon in der 5. Klasse und konnte lesen und schreiben. Aber hier verstand ich ja nichts. Ich musste die Sprache lernen, um weiterzukommen.“ Um richtig Deutsch zu lernen, musste Sprachunterricht sein. Franco wusste schon damals, wie wichtig es ist, die Sprache zu lernen.

Vorurteile und Beleidigungen

Auf dem Bauernhof lebten ehemals Vertriebene. Sie konnten die Lage der italienischen Familie verstehen und alle hatten ein freundliches Verhältnis zueinander. Doch außerhalb der beschaulichen Hofwelt wurde die Familie mit Vorurteilen und Beleidigungen konfrontiert. Franco erinnert sich sehr gut an seine Schulzeit und die Kommentare seiner Mitschüler.

Zurück in die Heimat?

Als Kind dachte Franco, er würde als Erwachsener wieder zurück nach Italien gehen. Doch als er 20 war, hat er erkannt, dass Deutschland seine Heimat ist. Er schätzt das Leben hier. „Ich habe gemerkt, ich brauch hier die Sicherheit und muss jeden Tag in das Geschäft. Ein geregelter Ablauf einfach. Ich wollte mir hier eine Familie aufbauen und hab dann auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen“, sagt Franco und lacht. Das mit der Familie hat geklappt. Franco hat mittlerweile sogar vier Enkelkinder, die heute noch zum Essen vorbeikommen.