„Jeder Mensch ist in der Lage, mehr über seinen Körper zu erfahren.“
Der schmale Grat zwischen Selbstfürsorge und Kontrolle
Stell dir vor: Es ist 22 Uhr, ein anstrengender Uni-Tag liegt hinter dir. Eigentlich willst du nur noch unter die Decke, eine Serie schauen und danach schlafen. Doch ein Blick aufs Handgelenk und deine Stimmung sinkt in den Keller. Deine Uhr zeigt: Das Tagesziel von 10.000 Schritten ist weit entfernt. Also doch noch eine Runde um den Block.
Für immer mehr Menschen bestimmen smarte Trackingangebote, wie fit, erholt und produktiv sie sich fühlen – oft noch bevor der eigene Körper ein Signal sendet. Zahlen, Kurven und Zielvorgaben werden zum Maßstab für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Technologien, die eigentlich der Selbstfürsorge dienen, können dabei in Richtung Kontrolle kippen.
Schnittstelle Technik und Körper
Was sind Wearables?
Wearables sind elektronische Geräte wie Fitnessarmbänder, Smartwatches oder medizinische Sensortechnologien, die direkt am Körper getragen werden. Sie erfassen Gesundheitsdaten wie Herzfrequenz, Schlaf, Kalorienverbrauch und Körpertemperatur und werten diese über Apps aus.
Armbänder, Uhren und zunehmend smarte Ringe, Kleidung, Kopfhörer oder Datenbrillen – die Nutzung und Angebotsvielfalt von Wearables ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Allein im Jahr 2024 wurden rund 5,84 Millionen Wearables in Deutschland verkauft. Damit sind sie längst keine Nischenprodukte mehr. Viele Menschen tragen sie rund um die Uhr, oft sogar nachts. Für Syn Schmitt, Professor für computerunterstützte Biophysik und Biorobotik an der Universität Stuttgart, markiert genau das einen zentralen Trend im Bereich Digitale Gesundheit. Gesundheitsdaten sind nicht mehr ausschließlich medizinischem Fachpersonal oder der Forschung vorbehalten.
Ihren Körper besser kennenlernen – dieses Ziel verfolgt die sportbegeisterte Stuttgarterin Yvonne ebenfalls mit ihrer Fitnessuhr. Ohne den digitalen Begleiter am Handgelenk geht sie nicht mehr ins Fitnessstudio. Doch die ständige Überwachung ist manchmal anstrengend. Wo sind die Grenzen von nützlichem Gympartner zu Selbstoptimierungswahn? Diese Frage beantworten Yvonne und die Psychologin Nektaria Tagalidou im Video.
Klein, komfortabel, wearable – geht das verlässlich?
Am Beispiel von Yvonne wird deutlich, wie viel Vertrauen Nutzende in Wearables setzen und wie wichtig eine realistische Einordnung ihrer Daten ist. Wearables werden kleiner, komfortabler und sollen dennoch immer präzisere Daten liefern. Schmitt sieht darin eine potenzielle Gefahr: „Das Risiko ist, dass die Messergebnisse nicht gut genug sind für klinische Aspekte oder solche Aspekte, wie wir es in der Forschung benötigen.“
In seiner Forschung untersucht Schmitt, wie menschliche Bewegungen entstehen und wie sie durch Ermüdung, Stress oder Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Tremor gestört werden. Wearables oder Sensortechnologien spielen dabei eine zentrale Rolle.
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Schmitt warnt vor überzogenen Erwartungen an Wearables. Sie seien in erster Linie Konsumentenprodukte, „eine Erweiterung des Smartphones“. Dennoch vermitteln Marketingkampagnen laut Schmitt häufig einen anderen Eindruck. Etwa wenn Geräte mit der Aussage beworben werden, bereits zahlreiche Menschenleben gerettet zu haben. Problematisch sei das vor allem dann, wenn den angezeigten Werten uneingeschränkt vertraut wird. Gerade bei Daten wie der Herzfrequenz, der Körpertemperatur oder den Schlafphasen könne es zu Fehlinterpretationen kommen. „Nicht, dass die Uhr morgens sagt: Hey, du hast schlecht geschlafen. Und ich denke mir: Oh, eigentlich fühle ich mich doch ganz gut. Und dann fühle ich mich plötzlich schlecht, weil die Uhr mir sagt, ich habe schlecht geschlafen. Das darf nicht passieren“, so Schmitt.
Hinzu kommen physikalische Grenzen der Messung. Beispielweise würden Smartwatches oft locker sitzen oder könnten sich verdrehen. Für die Sensoren stelle das eine Herausforderung dar. Schmitt plädiert deshalb dafür, dass Wearables lernen müssen, Messunsicherheiten offen zu kommunizieren und klar anzuzeigen: Hier liegen gerade keine verlässlichen Daten vor.
Wenn Wearables Messwerte liefern, die wir nicht immer richtig einordnen können, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie viel Verantwortung für den eigenen Körper geben wir an Technik ab? Und wo kann sie tatsächlich unterstützen? Besonders deutlich wird diese Debatte bei Gesundheits-Apps, die intime körperliche Prozesse begleiten und Entscheidungen beeinflussen. Welche Chancen und Risiken damit verbunden sind, erklärt die Gynäkologin Dr. Lisa-Maria Wallwiener im Podcast. Sie spricht über Zyklus-Apps, die für viele Frauen längst zum festen Bestandteil ihres Alltags geworden sind.
Die eigenen Körperdaten schützen
Gesundheitsapps wie die Zyklus-Apps sammeln eine Vielzahl an Körperdaten. Diese zählen zu den sensibelsten personenbezogenen Informationen. Wearables erfassen nicht nur diese, sondern auch Bewegungs- und Standortdaten. Diese werden über Apps und Cloud-Dienste weiterverarbeitet. Ist der Datenschutz unzureichend, besteht die Gefahr, dass unbefugte Dritte Zugriff auf diese Daten erhalten oder sie missbräuchlich verwendet werden.
Der Schutz der Körperdaten muss einerseits von den Herstellern sichergestellt werden. Andererseits sind auch die Nutzenden gefragt. Sie sollten sich informieren, wie Wearables sicher genutzt werden und sich der bestehenden Risiken bewusst werden. Für Schmitt stellt sich dabei eine zentrale Frage: „Glauben wir den Herstellern?“
Was Selbstvermessung wirklich bringt
Trotz aller Risiken bieten Wearables erhebliche Potenziale. Der zentrale Nutzen liegt darin, den eigenen Körper besser kennenzulernen und Zusammenhänge zwischen Alltag, Verhalten und Gesundheit sichtbar zu machen. Dieses Verständnis könnte dazu beitragen, das eigene Verhalten bewusster zu reflektieren, anzupassen und gesünder zu leben.
Darüber hinaus eröffnen Wearables neue Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung. Durch die kontinuierliche Erfassung von Vitaldaten lassen sich gesundheitliche Auffälligkeiten potenziell früher erkennen. Solche Echtzeit-Daten können Ärzt*innen eine zusätzliche Entscheidungsgrundlage bieten und die Betreuung von Patient*innen verbessern. Einige Wearables verfügen zudem über Funktionen zur Notfallerkennung, etwa bei Stürzen oder auffälligen Herzrhythmen, und können automatisch Angehörige oder medizinisches Personal benachrichtigen.
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Zwischen Selbstfürsorge und Selbstkontrolle
Gesundheit, Selbstfürsorge, ein sportlicher Lifestyle – ob Wearables das oder Selbstkontrolle bedeuten, entscheidet letztlich nicht die Technik, sondern der Umgang mit ihr. Schmitt plädiert daher für eine reflektierte Nutzung: Wearables seien keine medizinischen Diagnoseinstrumente, sondern Orientierungshilfen. Gesundheitsdaten müssten eingeordnet, hinterfragt und im Zweifel mit medizinischem Fachpersonal besprochen werden. Wearables zur Selbstoptimierung findet er nicht zwingend problematisch. „Wenn du nur fünf Stunden schläfst, dann geht es dir schlechter. Also heißt die Optimierung mehr Schlaf. Und ich glaube, das ist generell eine gute Idee“, so Schmitt. Entscheidend ist also, wie Nutzende diese Erkenntnisse anwenden.
Auch das Ziel von 10.000 Schritten am Tag kann motivieren, fit halten und Gesundheit fördern. Zwanghaft sollte der Umgang aber nicht werden. Ist man spät abends nach einem stressigen Uni-Tag müde, darf man auch auf den eigenen Körper hören, sich in die Bettdecke kuscheln und ausruhen.
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