"Ich kenne die Gesichter, aber den Lebenslauf kenne ich nicht."
Eine breite Fensterfront erhellt den Raum. Links und rechts sind Holzwände, an denen bunt bemalte Mandalas hängen. Auf den roten Ledersesseln sitzen vier ältere Damen an einem Holztisch beisammen. Sie alle haben weiß-grau meliertes Haar und eine bunte Kaffeetasse in der Hand, die Nägel rot lackiert. Es riecht dezent nach Putzmittel, Kaffee und Raumduft. Im Hintergrund läuft „Let it be“.
Als eine weitere Frau dazukommt, wird sofort ein Stuhl herangezogen. „So schön, dass Sie da sind.“ Sie wechseln ein paar Worte, dann schweigen sie wieder. Es wirkt wie ein vertrauter Kaffeeklatsch unter alten Freundinnen. Doris Veiel ist eine von ihnen. Und doch sagt sie, die Frauen am Tisch seien ihr fremd. „Ich kenne die Gesichter, aber den Lebenslauf kenne ich nicht.“
Sie selbst sei schon seit „50, 60 Jahren in dieser Firma“. Die Frau am Tischende erzählt, sie sei hier geboren. Geboren ist hier niemand, und eine Firma gibt es auch nicht. Der sonnendurchflutete Raum befindet sich in der geschlossenen Wohngruppe des Gradmann Hauses in Stuttgart. 26 Menschen wohnen dort. Und so unterschiedlich ihre Lebensläufe auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie leben mit Demenz.
Infobox Demenz
Demenz ist der Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, bei denen das Gehirn fortschreitend kognitive Fähigkeiten verliert. Betroffen ist das Denkvermögen, das Gedächtnis und auch der Orientierungssinn. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit. Stand 2023 leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei das Risiko mit steigendem Alter zunimmt und Frauen häufiger betroffen sind als Männer.
Laut Konstantin Lekkos, Doktor und Chefarzt für Altersmedizin am Helios Klinikum Hildesheim, seien Verwechslungen oder auch Illusionen bei Demenzerkrankten häufig. Manches werde im Gehirn nicht mehr richtig miteinander verknüpft. Er vergleicht die Prozesse mit einer Datenautobahn: „Die Städte sind noch da“, erklärt er „aber die Informationen dazwischen funktionieren nicht mehr. Da gibt es große Staus.“ Häufig betreffe das gerade die Verbindung zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis.
Für die 88-jährige Doris Veiel ist ihr Beruf noch sehr präsent. Sie war als Sekretärin in einem Architekturbüro tätig. Als sie gefragt wird, ob sie verheiratet ist, lacht sie auf. „Nein, Gott sei Dank noch nicht!“ Fünf Minuten später erinnert sie sich an ihren Mann: „Der hat studiert. Und studiert immer noch, sehr lange.“ Was genau er studiert, sei eine persönliche Sache.
„Freundschaften habe ich hier keine geschlossen“, so Doris. Sie würde sich jedoch mehr Kontakt wünschen, mehr Geselligkeit. Mit einem schiefen, fast entschuldigenden Lächeln fügt sie hinzu: „Wenn ich aus dem Geschäft komme, bin ich froh, wenn ich nichts mehr zu tun habe. Dann ziehe ich mich gerne zurück.“ Obwohl sich ihr Zimmer nur ein paar Meter entfernt befindet, bleibt sie am Tisch sitzen.
„Freundschaften habe ich hier keine geschlossen.“
„Eine klassische Freundschaft, voller Vertrauen und gemeinsamer Erinnerungen, geht mit Demenz nicht“, so Lekkos. Und doch gebe es emotionale Bindungen: „Man versteht sich miteinander, und auch das ist eine Art Freundschaft.“ Beziehungen seien vorhanden, nur weniger stabil, als wir es kennen.
„Wie sieht der denn wieder aus?“, sagt Doris Veiel, als ein Mann in einem zu kurzen T-Shirt vorbeigeht. „Der wird nicht mehr lange“, murmelt ihre Tischnachbarin. Ein anderer Bewohner redet ununterbrochen vor sich hin. Er steht direkt hinter Doris.
„Mensch Meier, halt doch mal dein Mund“, ruft sie nach ein paar Minuten. „Hast du gehört? Du sollst mal die Gosch halten.“
„Einfach mal losquatschen. Einfach mal Unsinn quatschen“, sagt Konstantin Lekkos über solche Momente. Hemmungen fielen manchmal weg, Sticheleien kämen direkter. „Das ist was ganz Natürliches.“ Pflegedienstleiterin Birgit Kohlweiler ergänzt: „Über andere zu reden, damit man nicht mit sich selber konfrontiert wird, ist immer leichter.“ Demenzerkrankte würden selbst bemerken, dass sie vieles nicht mehr wüssten, vieles nicht mehr hinbekämen. Das sei nicht angenehm.
Miteinander, aneinander vorbei
Zehn Minuten später steht Doris auf und geht ein paar Schritte.
„Da steht eine Tasche“, sagt sie.
„Karten?“, erwidert eine Dame mit Spangen im Haar. „Ja, das gibt’s. Da kann man Karten spielen.“
„Magst du gucken?“
„Nein. Ich gehe jetzt nach Hause.“ Die Dame steht auf und verlässt den Tisch. Nach ein paar Metern dreht sie um, verrückt ein paar Stühle und setzt sich wieder.
„Viele der Menschen hier haben eine Form der Demenz, bei der sie weglaufen wollen“, erzählt Birgit Kohlweiler. Doch weit kommen die Bewohnenden nicht. Für den Einzug braucht es einen richterlichen Beschluss, denn die Wohngruppe ist geschlossen. Ausflüge führen auf die große Terrasse, die sich zwischen dem Ost- und Westflügel der Wohngruppe befindet. Die Frühlingssonne scheint, als Doris mit ein paar anderen eine Runde dreht. Eine Ehrenamtliche und eine Pflegerin begleiten die Gruppe. An einem bunten Windspiel bleiben sie stehen. Die Pflegerin stimmt ein Lied an. Nach und nach singen die Bewohnerinnen und Bewohner mit. Auch Doris kennt den Text auswendig: „Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus, Städtele hinaus und du mein Schatz bleibst hier.“
Gemeinsam in Stille
Während die anderen singen, bleibt ein Bewohner in der Tür stehen und schaut zu. Der Alltag von Dieter Gmelin verläuft größtenteils in Stille. In Stille sitzt er am Esstisch. In Stille geht er den Gang entlang und nimmt neben Doris Veiel auf dem roten Sofa Platz. Eine Pflegerin geht vor ihm in die Hocke, legt ihm eine Hand aufs Knie. „Guten Tag, wie geht es Ihnen heute?“ Seine Stimme ist leise und brüchig. Doris lehnt sich zu ihm rüber, sie möchte ihn verstehen. Dann kneift sie die Augen ein wenig zusammen. Sie versteht ihn nicht. „So Herr Gmelin, ich wollte Ihnen nur ein Lächeln entlocken, und das ist mir gelungen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Die Pflegerin verabschiedet sich und geht weiter.
Seine graublauen Augen blicken aus dem Fenster, dann schüttelt er leicht den Kopf und versucht einen Fleck von seiner Hose zu reiben. „Der Verlauf einer Demenz ist unaufhaltsam“, erklärt Birgit Kohlweiler. „Und selbst eine Grippe kann den Prozess erheblich beschleunigen.“
Laut Konstantin Lekkos sei es für Angehörige oft schwer, diesen schleichenden geistigen Abbau eines erwachsenen Menschen mitanzusehen. Deshalb zögen sich manche aus dem persönlichen Kontakt zurück. Dabei sei emotionale Einbindung das Wichtigste.
Freiraum und Fürsorge
Im Gradmann Haus sollen sich die Bewohnenden geborgen fühlen. Ihre Bedürfnisse haben oberste Priorität. Nur die Essenszeiten geben einen Rahmen: Frühstück zwischen acht und zehn, dann Mittagessen, Kaffee und Kuchen um drei, und abends wird gevespert. Dazwischen wird gesungen, gerätselt, Klavier gespielt oder die Hasen im Innenhof besucht. Mitmachen darf, wer möchte. Besonders Musik, Gerüche, Berührungen und alles, was mit Emotionen verbunden ist, seien starke Reize fürs Gehirn, so Lekkos. Denn an emotionale Momente erinnerten sich Menschen am besten.
"An emotionale Momente erinnern sich Menschen am besten."
„Wir duzen viele, denn manche identifizieren sich mehr mit ihrem Vornamen“, erzählt Birgit Kohlweiler. So sei Doris Doris. Und wenn Doris gekuschelt werden wollte, dann würde sie gekuschelt werden. „Es ist wie ein Familienersatz. Professionelle Distanz lässt sich nicht immer halten.“ Freunde und Familie waren Doris schon immer wichtig. Auch heute noch spricht sie oft von ihrer Mutter oder ihrem Bruder, mit ihm müsse sie sich später noch treffen. „Dann gehen wir Kaffee trinken oder in einen neuen Laden, wenn es da irgendwas Interessantes gibt. Oder auch die üblichen Sachen. Wir machen nichts Weltbewegendes. Der kommt nachher her.“ Wenn ihr Sohn vorbeikommt, freut sie sich.
Später betrachtet sie ein Foto von sich. „Wie sieht das denn aus?“ Sie schüttelt den Kopf. Ein anderes Bild gefällt ihr besser, darauf ist sie mit der Heimfürsprecherin Margarete Rudolph zu sehen. „Das mit Ihnen, das ist schön“, sagt sie. Als Margarete Rudolph über Politik spricht, hört Doris Veiel aufmerksam zu. „Das kann ich kaum glauben, dass es das auf dieser Welt gibt.“ Ein Funkeln liegt in ihren Augen.
Sie bleibt am Tisch sitzen. Mal redet sie, mal schweigt sie. Mal beschwert sie sich, mal lacht sie. Denn, wie man die Gemeinschaft hier auch nennt, Doris Veiel findet: