Mit offenen Augen 3 Minuten

Wie viel Kultur passt in eine S-Bahn?

Auf dem Bild ist eine S-Bahn von innen zu sehen. Man sieht eher die Decke der S-Bahn und Sitzplätze, die zum Teil mit Menschen belegt sind.
Während die Bahn rollt, laufen unausgesprochene Verhandlungen über Sitzplätze, Stille und Abstand. | Quelle: Mia Röhm
13. Jan. 2026

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, erscheint Kleines viel bedeutsamer. In dieser Kolumne geht es um kleine Dinge, die uns dazu bringen, uns mit den ganz großen Fragen zu beschäftigen – oder einfach mit uns selbst und unserem Leben. Diesmal: Aufmerksames S-Bahn-Fahren offenbart überraschend viel Kultur.

Piep. Die Türen gehen auf. Müde, aber hoffnungsvoll, steige ich in die S-Bahn und starte mein tägliches Ritual – die Suche nach einem freien Vierer. Am liebsten der erste nach den Fahrradplätzen. Besetzt. Ich laufe also weiter und scanne die Sitzreihen ab wie ein hochmotiviertes Trüffelschwein, das zwischen Jackenärmeln und Rucksäcken nach dem seltenen Sitz-Gold schnüffelt. Ohne Erfolg. Alle Vierer sind bereits mit mindestens einer Person belegt. Ich muss mich also entscheiden: Setze ich mich zu jemandem, oder bleibe ich stehen? Rechts sitzt ein bärtiger, älterer Mann, der aussieht, als hätte er gerade eine Netflix-True-Crime-Serie über sich selbst beendet. Ich ertappe mich, wie ich über meine Mitmenschen urteile, und erschrecke darüber, wie mein Gehirn die Menschen um mich herum direkt in Schubladen steckt. Nicht aus böser Absicht, eher wie ein zu motivierter Praktikant, der unbedingt Ordnung schaffen will – praktisch, aber moralisch anstrengend. Umso wichtiger, das immer wieder zu hinterfragen und dagegen anzukämpfen. 

Kultur, Komfortzonen und die Sitzplatzsuche

Kaum bin ich drei Meter gelaufen, wird mir klar, wie lächerlich ernst ich dieses Platzwahl-Thema nehme. Es ist egal, neben wen ich mich setze, ich steige ohnehin gleich wieder um. Trotzdem verhalte ich mich, als hinge mein Leben davon ab. Warum?
Vielleicht liegt es an meiner Kultur. Menschen bemühen sich, 0,5 bis 1,5 Meter Wohlfühlabstand einzuhalten. In Deutschland, aber auch in Nordamerika und England, bemüht man sich eher um 1,5 Meter Personal Space. In Südamerika oder Spanien hingegen, wird man zur Begrüßung direkt in den persönlichen Nahbereich katapultiert, zwei Küsschen inklusive. Für viele Deutsche emotional vergleichbar mit einem Bungee-Sprung. Vielleicht fühlt sich dieses Neben-Fremde-Setzen deshalb oft so an, als würde man in ein fremdes Wohnzimmer spazieren und sich kommentarlos auf die Couch setzen. Und vermutlich schauen wir deshalb oft reflexartig weg, wenn wir jemanden entdecken, der einen Platz sucht. Eine weitere renommierte Taktik ist das Mit-dem-Rucksack-den-Nebenplatz-Markieren, um den eigenen Personal Space zu schützen. 
Natürlich setzen wir uns trotzdem manchmal zu Fremden, mit einem Platz Abstand – im Idealfall schräg gegenüber. Eine Ausnahme bildet der 7.30-Uhr-Zug, der keine Wahl lässt: Entweder man stürzt sich in den Nahbereich der Mitfahrenden, oder man bleibt draußen. 

Stille ist Gold

Mittlerweile bin ich durch den ganzen Wagon gelaufen und bei den Fahrradplätzen am anderen Ende angekommen. Ich halte inne und lehne mich an die Glasscheibe, die die Vierer vom Türbereich trennt. Eine Jugendliche schaut laut TikToks, ihr gegenüber sitzt eine ältere Dame, in der Hand eine Zeitung. Sie hebt die Augenbrauen, seufzt und bittet das Mädchen schließlich, den Ton auszustellen.
Erst jetzt fällt mir auf, wie still es ist, abgesehen von dem rhythmischen Rattern der Bahn auf den Schienen und leisem Gemurmel. In anderen Ländern wäre das undenkbar. In paraguayischen Bussen zum Beispiel ist die Geräuschkulisse eine Symphonie aus Klingeltönen und Sprachnachrichten. TikToks schaut jeder laut, wer Musik hören möchte, beschallt auch gleich die anderen damit. Als mein paraguayischer Freund das erste Mal in Deutschland war, beeindruckte ihn diese Stille. Er empfand das als respekt- und rücksichtsvoll. 

„Nächste Station: Österfeld“, sagt die mechanische Stimme. Noch eine Station. Es lohnt sich nicht mehr, nach einem Platz zu suchen. Ich bleibe stehen und merke: Hier hat sich gerade ein Soziologieseminar abgespielt.
Erstaunlich, wie viel Kultur in eine S-Bahn passt.