Wartemomente: Ich warte, also bin ich (deutsch)
Es ist 6:40 Uhr. Viel zu früh, aber mein Zeitmanagement glänzt wie ein frisch polierter Schuh. Ich gehe zur „cocinita“, der kleinen Gemeinschaftsküche, in der wir zusammen frühstücken wollen. Seit ich hier in Paraguay bin, ist sie mein emotionaler Rettungsanker. Sie hat etwas Heimeliges, nur mit mehr Ameisen und weniger Brotaufstrichen. 6:45 Uhr hatten wir gesagt. Die Luft ist schwül und es riecht nach Natur, nach Paraguay. Ich setze mich auf die kleine Stufe vor dem Eingang und warte.
Kultursache oder eine Sache der Sprache?
Im Ankunftsseminar hatten sie es uns eingebläut: Verabredungen in Paraguay sind… flexibel. Dehnbar. Vielleicht sogar eher optional. Eine Stunde Verspätung? Normal. Nicht erscheinen? Passiert. Und während ich hier sitze, fällt mir auf, dass das vielleicht nicht nur mit Kultur, sondern auch mit der Sprache zu tun haben könnte. Viele Menschen hier sprechen Guaraní – eine indigene Sprache, in der Zeit weniger als strenge Abfolge gedacht wird, sondern eher als fließendes Etwas, das man mit Präfixen, Suffixen und viel situativem Kontext einfängt. Mir fällt auf, dass Geschichten von Guaraní-Muttersprachler*innen häufig im Präsens erzählt werden, nah am Hier und Jetzt. Vielleicht lebt man deshalb auch eher hier und jetzt, und weniger im „Um 6:45 musst du aber da sein!“.
Für mich ist genau das das Schöne am Reisen und Sprachenlernen: Es gibt Theorien darüber, dass jede Sprache ein bisschen am eigenen Weltbild herumschrauben könnte – als würde sie einem eine Brille zuschieben, durch die die Wirklichkeit ein bisschen anders aussieht.
Zwischen FOMO und Verlässlichkeit
Ich sitze noch immer auf der Stufe und warte. Langsam beginnt die Hitze und ich fange an zu schwitzen. Während ich da so sitze, frage ich mich, warum Pünktlichkeit eigentlich so wichtig für mich ist.
Ich denke, das liegt daran, dass ich fast schon mit einem religiösen Verhältnis zu Pünktlichkeit groß geworden bin. Für mich hat sie etwas Beruhigendes: ein Versprechen, ein kleines Ritual der Zuverlässigkeit. Pünktlichkeit heißt für mich: Ich nehme dich ernst. Ich sehe deine Zeit. Vielleicht übertreibe ich, aber in meinem Kopf hat starkes Zuspätkommen eine kleine dramatische Note, als würde jemand mitten im Staffelfinale einer Serie das WLAN ausstecken.
Und gleichzeitig ist sie mein persönlicher Kontrollfaden im Alltag. Wenn ich weiß, wann ich wo sein muss, dann hat die Welt Struktur. Und wenn ich pünktlich bin, dann fühle ich mich ein bisschen wie eine gut geölte Maschine, die einfach funktioniert. Bis ich eben in Paraguay lande und feststelle, dass hier niemand nach meinem deutschen Getriebe gefragt hat.
Allerdings merke ich auch, dass ich mit meinem Festhalten an Pünktlichkeit selbst in Deutschland langsam zur Exotin werde. Während ich schon nervös werde, wenn ich erst fünf Minuten vor der Zeit ankomme, – statt einer halben Stunde vorher – leben manche eher nach der Art: Vielleicht komme ich, vielleicht auch nicht – wir lassen das Leben entscheiden.
Schlechtes Wetter? Dann war es wohl nicht meant to be.
Die Beziehungsperson kann doch? Wer könnte da Nein sagen?
Es kommt Fußball? Ja gut, da muss man Prioritäten setzen.
Vielleicht ist das aber auch eine Krankheit unserer Zeit, ausgelöst durch Smartphones und soziale Medien, die die Möglichkeit bieten, ständig vernetzt und erreichbar zu sein. Es könnte sich jederzeit noch etwas Besseres ergeben.
Ausgewartet
Ich höre Schritte, die mich aus meinen Gedanken reißen. Reflexartig schaue ich hoch und da ist sie. Seelenruhig kommt sie mir entgegengeschlendert, als wäre sie in einer anderen Zeitzone unterwegs. Es ist 7.30 Uhr. Ich hätte mindestens eine halbe Stunde länger schlafen können!
„Oh, du bist aber früh“, sagt sie.
Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
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