Wer gibt den Beat an?

Leonie Loredana Requardt

Wer gibt den Beat an?

Leonie Loredana Requardt

„Produzentinnen gibt es in meinem Umfeld kaum. Ich finde das erschreckend.“ Produzentin Leo

Leonie Loredana Requardt

„Produzentinnen gibt es in meinem Umfeld kaum. Ich finde das erschreckend.“ Produzentin Leo

Leonie Loredana Requardt

Googelt man nach „bekannten Musikproduzent*innen”, erscheinen Namen wie George Martin, Quincy Jones, Jack Antonoff, Rick Rubin und Max Martin. Warum sind Frauen in der Produktionsbranche so unterrepräsentiert?

Googelt man nach „bekannten Musikproduzent*innen”, erscheinen Namen wie George Martin, Quincy Jones, Jack Antonoff, Rick Rubin und Max Martin. Warum sind Frauen in der Produktionsbranche so unterrepräsentiert?

Leo sitzt im großen Mischtonstudio und wartet auf ihren Kunden. Ein Mann steckt seinen Kopf durch den Türspalt und verschwindet wieder. Wenige Minuten später öffnet sich die Tür ein zweites Mal. Beim dritten Mal fragt sie ihn schließlich: „Was geht?“ „Ich warte auf den Sounddesigner, der heute die Produktion mit mir fährt“, antwortet der Mann. „Huhu!“, begrüßt ihn Leo. Doch ihr Kunde beharrt weiter: „Nein, ich warte auf den Sounddesigner.“ „Das bin ich“, erwidert Leo. Stille.

Leonie (Leo) Loredana Requardt ist Musikerin und Produzentin aus Stuttgart. Die Erfahrung ist eine von vielen, die sie als Frau in einem männerdominierten Beruf gemacht hat. Zunächst machte sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton. Heute arbeitet sie unter anderem in der Film- und Werbevertonung, im Sounddesign und als Synchronsprecherin. Außerdem ist sie Produzentin ihrer eigenen Band „KEINE REVOLTE“. Leo empfindet die Gender-Ungleichheit in der Produktionsbranche als immens. Auch eine Studie zur Vielfalt und Inklusion in der populären Musikindustrie zeigt, dass Produzentinnen unterrepräsentiert sind. So waren lediglich 2,9 Prozent der Nominierten in der Grammy-Kategorie „Producer of the Year“ zwischen den Jahren 2013 und 2025 weiblich. Auch die Netzwerkanalyse unseres Kollaborationsnetzwerks aus Produzent*innen und Künstler*innen im Grammy-Zeitraum von 1965 bis 2025 lässt eine ungleiche Geschlechterverteilung in der Musikbranche erkennen. 

Victoria Monét ist die Produzentin mit den meisten Verbindungen im Netzwerk. | Quelle: Paula Mader

Startpunkt der Datenerhebung waren die bekannten Produzenten Rick Rubin und Max Martin, sowie deren Kollaborationen mit Sänger*innen und weiteren Produzent*innen. Erfasst wurden hierfür Alben, die für einen Grammy nominiert oder ausgezeichnet wurden. Bei diesen Grammy-Alben waren nur 13 der 298 beteiligten Produzent*innen weiblich. 

People’s Business

Netzwerke sind von zentraler Bedeutung in der Musikbranche, um Arbeitsaufträge zu erhalten, Auftritte zu geben und sich finanziell abzusichern. „Die Musikindustrie ist auf jeden Fall ein People’s Business“, sagt Kulturarbeiterin und Autorin Rike van Kleef. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Musikindustrie setzt sie sich mit Herausforderungen für FLINTA*-Personen in der männerdominierten Branche auseinander. 2023 veröffentlichte sie ein Buch über die Machtverhältnisse und Geschlechterungleichheiten in der Musikszene. Zudem ist sie Mitgründerin des Vereins „faemm”, der sich für gerechte Strukturen in der Branche einsetzt. Gerade weil viele Akteur*innen freiberuflich oder selbstständig arbeiten, würden Netzwerke eine große Rolle spielen. DJ und Produzent Jakob Mäder bestätigt: „Viel läuft über Empfehlungen und persönliche Kontakte.“ Er arbeitet beim Pop-Büro Region Stuttgart, einer Fördereinrichtung für Popmusik, und organisiert unter anderem FLINTA*-DJ- und Producing-Workshops. 

Was bedeutet FLINTA*?

FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen. Der Genderstern am Ende von „FLINTA” bezieht auch andere Geschlechtsidentitäten und -ausdrucksformen ein, die in den vorherigen Buchstaben nicht ausdrücklich genannt werden. Der Begriff bezeichnet Personen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität von patriarchaler Diskriminierung und Sexismus betroffen sind.

Quelle: Friedrich-Alexander-Universität (FAU) – Büro für Gender und Diversity

An Leo und Rapperin Mausi G zeigt sich, wie unterschiedlich Netzwerke entstehen können.

Leos Vater ist Musiker und Produzent. „Ich wurde in die Branche reingeboren“, erzählt sie.

Leonie Loredana Requardt

Leos Vater ist Musiker und Produzent. „Ich wurde in die Branche reingeboren“, erzählt sie.

Leonie Loredana Requardt

Ihr Netzwerk baute sie zunächst über das Tonstudio ihres Vaters und das damit verbundene Umfeld auf. Später wuchs ihr Netzwerk durch eigene Musik und die Zusammenarbeit mit anderen Produzent*innen weiter. Mausi G wurde dagegen vor allem durch persönliche Empfehlung und Social Media sichtbarer. Früher produzierte sie ihre Songs unter einem anderen Namen selbst. Heute übernehmen andere diesen Part, während sie die Texte ihrer Songs schreibt. Ein Kommentar unter einem Aufruf zur Suche nach FLINTA*-Rapperinnen führte schließlich dazu, dass sie für ein Event eingeladen wurde. „Social Media ist ein riesiges Sprungbrett, auch wenn ich es gerne mal meide. Man findet dort Inspiration und Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte.“ Für FLINTA*-Personen bieten soziale Medien die Möglichkeit, bestehende Machtstrukturen in der Branche teilweise zu umgehen. Van Kleef erklärt, dass Plattformen wie Instagram oder TikTok dazu beitragen könnten, dass einzelne Akteur*innen weniger stark darüber entscheiden, welche Künstler*innen sichtbar werden und Zugang zu Auftritten oder Reichweite erhalten.

Where Them Girls At?

„Sehr viele Booker und Kollegen sind männlich – und vor allem die, die laut sind und die, die schnell auffallen, sind oft männlich“, erzählt Jakob. Ein Problem sieht Jakob darin, dass eine Struktur entstehe, in der vor allem Männer sich gegenseitig kennen und für Auftritte weiterempfehlen. Offene Ausschlüsse gebe es dabei selten: „Niemand sagt: Du spielst nicht bei mir, weil du eine Frau bist. Aber die Subtexte oder Zeichen sagen ein bisschen was anderes“, erklärt er. Gerade im Bereich der elektronischen Musik würden nach wie vor Vorurteile existieren, dass Musik von Frauen „softer“ klinge. Auch in unserem Grammy-Netzwerk sind Produzenten sichtbarer als Produzentinnen. Die Männerdominanz in der Produktionsbranche zeigt sich vor allem in der Anzahl ihrer Kontakte.

Die Geschlechterunterschiede im Netzwerk werden deutlich: Während Max Martin 201 Verbindungen aufweist, kommt Victoria als bestvernetzte Produzentin nur auf 60. | Quelle: Paula Mader

Im direkten Vergleich ist zu erkennen, dass die führenden Produzenten mehr Kooperationen haben als die Top-Produzentinnen. So besitzt der Top 5 Produzent Ali Payami 30 Verbindungen mehr als die Top 1 Produzentin Victoria Monét. Max Martin nimmt mit den meisten Verbindungen im Netzwerk eine Schlüsselposition ein. Die Ergebnisse spiegeln die ungleiche Geschlechterverteilung in der Musikproduktion wider. Auch Leo erlebt diese geringe Sichtbarkeit: „Produzentinnen gibt es in meinem Umfeld kaum. Ich finde das erschreckend.“ Es fehle an weiblichen Vorbildern, Austauschmöglichkeiten und Zugängen zu technischen Musikberufen. Die geringere Präsenz von FLINTA*-Personen führe gleichzeitig dazu, dass weibliche Personen stärker verglichen und bewertet werden.

„Wir brauchen keine zweite Ikkimel“, entgegnete ein Mann der Rapperin Mausi G.

„Wir brauchen keine zweite Ikkimel“, entgegnete ein Mann der Rapperin Mausi G.

Leo beschreibt, dass Akteurinnen oft „auf die Goldwaage gelegt“ werden, sobald sie Erfolg haben. Während männliche Akteure selbstverständlich Teil der Szene seien, werde bei Frauen übermäßig auf einzelne Durchbrüche geachtet. 

Kein „Berlin Calling“ für Frauen?

Leo hatte zu Beginn ihrer Karriere keine weiblichen Vorbilder in der Produktionsszene. „Die kamen erst später, weil es so wenige gibt, gerade in meinem Genre“, erinnert sie sich. Für Mausi G dienten eher Künstlerinnen wie Doja Cat oder Ikkimel als Vorbild. Dagegen gibt es in der Produktionsbranche viele männliche Vorbilder. Zum Beispiel hatte der Film „Berlin Calling“ mit Paul Kalkbrenner in der Hauptrolle Jakob inspiriert, selbst in die Branche einzusteigen. In der gesamten Musikbranche gibt es zwar mehr weibliche Vorbilder als in der reinen Musikproduktion, allerdings sind Frauen mit einem Anteil von etwa 19 Prozent auch hier unterrepräsentiert. Was die Sichtbarkeit von Sängerinnen auf Festivalbühnen angeht, zeigt sich aber bereits eine positive Entwicklung.

Sichtbarkeit für FLINTA*-Personen

Wie gelingt es, diese Aufwärtsentwicklung zu mehr Sichtbarkeit von FLINTA*-Personen in der Branche weiter voranzutreiben? Laut Van Kleef bräuchte es zunächst mehr Sensibilität: „Ich glaube, dass wir bestimmte Probleme und Strukturen nur reduzieren können, wenn sich Menschen darüber bewusst sind, dass es Probleme sind und es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.“ Um mehr FLINTA*-Perspektiven zu beleuchten, sei das jedoch nicht genug: „Das passiert über das Schaffen von Vorbildern und über Nachwuchsförderung, beispielsweise an Musikschulen oder so etwas wie den Female* Producer Prize.“ Der Preis wurde ins Leben gerufen, um deutschlandweit FLINTA*-Musikproduzent*innen zu fördern und mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Neben bundesweiten Initiativen wie Music Women* Germany oder der Nichtregierungsorganisation „faemm“, gibt es auch regionale Angebote wie die des Stuttgarter Pop-Büros, die sich für eine gerechte Musikbranche einsetzen. „Ich würde sagen, dass es sich verbessert hat, auch weil FLINTA*-Personen sich dafür eingesetzt haben, dass es besser wird und man sich gegenseitig unterstützt”, meint Mausi G. „Wenn man sieht, da ist eine feministische Stimme, möchte man ihr Gehör schenken.“

Leos Kunde entschuldigt sich. „Er hat noch nie gesehen, dass da jemand mit einem langen Zopf an einem riesigen Pult sitzt“, beendet sie ihre Anekdote. Für Leo bleibt diese Erfahrung im Gedächtnis. Es ist eine Erinnerung daran, dass sich Produzentinnen immer wieder gegenüber ihren männlichen Kollegen beweisen müssen.

Für dieses Projekt haben wir ein Produzent*innen-Künstler*innen-Netzwerk erstellt. Hierfür wurden Grammy-Nominierungen und Grammy-Gewinne von Alben ausgehend von Rick Rubin und Max Martin im Zeitraum von 1965 bis 2025 erhoben. Die Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Daten, unter anderem von grammy.com, spotify.com sowie soundcamps.com

Der Datensatz und das zugehörige Codebuch sind hier einsehbar.