Mit offenen Augen 3 Minuten

Mood Mode – Gefühle zum Anziehen

drei verschiedene Outfits: baggy, chic, business
Wie will ich heute sein? | Quelle: Nora Greß
20. Jan. 2026

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, erscheint Kleines viel bedeutsamer. In dieser Kolumne geht es um kleine Dinge, die uns dazu bringen, uns mit den ganz großen Fragen zu beschäftigen – oder einfach mit uns selbst und unserem Leben. Diesmal: Warum die Wahl zwischen baggy, chic und business oft mehr als eine Stilfrage ist.

In fünf Minuten muss ich los. Mein Zimmer sieht aus wie der Kleider-Kollateralschaden einer Modenschau. Eigentlich lächerlich für eine einfache Uni-Präsentation. Doch kein Outfit fühlt sich richtig an. Die dunkle Baggy-Jeans und der warme Wollpulli sind zwar bequem, aber vielleicht zu lässig? Ich möchte souverän wirken, ohne im Business-Look aufzukreuzen. 

Warum fühlt sich diese Entscheidung so wichtig an? Vielleicht, weil meine Outfit-Wahl nur auf den ersten Blick zufällig wirkt. In Wirklichkeit spiegelt sie fast immer wieder, wie ich mich gerade fühle. An selbstsicheren Tagen spiele ich Stylistin und probiere neue Kleidungskombinationen aus. An Selbstzweifeltagen flüchte ich mich instinktiv ins Rettungs-Outfit. Mein Selbstvertrauen sortiert meine Outfits schneller, als ich es je könnte. Am Ende ist die Frage nicht „Was ziehe ich an?“, sondern „Wie will ich mich fühlen?“.

Kleider machen Laune

Für mich hat jedes Outfit einen eigenen Charakter. Manchmal schlüpfe ich einfach in die vorgegebene Rolle hinein. Eine Baggy-Hose beispielsweise verändert sofort die Schwerkraft. Plötzlich ist alles ein bisschen lockerer, meine Schultern rutschen tiefer, meine Schritte werden länger. Niemand kann mir etwas anhaben. Die musternden Blicke der Männer des benachbarten Friseursalons prallen an mir ab wie Flummis an Beton. Mit der passenden „Du kannst mir gar nichts“-Musik im Ohr fühle ich mich fast wie die Hauptperson in einem 2000er-Tanzfilm. Gerade wenn ich HipHop tanze, kann mein Outfit nicht weit genug sein. In einer engen Leggings würde ich mich eher in die nächste Ecke verkriechen als eine Solo-Performance aufs Parkett zu legen. Es gilt: Je lockerer meine Hose, desto größer mein Selbstbewusstsein.

Bei wichtigen Terminen dreht sich dieser Effekt um. Eine tiefsitzende Hose und ein XL-Shirt wären bei einem Vorstellungsgespräch so fehl am Platz wie ein schickes Abendkleid beim chilligen Netflix-Abend. In einer Anzughose und Bluse dagegen trete ich nicht nur nach außen seriöser auf, sondern fühle mich auch selbst professioneller. Meine gesamte Haltung verändert sich – als hätte ich mein Leben tatsächlich im Griff. 

Psychologie à la Kleiderschrank

Verschiedene Outfits verleihen mir also verschiedene Gefühle. Forscher*innen sprechen auch von dem Begriff „enclothed cognition“. Die Idee dahinter: Kleidung beeinflusst nicht nur, wie andere uns sehen, sondern auch, wie wir selbst denken, fühlen und handeln. Entscheidend ist dabei, welche symbolische Bedeutung wir dem Kleidungsstück zuschreiben. Wir ziehen uns also nicht nur einen Stoff an, sondern oft auch eine Rolle. Diese hilft manchmal dabei uns selbstbewusster fühlen, manchmal um uns anzupassen oder auch zu verstecken. Ob es der Lieblingspullover für Selbstzweifeltage ist, das gebügelte Hemd für wichtige Termine oder der Schlabberlook, der uns sofort in den Wochenendmodus versetzt. Es ist faszinierend, wie sehr Kleidung nicht nur zeigt, wie man sich fühlt, sondern auch, wie man sich fühlen will. Vielleicht nimmt man die Freiheit, zwischen Outfits und Stimmungen entscheiden zu können, viel zu selten als das wahr, was sie ist: ein Privileg. 

Ich lasse die Baggy-Jeans auf die Kleiderberge zurückplumpsen. Heute brauche ich etwas Ernsthafteres. Meine schwarze Anzughose scheint mir eine gute Wahl: schick, klassisch, professionell. Den bequemen Wollpulli behalte ich an. Ein Rest Komfort bei der Präsentation kann nicht schaden. Mit dem richtigen Outfit bahne ich mir endlich einen Weg durch das Kleiderchaos zur Tür.   

Lust auf mehr kleine Momente?

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„Gesundheit“ – aber ich bin doch gar nicht krank!

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