Musiktext-Kolumne 3 Minuten

Im Dunkel der eigenen Träume

Person mit Kapuze liegt auf dem Rücken im Bett, streckt die Hand nach oben während sie von schwarzen Schatten umringt wird.
Für mich können Träume Türen zu unvorstellbaren Welten öffnen und sie im nächsten Moment hinter einem zuschlagen. | Quelle: Leonie Bosbach
11. Juni 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Die Jungs von Electric Callboy behandeln in ihrem Song „Revery“ die Düsternis, in der sich Träume verfangen können. 

Wie so oft liege ich abends wach und wandere durch meine Gedanken. Dort erschaffe ich mir eine ganz eigene Welt, fernab der Realität. Heute bin ich in den Tiefen des Weltalls unterwegs, ein einsamer Sternenfahrer in den unendlichen Weiten. Denn Träume sind der Ort, an dem alles möglich ist. Ich brauche sie zum Abschalten und den Stress des Alltags hinter mir zu lassen. Passend dazu kommt mir der Song „Revery“ meiner Lieblingsband Electric Callboy in den Sinn. Dort heißt es: „Revery. You took the loneliness away from me“. Ich kann das Alleinsein aus meinem Bett heraus überwinden. Schon fliege ich mit Lichtgeschwindigkeit von Planet zu Planet und versinke in den galaktischen Abenteuern meiner Fantasie. Eigentlich eine ganz schöne Vorstellung. Aber was wäre, wenn ich mich so sehr in meine Träume flüchte, dass ich den Bezug zur eigentlichen Wirklichkeit verliere? Was, wenn Tagträume zu Albträumen werden? 

Die unsicheren Tiefen der Fantasie

In selbst geschaffenen Welten kann ich sein, wer ich will. Jemand ganz anderes, als ich im realen Leben bin. Das hilft mir nicht nur beim Einschlafen, sondern auch dabei, mich nicht einsam zu fühlen. Wenn ich zwischen den Sternen in meinem Raumschiff umherreise, vergesse ich, dass ich eine Stunde zuvor noch vom Unistress und dem Alleineklarkommen überfordert war. Es ist wichtig, fantasievoll zu sein und dem Verstand freien Lauf zu lassen. Aber manchmal geht der Verstand zu weit. Je tiefer ich in ihn eintauche, desto mehr lasse ich meine Ängste hochkommen. Jetzt kämpfe ich nicht mehr mit außerirdischen Kreaturen, sondern drifte ab in die Vorstellung, im Studium zu versagen und im eigenen Leben keinen Fuß fassen zu können. Bei Electric Callboy heißt es: „I steal all your dreams, I feed on the light, I drown your mind in the dark.“ Gedanken und Gefühle, mit denen wir uns in unsere Träume bewegen, können auch sehr düster werden, wenn sie sich durchsetzen. So, dass man meint, man komme nicht mehr heraus. Jetzt stürze ich in ein Loch aus Angst und Selbstzweifeln. Das Raumschiff ist längst verschwunden.

„I steal all your dreams, I feed on the light. I drown your mind in the dark.“
Electric Callboy

Träume helfen einem zwar, sowohl Wünsche als auch Ängste zu bewältigen. Manchmal tauche ich absichtlich in Fantasiewelten ein, um nicht daran zu denken, was mich eigentlich im Hier und Jetzt gerade belastet. Ich liebe die Zeit, die ich in meinem Verstand abseits der Realität verbringen kann, aber wie viel Zeit dort ist genug, um sich nicht alleine zu fühlen, bevor man sich zu sehr in seine Träume stürzt und sie von Ängsten übernommen werden? 

Kampf mit den eigenen Albträumen

Mitten in der Nacht wache ich auf, verwirrt und verunsichert. Zum Glück war das alles nur ein Traum. Ich denke an die Zeilen gegen Ende des Liedes. Sänger Kevin Ratajczak schreit sie nach dem Breakdown unkontrolliert heraus. Viel zu aggressiv für ihren positiven Inhalt, aber das kenne und liebe ich an Electric Callboy auch so sehr. Er singt davon, sich zu wehren und gegen die Albträume anzukämpfen. „Cause I'll be fighting you. You will never own me. Cause I'll be fighting you back.“ Leichter gesagt als getan. Ich lasse mich wieder in meinen Verstand versinken und fokussiere mich nur noch auf die Fantasie. Alle anderen Gefühle haben jetzt Pause. Denn es ist wichtig, sich auch mal von der oft schwierigen Realität zu lösen. Aber man sollte sich nicht darin verlieren, sodass man Platz für Albträume macht. Jeder hat das Recht auf ein wenig Fantasie, und sie in Träumen lebendig werden zu lassen, kann die schlimmsten Probleme bewältigen.

„Cause I'll be fighting you. You will never own me. Cause I'll be fighting you back. “
Electric Callboy

Langsam versetzte ich mich also wieder in meine Traumwelt und ziehe wieder los in den Weltraum, während der Chorus am Ende des Songs noch einmal den Refrain wiederholt. „Revery. You took the loneliness away from me. Don't wanna feel like a puppet. I see your leash, I'm gonna cut it“. Die Dunkelheit schwindet, aber man darf sich trotzdem von seinem Verstand nicht kontrollieren lassen. Denn wer die Kontrolle über seine Träume hat, der kann nicht nur besser schlafen, sondern auch leichter auf die manchmal unangenehme reale Welt blicken.

Electric Callboy - REVERY