Shame on me 3 Minuten

Es geht ums Prinzip

Bild von Handy mit Google Suchleiste
Manchmal ist der größte Gegner die eigene Suchleiste. | Quelle: Jolina Wagner
16. Juni 2026

Scham. Ein Gefühl, das wir alle nur zu gut kennen. Gerade in unseren Zwanzigern begegnet sie uns häufiger, als uns lieb ist. Manchmal mag Scham ihre Berechtigung haben, doch man sollte über Scham-Momente auch mal lachen dürfen. Heute: Der leidige Versuch, eine Diskussion zu gewinnen, die längst verloren ist.

Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich von meinem Handy auf. Mit siegessicherem Blick grinst er mich an. Mein größter Kritiker, mein Rivale, mein Papa. Dabei war ich mir so sicher. Mein Leben lang habe ich „And after all you are my one and all“ gesungen und nicht „after all you are my wonderwall“ wie Papa mir seit einer halben Stunde in einer hitzigen Diskussion erklären will. Aber so ist es, manchmal irre auch ich mich. Aber zugeben möchte ich`s nicht. 

Mein Stolz und ich

Das Problem, was mich und meine Irrquote angeht, ist, dass ich ein ziemlich sturer Mensch bin. Und das bringt mich von Zeit zu Zeit in unangenehme Situationen. Meistens in Diskussionen. Meistens mit Männern. Vermutlich liegt's daran, dass ich seit 22 Jahren von rechthaberischen Männern umgeben bin und mein Stolz mir verbietet, ihr Ego zu polieren, bloß weil sie mal wieder eine Diskussion gegen ein kleines, vorlautes Mädchen gewonnen haben. Egal zurück zum Thema. 

Laut, überzeugt und manchmal falsch

Also wenn ich eine Meinung habe, vertrete ich diese meist voller Überzeugung: wildes Gestikulieren, kritischer Blick, ein bisschen Geschrei. Ich versuche mich sogar immer in die andere Seite zu versetzen. Meistens ist halt nur meine die Richtige. Meistens... da liegt auch schon das Problem. Wenn dann doch mal der seltene Fall eines Irrtums eintritt (so selten ist das gar nicht), dann stellt sich die Frage: wie damit umgehen? Tja…

Google gibt mir die nötige Realitätsklatsche, bevor ich mich weiter blamiere. Wenn bei der Google-Suche nicht direkt nach dem Klick auf die Lupe eine Antwort im Gemini-Text steht, schleicht sich schon ein ungutes Gefühl ein. Ich scrolle, weiter nach unten. Ich überfliege Artikel, vorgeschlagene Fragen von Google, uuuuuund Scheiße. Vielleicht hätte ich doch nicht so wild mit den Händen fuchteln sollen. Jetzt zählt jede Sekunde. Wenn ich zu lange auf meinen Bildschirm schaue, merkt Papa, dass etwas nicht stimmt. Oder hat er es schon längst gemerkt? Schaut er deswegen so siegessicher? Wird er es gleich aussprechen? Jetzt gibt es drei Möglichkeiten: Erstens:  So tun, als hätte man einen halbwegs passenden Beleg gefunden, weiterdiskutieren und dann bei der ersten Gelegenheit mit „Es geht ums Prinzip“ möglichst schnell aus dem Raum fliehen; Zweitens: Dem Gegenüber zustimmen, kurz nicken, ein leises „Du hast Recht“ murmeln und dabei zusehen, wie sein Ego auf die maximale Größe anschwillt; Drittens: Keine Ahnung. Ich wähle immer Nummer 1.

Jetzt wird’s peinlich

Es wäre ja total peinlich jetzt zuzugeben, dass der andere im Recht ist. Aber wäre es das wirklich? Kommen wir nicht alle mal in die Situation, dass wir im Unrecht sind? Papa ist das bestimmt auch schon mal passiert. 

Ich weiß, wenn ich jetzt zugebe, dass ich im Unrecht bin, wird diese Situation mich wieder Tage lang verfolgen. Lüge, wahrscheinlich sogar Wochen, vielleicht sogar Monate. Ich sehe es schon vor mir: Nachts werde ich wach, pitschnass, ich zittere, der Alptraum meines Versagens hat mich wieder heimgesucht. Mein Gehirn spielt die Situation in Dauerschleife ab: Er sitzt da. Er hat Recht. Ich nicht. Immer wieder. Okay, jetzt habe ich ein bisschen übertrieben. Aber es wird mir wirklich noch lange peinlich sein. Wenn ich darüber nachdenke, verstehe ich ehrlich gesagt gar nicht, warum. Eigentlich passiert das doch allen. Alle liegen mal falsch. Ich offensichtlich auch. Und rational betrachtet wäre mein Leben deutlich entspannter, wenn ich einfach sagen könnte: „Okay, du hast Recht.“ Aber so weit bin ich noch nicht. Vielleicht irgendwann. Bis dahin bleibe ich lieber bei Nummer eins.