Maßregelvollzug 7 Minuten

"Ich sehe den Menschen, nicht nur das Delikt"

Carmen Anslinger im Einzelgespräch mit ihrem Patienten.
In diesem Büro behandelt Carmen ihre Patient*innen. (Bild hier nachgestellt mit ihrem Kollegen) | Quelle: Vanessa Bortmes
03. Juli 2026

Carmen begegnet täglich Menschen, vor denen viele lieber Abstand halten würden. In ihrem Alltag als Psychologin im Maßregelvollzug behandelt und betreut sie psychisch kranke Straffällige. Statt sie für ihre Straftaten zu verurteilen, versucht sie ihnen zu helfen. 

Mit einem leisen Piepen öffnet sich die schwere blaue Tür. Der Raum dahinter wirkt hell und karg. Mitten im Zimmer steht ein Patient. Er grinst kurz, bevor er plötzlich laut wird. Wenn man das erste Mal in einer solchen Situation dabei ist, weicht man instinktiv zurück, da sie für Außenstehende zunächst ungewohnt sein kann. Carmen Anslinger bittet ihn mit ruhiger Stimme, leiser zu sprechen. Nachdem dieser erneut lauter wird, willigt er ein. Sein Blick hängt fest an der jungen Psychologin. Sie und ihren Patienten trennen dicke Eisengitter. „Wie geht es Ihnen heute? Haben Sie gut geschlafen?“, fragt Carmen. Statt auf die Frage einzugehen, erzählt der Betroffene von sexuellen Handlungen, die er nach eigener Wahrnehmung an diesem Morgen erlebt habe. Für die 27-Jährige sind das normale Alltagsgespräche. Personen in Isolationszimmern besucht sie täglich. „Es ist wichtig, isolierte Patienten einmal am Tag zu sehen, sie haben sonst wenig andere soziale Kontakte“, erklärt die Expertin.

Wo Freiheit endet und Sicherheit beginnt

Carmen läuft, wie jeden Tag, über das Gelände des Klinikums Weissenhof. „Es fühlt sich an, als würde man durch eine kleine Stadt laufen“, beschreibt sie die historischen Gebäude zwischen den blühenden Wiesen. Das Klinikum am Weissenhof in der Nähe von Heilbronn behandelt und betreut psychisch kranke Menschen. Ein Gebäude fällt besonders auf. Statt blühender Natur umgeben hohe Zäune die Anlage. Die Fenster sind nicht mit Blumenkästen geschmückt, sondern mit wuchtigen Eisengittern. Das Gebäude dient dem Maßregelvollzug. Hier sind Straftäter*innen untergebracht, die an einer psychischen oder Suchterkrankung leiden. Die Psychotherapeutin in Ausbildung arbeitet seit einem Jahr hier und betreut derzeit acht Patient*innen.

Bundesweit existieren insgesamt 78 Maßregelvollzugs-Einrichtungen mit mehr als 13.000 Untergebrachten. Das Gebäude ist in zwei Bereiche unterteilt. Carmens Patient*innen, die Verbrechen aufgrund von psychischen Erkrankungen, wie etwa einer Schizophrenie, begangen haben (§63 des Strafgesetzbuches), leben räumlich getrennt von suchtkranken Straffälligen (§64 StGB). In beiden Fällen werden Patient*innen als nur teilweise schuldfähig oder als schuldunfähig verurteilt und in die jeweilige Einrichtung des Maßregelvollzugs unterbracht.

Häufige Krankheitsbilder bei Patient*innen nach § 63

Schizophrene Psychosen gehören zu den häufigsten Erkrankungen im Maßregelvollzug. Sie können sich beispielsweise durch Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder starke Stimmungsschwankungen äußern. Die Ursachen sind vielfältig und können unter anderem genetische Veranlagungen umfassen.

Persönlichkeitsstörungen entstehen häufig durch belastende Lebensumstände oder traumatische Erfahrungen, etwa Gewalt oder sexuellen Missbrauch. Betroffene haben oft Schwierigkeiten, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen sowie ihre Impulse zu kontrollieren.

Intelligenzminderungen können dazu führen, dass soziale Regeln und Grenzen anderer Menschen schwerer verstanden und eingehalten werden. Ursachen können angeborene Faktoren oder Schädigungen in frühen Lebensjahren sein.

Die Krankheitsbilder können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und teilweise gleichzeitig auftreten.

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Maßregelvollzug

Für Carmen stand schon lange vor ihrem Studium fest: Sie möchte hinter die Fassade eines Menschen blicken und verstehen, was Menschen beschäftigt. Gleichzeitig möchte sie sie dabei unterstützen, ihre psychische Erkrankung aufzuarbeiten und ihnen eine zweite Chance zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, absolvierte sie erfolgreich ihr Psychologiestudium mit anschließendem Master. „Mein Traum ist es, eine eigene Praxis zu eröffnen“, erzählt sie. Als Psychologin bringt Carmen bereits die fachliche Grundlage für die psychologische Diagnostik und Beratung mit. Um künftig auch eigenständig Psychotherapien durchführen und sich ihren Traum einer eigenen Praxis erfüllen zu können, meistert sie derzeit die Ausbildung zur Psychotherapeutin. Ein Jahr hat sie bereits geschafft, weitere vier folgen.

Der etwas andere Small Talk

Piep. Die Sicherheitstür öffnet sich und gibt den Blick auf den langen, weißen Flur frei. In der Luft hängt der leichte Geruch von Zigaretten. Immer wieder öffnet sich die Tür zum Raucherbereich. Der Flur führt zu einem großen Raum, in dem die Bewohner ihren täglichen Aufgaben nachgehen. Ein Patient wippt leicht hin und her, während Musik durch seine Ohren dröhnt. Ein anderer blättert in einem der Bücher, die gestapelt neben dem Sofa liegen. Die Patient*innen bewegen sich frei zwischen dem Personal. „Ich möchte gerne mit Ihnen nach Spanien, Frau Anslinger“, spricht sie ein Patient mit verwuschelten Haaren an. Ihre Mundwinkel zucken leicht nach oben. Teil ihrer morgendlichen Routine ist Small Talk mit den Patient*innen. 

„Als Psychologin baust du irgendwo immer eine persönliche Beziehung auf, es ist trotzdem wichtig, professionell zu bleiben.“ Für viele Patient*innen ist Carmen eine Art Bezugsperson. Viel Auswahl haben sie nicht. Neben ihren Mitbewohner*innen, dem Pflegepersonal, den Sozialarbeitenden und Ärzt*innen, sind die Psycholog*innen für viele Betroffene der einzige Kontakt. „Güzel insan“ nennt ein Patient sie liebevoll, im übertragenen Sinn beschreibt das einen herzensguten Menschen. „Ich versuche, den Menschen als Menschen zu sehen und nicht nur die Straftat“, erklärt sie. Trotz der Bindung, die man zu den Patient*innen aufbaut, sei es wichtig, die Straftat nicht aus den Augen zu verlieren, betont die Psychologin. 

„Ich versuche den Menschen als Menschen zu sehen und nicht nur die Straftat“
Carmen Anslinger

„Die Patienten sind aus einem bestimmten Grund hier. Auch im Hinblick auf den Sicherheitsauftrag für die Allgemeinheit, sollte man das nicht vergessen.“ Neben der Aufarbeitung der Straftat erstellen die Psycholog*innen Gutachten, beurteilen den Behandlungsverlauf und unterstützen die Patien*tinnen dabei, mit ihrer Erkrankung umzugehen.

Das Team bespricht die tägliche Übergabe.
Sechs Psycholog*innen betreuen zusammen über 40 Erkrankte. (Bild im Team hier nachgestellt)
Quelle: Vanessa Bortmes

Das Team, bestehend aus Sozialbetreuenden, Pflegenden, Ärzt*innen und Psycholog*innen trifft sich zweimal täglich für eine strukturierte Übergabe der Patient*innen. Gemeinsam werden die vergangenen Tage und wichtigen Momente jedes Erkrankten besprochen. Carmen erklärt, dass es vorkommen kann, dass Patient*innen vereinzelt versuchen, Unstimmigkeiten im Team zu nutzen, um als belastend empfundene Einschränkungen zu umgehen. Deshalb sei eine enge Abstimmung im multiprofessionellen Team essenziell, um sowohl die Sicherheit als auch den Therapieerfolg zu gewährleisten.

Worte, die Halt geben

Carmen öffnet ihrem Patienten die Tür zum Besprechungszimmer. In der letzten Übergabe wurde ein Streitgespräch zwischen ihm und seinem Mitbewohner thematisiert. Er schiebt seinen Stuhl mit einem leichten Quietschen nach hinten und lässt sich darauf fallen. Gemächlich beugt er sich nach unten und holt einen selbstgeschriebenen Brief aus seinem Aktenkoffer hervor. Seine Augen fangen an zu glänzen, während er von der Auseinandersetzung mit seinem Zimmernachbarn vorliest. Mit zittriger Stimme versucht sich der Betroffene zu erklären, wobei er langsam lauter wird. „Versuchen Sie sich zu beruhigen, ich höre Ihnen zu“, versichert die Psychologin. Seine Haltung entspannt sich und er fängt an, mit ruhiger Stimme weiterzusprechen. 

„Ich versuche, dem Patienten zu zeigen, dass ich sie verstehe“, erklärt Carmen. Einzelgespräche können auch zu einer Herausforderung werden, vor allem wenn Betreute einen emotionalen Ausbruch erleben. Die Psychologin verdeutlicht, wie wichtig es sei, dem Patienten das Gefühl zu geben, verstanden zu werden und an einer Lösung zu arbeiten. Für den Notfall ist sie verpflichtet, während des gesamten Aufenthaltes im Klinikum ein Telefon zu tragen. Dieses ist mit einem Alarmknopf und einer Reißleine versehen. Angst hat die 27-Jährige nicht: „Mittlerweile kenne ich meine Patienten sehr gut und kann einschätzen, wie ich mich verhalten muss.“ Doch das war nicht immer so: Besonders anfangs hatte sie Probleme, sich von ihrer Anspannung zu befreien. „Eine gewisse Behutsamkeit und Achtsamkeit ist immer wichtig.“ Und das nicht ohne Grund: Körperliche Übergriffe auf Mitarbeitende sind keine Seltenheit. Eine bundesweite Befragung von Maßregelvollzugseinrichtungen ergab, dass im Jahr 2020 durchschnittlich 19 körperliche Übergriffe auf Mitarbeitende pro Einrichtung dokumentiert wurden.

Maßregelvollzug: Ein reines Zuckerschlecken?

Carmen stören vor allem die vielen Vorurteile, die Unbeteiligte noch immer über den Maßregelvollzug haben: „Viele Außenstehende sind der Meinung, dass es für die Patienten ein ‚Zuckerschlecken‘ sei.“ Die Realität sieht jedoch meist ganz anders aus. Die Patient*innen sind auf unbestimmte Zeit untergebracht, das heißt sie wissen selbst nicht, wie lange sie im Klinikum bleiben werden. Ziel des Maßregelvollzugs ist es, die Gesellschaft zu schützen und das krankheitsbedingte Risiko weiterer Straftaten zu verringern. Gleichzeitig sollen die Betroffenen dabei unterstützt werden, verantwortungsvoll mit ihrer Erkrankung und ihrem Verhalten umzugehen. Einmal im Jahr wird im Team eine Legalprognose erstellt, in der einschätzt wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit ihre Patient*innen erneut straffällig werden könnten. Das Gericht entscheidet daraufhin, ob die betroffene Person weiter im Maßregelvollzug untergebracht werden soll oder auf eine gelockerte Station versetzt wird. Dabei betont Carmen, dass sie nicht dafür verantwortlich sei, über die Straftat zu urteilen. „Ich sehe den Menschen, nicht nur das Delikt.“ Das Delikt spielt im Maßregelvollzug dennoch eine zentrale Rolle und wird im therapeutischen Prozess aufgearbeitet. Ziel ist es jedoch nicht, die Patient*innen erneut zu verurteilen, sondern die Hintergründe der Tat zu verstehen.

Die Betroffenen bleiben durchschnittlich zwischen circa sechs und zehn Jahren im Maßregelvollzug, oft deutlich länger als in der Justizvollzugsanstalt. „Ich finde, das ist eine der härtesten Strafen“, betont Carmen. „Du kannst nie wissen, wann du letztlich rauskommst.“ Die gute Nachricht ist: Während circa jede zweite Person nach der Entlassung aus einer Justizvollzugsanstalt erneut straffällig wird, liegen die Rückfallquoten bei Maßregelpatient*innen deutlich niedriger. Ein wesentlicher Grund dafür ist auch die intensive Nachsorge. Die Weiterbehandlung erstreckt sich häufig über mehrere Jahre und umfasst neben therapeutischer sowie psychosozialer Unterstützung auch die Suche nach geeigneten Wohn- und Betreuungseinrichtungen.

So lange bleiben Betroffene nach §63 StGB im Maßregelvollzug. | Quelle: Weisser Ring Magazin 2023

Mit einem leisen Klicken rastet die Ausgangspforte ins Schloss. Der Tag draußen läuft weiter, für Carmen endet ein weiterer Arbeitstag. Für sie ist es ein Arbeitsplatz, für ihre Patient*innen ein Zuhause, aus dem sie nicht einfach hinausgehen können. Hinter den verschlossenen Türen bleibt der Wunsch nach Spanien für den Patienten mit den verwuschelten Haaren auf unbestimmte Zeit unerreichbar.