Musiktexte-Kolumne 3 Minuten

Was wir von Bäumen lernen können

Baumkronen im Herbst
Was wissen Bäume, was wir nicht wissen? | Quelle: Rebecca Kunz
17. März 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. „Blood upon the Snow“ von Hozier zwingt mich, darüber nachzudenken, warum ich mir selten im Leben das nehme, was ich brauche.

Ich liege in meinem Bett, begraben unter drei Decken, als müsste ich mich vor den harten Einflüssen der Außenwelt verstecken. Die Sonne kitzelt meine Nase und erinnert mich daran, dass der Tag längst begonnen hat. Es ist einer dieser Tage, die sich anfühlen, als würde man durch Zement waten, während über mir eine dunkle Regenwolke parkt, die einfach nicht weiterzieht. Ich drehe die Musik lauter, nicht aus Genuss, sondern in der Hoffnung, meine Gedanken zu übertönen. Erfolglos. Ich überlege eine befreundete Person anzurufen. Ich weiß, dass meine Freunde mir helfen würden. Sie würden mich aus dem Bett werfen, mir liebevoll in den Hintern treten und mich zurück ins Leben schubsen. Sie wären da. Und trotzdem zögere ich. Weil man sie doch nicht nur dafür nervt, oder?

Während ich eine vergebliche Diskussion mit meiner persönlichen Schlechtwetterwolke führe, ermahnt mich mein Handy schon zum dritten Mal, die Musik leiser zu stellen. Ich denke nicht einmal darüber nach. Während ich auf ein Quäntchen Energie warte, beginnt ein neues Lied: „Blood Upon the Snow“. Und dann kommt sie – die Zeile, die mich immer wieder erwischt:

„Trees deny themselves nothing that makes them grow“

Hozier

Ich habe sie sicher hundertmal gehört, und doch fasziniert sie mich jedes Mal. Die Botschaft ist schlicht und kraftvoll: Bäume verweigern sich nichts, was ihnen hilft, zu wachsen. Eine Erkenntnis, so simpel wie grundlegend. Natürlich nutzen Bäume – wie alle Pflanzen – alles, was die Umwelt ihnen bietet: Nährstoffe, Licht, Wasser. Kein neues Wissen, und trotzdem denke ich öfter über diese Zeile nach, als mir lieb ist.

Es ist diese leise, fast unbequeme Wahrheit: Für Bäume ist Wachstum kein moralisches Dilemma. Sie fragen nicht, ob jemand anderes das Licht dringender braucht oder ob ihre majestätischen Blätterkronen zu viel Raum einnehmen. Sie zögern nicht, die Nährstoffe zu nehmen, die sie benötigen. Ohne Schuld, ohne Rechtfertigung, ohne Grübeln. Ihr einziger Auftrag: leben und wachsen.

Die Weisheit der Bäume

Manchmal wünsche ich mir ein Stück dieser Weisheit. Mir einfach zu nehmen, was mir guttut – ohne schlechtes Gewissen. Mir zu erlauben, Ressourcen zu nutzen, von denen ich weiß, dass sie mir helfen. Die psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich jemand anderem den Platz wegnehme. Oder an Tagen, an denen mich meine persönliche Schlechtwetterwolke verfolgt, eine befreundete Person anzurufen, damit sie mir einen Regenschirm bringt. Wäre ich ein Baum, würde ich nicht zweifeln. Mein Ziel wäre klar: überleben und wachsen.

Für mich steckt in dieser Liedzeile kein „nur der Stärkste überlebt“. Sie lädt vielmehr ein, die Bedürfnisse jedes Einzelnen ernst zu nehmen, auch die eigenen. Auch Bäume tauschen Nährstoffe untereinander aus, damit jeder das bekommt, was er braucht.

Erkenntnise aus der Natur

Was könnte ich wohl für ein Baum sein, wenn ich mir genug zum Wachsen nehme? Ich sehe einen Baum mit langem Stamm und dicker Rinde, die mich vor äußeren Einflüssen schützt. Sie umhüllt mein verletzliches Inneres, durchzogen von feinen Rissen, die meine ganz eigenen Geschichten erzählen. Meine Wurzeln wären tief und weit verzweigt, fest im Boden verankert und verbunden mit meiner Umwelt, die mich mit allem Lebenswichtigen versorgt. Ich lerne, Hilfe anzunehmen, Pausen zuzulassen und nicht jede Jahreszeit oder jedes Gefühl zu bekämpfen. Vielleicht nisten ein paar Wildbienen zwischen meinen Ästen und ich spende jungen Pflanzen Schatten.

Nach einer weiteren halben Stunde finde ich endlich die Energie, aufzustehen, und befreie mich aus meinem Schutzschild aus Decken. Während sich meine Blätterkrone der Sonne entgegenstreckt, bin ich bereit, mich auf einen neuen Tag einzulassen. Ich mache mir einen Kaffee, rufe eine Freundin an und höre ihr Lachen – und plötzlich wirkt meine Regenwolke ein wenig freundlicher, als hätte die Sonne ihren Weg durch die dichten Wolken gefunden.

Hozier und Bear McCreary - Blood upon the Snow