Begrüßungsroulette
Er dreht den Schlüssel im Schloss um. Mit nassen Händen und zitternden Knien trete ich hinter meinem neuen Freund in sein Elternhaus. Seit heute Morgen drehen sich meine Gedanken nur um diese eine Frage: Händedruck oder Umarmung?
Der Notfallplan
Für Notfallsituationen wie diese habe ich mir im Kopf ein hochkomplexes Begrüßungsauswahlsystem hinterlegt, auf das ich zurückgreifen kann, wenn alle Stricke reißen.
In der Theorie funktioniert mein Begrüßungsauswahlsystem eins a. In der Praxis, so naja. Ab und zu hat es mich schon im Stich gelassen. Ist ja auch nicht meine Schuld. Manche Menschen sind einfach komisch. Wenn ich einem ehemaligen Lehrer die Hand hinstrecke und er mir daraufhin in die Arme fällt, kann mich auch mein Begrüßungsauswahlsystem nicht mehr retten.
Alles im Griff
Naja, heute wird’s schon gutgehen. Die Tür geht auf. Mein Freund tritt beiseite, und da stehen sie, nebeneinander, freundlich lächelnd. Zu freundlich. Wieso lächeln die so? Ist das echt? Oder ist das nur das Pflichtlächeln für die Neue? Verkrampft lächle ich zurück. Ich löse mich. Der Vater zuerst. Ganz nach Begrüßungsauswahlsystem laufe ich mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Bereit ihn mit meinem festen Händedruck umzuhauen, den erwartet nämlich niemand von mir hehe. Doch da sehe ich es im Augenwinkel. Wie in Zeitlupe hebt sich sein Arm. Will er mich umarmen!? Oder holt er nur zum Handschlag aus? Mein Gehirn läuft auf Hochtouren. Der Arm steigt. Begrüßungsauswahlsystem.exe reagiert nicht. Wenn ich jetzt falsch entscheide, wird das peinlich. Richtig peinlich. Sein Arm hebt sich weiter. Jetzt bin ich mir sicher. Umarmung. Ich ziehe meine Hand zurück und lege sie über seine Schulter. Im selben Moment stoppt sein Arm. Auf Bauchhöhe. Mit ausgestreckter Hand. Zu spät. Ich falle ihm in die Arme wie eine aufdringliche Verwandte dritten Grades, die man nur einmal auf irgendeinem Geburtstag gesehen hat. Seine Hand landet irgendwo zwischen meinem Magen und meinen Rippen. Aua. Wir verharren einen Moment zu lange in dieser sehr falschen Umarmung. Dann löse ich mich. Langsam drehe ich mich zu meinem Freund um. Er grinst. Natürlich tut er das.
Das Kopfkuddelmuddel danach
Und wieder einmal habe ich mich sozial komplett disqualifiziert. Wahrscheinlich denken die beiden, ich hätte gar keine Sozialkompetenz. Das kommt definitiv in meine Top drei der peinlichsten Momente. Diese Szene wird mich heimsuchen. In Zeitlupe. Mit Kommentarspur. Eigentlich ist es aber komplett irrational. Alle kennen doch solche Momente. Keine Ahnung warum mir das so peinlich ist.
Als die Tür sich hinter uns schließt und das schallende Lachen meines Freundes verklungen ist, lächle ich. Für einen ganz kurzen Moment denke ich, vielleicht können wir irgendwann darüber lachen. Sein Dad und ich. Dann erinnert mich mein ziehender Magen wieder daran, wie peinlich es war. Das Lächeln vergeht mir.
Bis zum nächsten Mal, liebes Begrüßungsauswahlsystem.
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