And the Winner is...White?
Glitzernde Kleider tanzen im Licht der Kameras, die Luft ist schwer von edlem Parfum. Die Fotografen liefern sich einen erbitterten Kampf – alle wollen das perfekte Bild, ihre Schreie klingen fast wie ein wildes Orchester vor dem Dolby Theatre in Los Angeles. Hollywood. Ein Ort, an dem Träume in Erfüllung gehen. Aber nicht für jeden. Genau das dachte auch April Reign im Jahr 2015. Wie auch Millionen andere Menschen verfolgt die US-amerikanische Aktivistin und Medienkritikerin die Oscar-Nominierungen vor ihrem Bildschirm und bemerkt etwas, das für viele zunächst unsichtbar bleibt: Unter den wichtigsten Schauspielkategorien sind fast ausschließlich weiße Schauspieler*innen nominiert.
„Als ich an diesem Morgen die Nominierungen verfolgt habe, wurde mir plötzlich klar, dass in einer Kategorie nach der anderen keine People of Color nominiert waren“, erzählt Reign im Interview. Insgesamt seien damals 20 Schauspiel-Nominierungen vergeben worden — ohne eine einzige nicht-weiße Person.
Ein Hashtag geht um die Welt
Dennoch scheint Hollywood weiter in Ekstase und Feierlaune zu versinken, während April einem Impuls folgt, der ihr Leben für immer prägen wird: Sie nimmt ihren Frust und gibt ihm auf Twitter eine Stimme. ,,#OscarsSoWhite“, schreibt sie. Ein Hashtag, der innerhalb weniger Stunden global geteilt wird, während sich April ahnungslos auf dem Weg zur Arbeit befindet.
Einige Stunden später öffnet Reign erneut Twitter. Aus einem spontanen Tweet ist inzwischen ein weltweiter Trend geworden. „Zur Mittagszeit habe ich nochmal auf Twitter geschaut — und plötzlich trendete der Hashtag weltweit“, erinnert sie sich. Ein spontaner Tweet, der eine Debatte auslöst und Hollywood bis heute verfolgt.
Die ersten Reaktionen auf Social Media seien dabei vor allem sarkastisch gewesen. Nutzer*innen machten sich über den Hashtag lustig. „#OscarsSoWhite — so weiß, dass sie Birkenstocks im Winter tragen“, oder: „#OscarsSoWhite — so weiß, dass ihnen sogar Mayonnaise zu scharf ist“, erzählt Reign. Erst einige Tage später habe sich die Stimmung verändert. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Spott, sondern um die eigentliche Frage dahinter: Gibt es ein strukturelles Problem in Hollywood?
Wirklich groß wurde die Debatte laut Reign jedoch erst ein Jahr später. 2016 wurden erneut keine People of Color in den Schauspielkategorien nominiert. „Einmal kann ein Zufall sein, zweimal wird zum Muster“, sagt sie. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten viele begonnen, die Kritik ernst zu nehmen.
Der Hashtag verbreitete sich erneut weltweit. Prominente wie Spike Lee oder Jada Pinkett Smith unterstützten die Debatte öffentlich, während Aktivisten vor der Academy protestierten. Aus einem einzelnen Tweet war eine Bewegung geworden, die Hollywoods Umgang mit Diversität dauerhaft in Frage stellte.
Warum Awards Macht bedeuten
Die Academy Awards, oder auch Oscar Awards genannt, gelten als die wohl bedeutendste Auszeichnung der Filmindustrie. Seit ihrer Einführung im Jahr 1929 würdigen die Oscars herausragende Leistungen Filmschaffender. Sie sollen dabei künstlerische Kreativität und Innovation im Filmemachen feiern. 2026 schalteten weltweit 19,7 Millionen Menschen die Preisverleihung ein. Die mediale Aufmerksamkeit rund um die Oscars kann Schauspielenden neue berufliche Möglichkeiten und größere Sichtbarkeit innerhalb der Filmindustrie verschaffen. Wer ausgezeichnet oder bereits mehrfach nominiert wird, erhält häufig mehr Aufmerksamkeit innerhalb der Branche und damit potenziell auch Zugang zu weiteren Rollen und Netzwerken.
Ein möglicher Erklärungsansatz dafür ist der sogenannte Matthäus-Effekt. Dieser beschreibt das Prinzip, dass Personen, die bereits Anerkennung und Sichtbarkeit besitzen, mit höherer Wahrscheinlichkeit weitere Anerkennung erhalten.
Auch die Netzwerkanalyse der Filmpreise liefert ein ähnliches Bild.
Wer im Netzwerk sichtbar wird
Wenn Filmpreise Karrieren prägen, beginnt Anerkennung nicht erst mit dem Gewinn. Schon eine Nominierung entscheidet, wessen Arbeit als preiswürdig gilt. So hat die Netzwerkanalyse Filmschaffende betrachtet, die zwischen 2022 und 2025 für einen Oscar, Golden Globe oder BAFTA nominiert wurden oder einen dieser Preise gewonnen haben. Das Gesamtbild ist deutlich: Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg sind 74,7 Prozent der erfassten Personen weiß. People of Color machen gerade einmal 25,3 Prozent aus. Die Zahlen zeigen zwar keine Abwesenheit, aber das Ungleichgewicht in der Anerkennung. PoC sind zwar Teil dieser Preisverleihungen, aber ihr Anteil bleibt deutlich kleiner als der weißer Filmschaffender. Drei der wichtigsten Filmpreise erzählen also weiterhin vor allem weiße Erfolgsgeschichten.
Der Blick auf die Oscars verschärft das noch. Im selben Zeitraum gingen 100 von 124 Oscar-Nominierungen an weiße Filmschaffende, nur 24 an People of Color. Damit machten PoC 19,4 Prozent der Nominierungen aus. Bei den Gewinnen lag ihr Anteil höher nämlich bei 32,1 Prozent. Das zeigt: Das Können ist da. Die Auszeichnung ist möglich. Aber der Weg dorthin beginnt seltener mit einer Nominierung. Laut dem deutschen Journalisten Patrick Heidmann liegt das Problem vor allem in der rassistischen Struktur. Er verfolgte die Welle den der #OscarsSoWhite auslöste und sieht zehn Jahre nach dem Trend inzwischen wieder einen Rückgang „…weg von Diversität, Gleichberechtigung und Vielfalt und wieder hin zur monokulturellen Heteronormativität der weißen CIS-Darstellung“
Dieser Rückschritt zeigt sich für Heidmann auch daran, wie eng Diversität in Hollywood oft gedacht wird. In der Debatte gehe es häufig vor allem um Schwarze Filmschaffende, während asiatische, indigene oder muslimische Perspektiven zu kurz kommen. Gleichzeitig spiele Diversität hinter der Kamera eine entscheidende Rolle: Wer schreibt, produziert, besetzt und entscheidet, beeinflusse auch, welche Geschichten überhaupt sichtbar werden. Auch beim Matthäus-Effekt sieht Heidmann keine gleiche Ausgangslage. PoC können zwar von früherer Anerkennung profitieren, aber nicht im selben Maß wie weiße Filmschaffende. Häufig seien es dieselben wenigen Namen, die immer wieder Aufmerksamkeit bekommen. Damit führen unsere Daten nicht einfach zu einer alten Debatte zurück. Sie zeigen, warum April Reigns Kritik weiterhin trifft: Einzelne Gewinner*innen ändern wenig, wenn die Auswahl davor noch immer entscheidet, wessen Arbeit überhaupt als preiswürdig gilt.
Zielgruppe: Alte weiße Männer
Auch Reign betont, dass das Problem nicht nur bei einzelnen Preisverleihungen liegt. Man müsste nämlich das gesamte System Hollywoods unter die Lupe nehmen, um auf die Hauptursache zu stoßen.
„Die Menschen, die entscheiden, welche Filme gemacht werden, sind bis heute überwiegend ältere weiße Männer“, sagt sie im Interview. Auf die Frage, welche Veränderungen notwendig wären, damit Preise wie die Oscars die gesellschaftliche Vielfalt wirklich widerspiegeln, antwortet sie radikal: „Man sollte sie abschaffen.“ Hollywood neige dazu, symbolische Erfolge als strukturellen Fortschritt zu verkaufen, ohne die grundlegenden Machtverhältnisse tatsächlich zu verändern. Besonders kritisch sieht sie dabei die großen Award-Shows selbst.
Ihrer Meinung nach reproduzieren Award-Systeme genau die Machtstrukturen, die sie eigentlich überwinden müssten. Seit #OscarsSoWhite seien zwar mehr marginalisierte Gruppen innerhalb der Award-Strukturen vertreten. Doch genau dort ende der Fortschritt oft. „Wie viele Kriegsfilme brauchen wir noch? Wie viele Filme über Männer, die ins Weltall fliegen und die Welt retten?“, fragt sie.
Wenn das Alter zum Nachteil wird
Nicht nur die Herkunft kann die Chancen auf einen der Filmpreise senken, auch das Alter kann insbesondere für Frauen ein entscheidendes Ausschlusskriterium sein. Aus dem Datensatz geht hervor, dass nominierte Männer im Durchschnitt 8,2 Jahre älter waren als nominierte Frauen. Das wirft die Frage auf, ob Frauen in der Schauspielbranche grundsätzlich andere Karrierefenster als Männer haben.
Die Medienpsychologin Professor Dr. Doris Bazzini erforschte mit ihrem Team, wie älter werdende Frauen in Filmen repräsentiert werden. Bazzini verweist im Interview auf deutliche altersbezogene Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schauspielenden. Rückblickend auf ihre frühere Forschung erklärt sie, dass männliche Schauspieler im Durchschnitt etwa zehn Jahre älter gewesen seien als Schauspielerinnen, ein Muster, das sich über sämtliche untersuchten Jahrzehnte hinweg gezeigt habe. Frauen werden mit zunehmendem Alter stärker abgewertet. Während wir von einer weiblichen Hauptrolle erwarten würden, jung und schön zu sein, dürften männliche Hauptfiguren Charakter im Gesicht beziehungsweise ein markantes Gesicht haben. In der Filmindustrie würden ältere Männer deutlich häufiger mit jüngeren Frauen dargestellt werden als ältere Frauen mit jüngeren Männern. Als eine der Ursachen dieses Phänomens benennt sie auch, dass Filmstudios ausschließlich Filme drehen würden, die bereits funktioniert haben. Dadurch würden Stereotypen fortgesetzt werden. Eine weitere entscheidende Rolle bei der Altersdiskriminierung spielt das Gewicht. Während Gewichtszunahme im Alter auch bei Männern vorkomme, werde sie insbesondere bei Frauen stärker bewertet. Diese Zustände können zu einem geringeren Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen, so Bazzini. In einigen Fällen würde diese Unzufriedenheit auch in Schönheitsoperationen enden.
Das Märchen von Diversität
Reign betont dabei, dass #OscarsSoWhite ihrer Meinung nach nicht allein die Filmindustrie verändert habe. Der Hashtag habe jedoch eine Diskussion angestoßen, die lange verdrängt worden sei. „Es war einfach das Richtige zur richtigen Zeit“, sagt sie rückblickend. Heute, mehr als zehn Jahre später, werde noch immer über dieselben strukturellen Probleme gesprochen.
Zwar habe sich der Anteil nicht-weißer Nominierter seit #OscarsSoWhite erhöht — laut Inclusion List von rund neun auf 17 Prozent — doch für Reign reicht das nicht aus. „Es hat sich fast verdoppelt, aber es sind eben immer noch nur 17 Prozent“, erklärt sie. Besonders vor dem Hintergrund einer zunehmend diverseren Gesellschaft zeige sich, wie groß die Lücke zwischen gesellschaftlicher Realität und Hollywood weiterhin sei.
Für wirkliche Veränderung brauche es deshalb mehr als einzelne diverse Gewinner*innen oder symbolische Reformen. Reign fordert eine tatsächliche Repräsentation innerhalb der Academy selbst. Wenn Frauen etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, müssten sie auch die Hälfte der Mitglieder stellen. Gleiches gelte für People of Color und andere marginalisierte Gruppen. Solange jedoch überwiegend dieselben Personen über Sichtbarkeit und Anerkennung entscheiden, werde sich das System ihrer Meinung nach nicht grundlegend verändern.
Die in diesem Beitrag dargestellten Ergebnisse stammen aus einem Forschungsprojekt von Studierenden der Hochschule der Medien Stuttgart. Untersucht wurden Nominierungen und Gewinne bei den Oscars, Golden Globe Awards und BAFTA Awards im Zeitraum von 2022 bis 2025. Grundlage der Analyse bildet ein eigens erhobener Datensatz, der mithilfe einer Netzwerkanalyse ausgewertet wurde. Ziel war es, Zusammenhänge zwischen früheren Award-Anerkennungen, Diversität und Sichtbarkeit innerhalb der Filmbranche zu untersuchen.
Datensatz, Codebuch und Analysen sind öffentlich verfügbar unter:
https://github.com/yasemin-k/Awards_Netzwerk