Man in the Mirror: Veränderung beginnt mit dir
Es ist Montagmorgen. Ich werfe einen Blick in die Nachrichten und da ist sie wieder, meine alte Freundin. Sie ist mittlerweile eine alte Bekannte, eine Emotion, auf die ich mich immer verlassen kann. Ich nenne sie: Wut. Denn das ist es, was ich jedes Mal fühle, sobald ich mein Handy in die Hand nehme und mir anschaue, was in der Welt passiert, die Unruhe in unserer Gesellschaft und Politik. Aber diese Freundin besucht mich selten allein, sie bringt oft ihre Schwester mit: Trauer. Es ist nämlich leicht, sich von diesen beiden Gefühlen lähmen zu lassen und nichts zu tun. In einem Akt aus Verzweiflung werfe ich einen Blick in den Spiegel und frage mich: „Was kannst du schon ändern?“ Es war eigentlich eine rhetorische Frage, ich erwartete nicht wirklich eine Antwort, aber dennoch bekam ich sie in diesem Moment, in Form von Michael Jackson. Ich erinnerte mich plötzlich an seine Worte aus „Man in the Mirror“: „I′m gonna make a change for once in my life.“
Auch wenn der Spiegel in diesem Moment trüb und unscharf schien, waren seine Worte und ihre Kraft umso klarer. In diesem Song will Michael dich nicht belehren, er will dich inspirieren, etwas zu tun. Denn wie kannst du nach Veränderung verlangen, wenn du nicht bei dir selbst anfängst?
Der/Die Schuldige bist du
Für ein Lied, welches im Jahre 1988 erschien, bleibt die Message zeitlos und aktueller denn je. Ich war schon immer ein großer Michael-Jackson-Fan, denn neben seinem Einfluss in der Popkultur scheute er sich nie davor, kritisch zu denken und das in seiner Kunst wiederzugeben. Dabei zeigt er nicht mit dem Finger auf andere, sondern auf sich selbst. „I'm starting with the man in the mirror, I′m asking him to change his ways“. Es ist leicht, Menschen wie Donald Trump und Friedrich Merz zu kritisieren, denn sie machen es einem geradezu leicht, die Schuld von sich selbst abzuwälzen. Mit Inbrunst und Leidenschaft rege ich mich über Superreiche auf, die sich sorgenfrei mit ihren Privatjets an der Verpestung der Umwelt beteiligen, die großen Chefs und Konzerne, die durch Kinderarbeit weiter in ihrem Reichtum wachsen und ärmer in ihren Herzen werden. Die Politik, die viel lieber in Kriege und Waffen investiert als in Bildung und Pflege. Doch wer zieht mich zur Rechenschaft? Wer sagt mir, dass dasselbe iPhone, mit dem ich solche Informationen erhalte, durch die Ausbeutung eines kongolesischen Kindes gebaut wurde. Ein Kind, das sein Leben in Kobaltminen lassen musste, nur damit ich meine eigenen materialistischen Bedürfnisse befriedigen kann.
Die Stärke unsere Schwächen zu sehen
Warum also fällt es uns Menschen so schwer, uns zu verändern? Wir erwarten Veränderung von der Politik, von denen, die mächtig sind. Aber dabei vergessen wir das Wichtigste: Was ist die Gesellschaft anderes als ein einzelnes Individuum? Michael erinnert uns daran nicht mit Wut, so wie ich sie empfinde, er nutzt die sanften Töne von Empathie und erinnert daran, Verantwortung zu übernehmen: „If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and then make a change.“ Nichts tut mehr weh, als sich selbst einzugestehen, dass man Fehler begeht. Wir alle nutzen unser Ego als ein Schild, welches jegliche Kritik abwehren soll, doch der Feind ist nicht draußen – er lebt in dir!
Ein Appell an deine Seele
„Man in the Mirror“ inspiriert mich dazu, Eigenverantwortung zu übernehmen, mein Konsumverhalten zu verändern, mich sozial mehr zu engagieren und denen eine Stimme zu geben, die keine haben. Wir leben in einer ungerechten Welt, aber viel ungerechter ist es, sein Bewusstsein nicht einzusetzen und wegzusehen: „Who am I, to be blind pretending not to see their needs“. Damit betrügt man nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch sich selbst. Das nächste Mal, wenn ich in den Spiegel sehe, mache ich das nicht mehr mit den Klängen von Wut und Trauer, sondern mit dem hoffnungsvollen und sanften Echo von Michael: „Make that change.“
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: