Bernd Everding in seinem eigenen heimischen Tonstudio. | Bild: Peter Kipfstuhl

edit.Edge Musikerporträt
Funkrock ohne Zittern

Bernd Everding in seinem eigenen heimischen Tonstudio. | Bild: Peter Kipfstuhl

10 Dec 2018

Sax liegt in der Luft. Der Bass vibriert durch die tobende Zuschauermenge. Im musikalischen Rausch improvisiert die Band wilde Soli bekannter Funkrock-Klassiker. 20 Jahre getourt, 130 Gigs im Jahr, Bernd Everding am E-Bass. Doch plötzlich erkrankte Bernd schwer und musste widerwillig einen neuen Weg beschreiten.

„Den Schock kriegst du natürlich. Wenn du merkst, ein Symptom nach dem anderen addiert sich zu einem Gesamtbild zusammen – und das heißt Parkinson.“ Das Jahr 2007 änderte für Bernd Everding alles. Nach der Diagnose musste er lernen, mit seiner Erkrankung umzugehen und das Leben, wie er es kannte, hinter sich zu lassen.

Bernd Everding wurde 1964 in Lüneburg geboren. Der „Fischkopf“ – wie er sich selbst nennt – bekam die Musik schon in die Wiege gelegt. Sein Vater war Musiker und DJ, seine ältere Schwester spielte Orgel. Durch den frühen Tod der Schwester erlernte er sein erstes Instrument. Heimlich nahm er Musikunterricht, um die Leere in der Familie zu füllen. Bernd merkte schnell, dass er nicht der Typ für Volksmusik oder „Lagerfeuer-Gitarre“ ist. Eine Konzertausstrahlung von „Mother’s Finest“ war ausschlaggebend für den Richtungswandel. In Zukunft wollte er Funkrock spielen und auch seine Karriere an der Musik ausrichten.

Als gelernter Musikalienhändler vertrieb Bernd Equipment namhafter Hersteller in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Privat verlief das Leben jedoch nicht wie erhofft: Er ließ sich von seiner Frau scheiden. Die damalige Trennung, vor allem von seinem Sohn, bewegt ihn sichtlich bis heute.

And now: Lee Mayall – The Sax Machine

Von Heidenheim aus ging er mit Lee Mayall, dem Neffen der Blueslegende John Mayall, deutschlandweit auf Tour. Als die ersten Partys nach der Wende an den Start gingen, brachten die Musiker ihren Funk, Soul und Blues bis in die neuen Bundesländer. Sogar als Vorband von seinem musikalischen Vorbild John Mayall zu spielen hätte er sich als Jugendlicher niemals erträumt.

Bernd an seiner Fender Stratocaster. | Bild: Peter Kipfstuhl
Ain‘t it funky! | Bild: Peter Kipfstuhl

Kribbeln in den Fingern

Vielleicht war es der Lebenswandel, die Trennung oder der Stress durch die vielen Auftritte, die etwas auslösten. Die Freunde sagten zu ihm: „Bernd, du wirst immer langsamer.“

„Irgendetwas stimmt nicht in deinem Körper. Du merkst ganz genau: Irgendetwas ist da verdammt nochmal nicht in Ordnung.“ – Bernd Evedring

Kleinere Tätigkeiten wie das Öffnen einer Milchtüte oder das Abaschen einer Zigarette wurden für Bernd zunehmend schwerer. Alles wurde langsamer, fast wie in Zeitlupe. Die erste Vermutung vom Hausarzt war ein Tumor, aber eine radiologische Untersuchung brachte kein Ergebnis. Es blieb für Bernd nur noch der Weg zum Neurologen. Dabei wurde schnell klar: Die Diagnose war Parkinson.

Morbus Parkinson
ist eine nicht-heilbare Erkrankung des Nervensystems. In 75 Prozent der Fälle funktioniert die Dopamin-Produktion im Gehirn nicht mehr richtig. Der oder die Auslöser wie auch der Verlauf der Krankheit sind ungewiss und variieren von Patient zu Patient. Zu den Hauptsymptomen zählen unkontrollierbare Muskelzuckungen, Zittern und Unbeweglichkeit.

Schluss mit der Berufsmusik, aber nicht mit dem Musizieren. Stress ist die absolute Nullnummer für Parkinson-Patienten, auch positiver. Denn Live-Gigs zu spielen bedeutet auch immer viel Vorbereitung, Enge und Stress. „Das sehen die meisten Leute ja gar nicht.“

Heilende Musik

Bernd braucht keine Reha: „Weil ich da abends einfach nur rumsitze – und hier kann ich was tun. Da kann ich die Kopfhörer aufsetzen und Musik machen, solange das noch geht.“ Und das geht ziemlich gut. Tagtäglich schnappt sich Bernd seine Instrumente, geht ans Mischpult und spielt innerhalb kürzester Zeit funky Tracks ein.

Morgens um sechs Uhr steht Bernd auf, nimmt seine Medikamente – und wartet auf das Eintreten der Wirkung. Ohne Umwege geht es dann vom Wohnzimmer zwei Meter weiter ins heimische Tonstudio. Entweder schreibt er selbst neue Songs oder mischt Auftragsproduktionen für Freunde ab.

Er nimmt „so ziemlich alle Medikamente, die es gibt“, jedoch ist jede Pille mit einer Nebenwirkung versehen, wie bei allen Parkinson-Patienten. Zudem variieren die Nebenwirkungen extrem, zum Beispiel verkrampft Bernds Arm zwanghaft. Dieser Zwang ist so extrem, dass es so aussieht, als würde er sich jeden Moment selbst verletzen. Sobald er aber ein Instrument in die Hand nimmt, ist der quälende Drang wie weggeblasen.

„Manchmal würde ich mir meinen Arm am liebsten brechen.“ Bernd Everding | Bild: Peter Kipfstuhl
„Musik ist mein Haupt-Glücklich-Macher.“ Bernd Everding | Bild: Peter Kipfstuhl
„Musik hilft mir zu vergessen. Wenn ich die Musik nicht hätte, wäre ich tot.“ Bernd Everding

Neben den vielen Medikamenten gibt es alternative Behandlungsmethoden. Dazu gehören unter anderem Sport, Meditation, Ergotherapie oder für Bernd das Musizieren.

Das Rezept: Schlagzeug spielen

Aber Bernd ist kein Sportler. Deswegen lernte er zur körperlichen Betätigung als neues Instrument, neben Keyboard, Bass und Gitarre, auch Schlagzeug. Wofür andere Schlagzeug-Neulinge Jahre an Übung brauchen, benötigte Bernd nur zwei Monate. Drums zu lernen war für ihn nicht schwer, denn als Bassist weiß er genau, was von guten Drummern erwartet wird.

Bereits ein Leben lang ist die Musik für Bernd Everding das Lebenselixier. Er hat sich früh mit der Krankheit arrangiert und ist noch voller Tatendrang. Denn eins ist für Bernd klar: Das Musizieren hält ihn am Leben. Also wird er weiter Musik machen, solange es noch geht.

„Du kannst zwar nicht laufen, aber du kannst Schlagzeug oder Bass spielen.“ John Alexander | Bild: Peter Kipfstuhl
Spontane Jam-Session in Bernds Wohnzimmer: Bernd Everding (Drums) und Redakteur Chris (Gitarre). | Bild: Peter Kipfstuhl