Pforte zu einer anderen Welt: Der Tor-Browser ermöglicht es, Darknet-Seiten anzusteuern. | Bild: Moritz Osswald

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Anatomie der digitalen Unterwelt

Pforte zu einer anderen Welt: Der Tor-Browser ermöglicht es, Darknet-Seiten anzusteuern. | Bild: Moritz Osswald

03 Jul 2018

Kokain, Kinderpornos, Kontodaten: Das Darknet wirkt wie eine Spielwiese für organisierte Kriminalität. Ein Paralleluniversum aus Bits und Bytes, das all die menschlichen Abgründe einer Gesellschaft zur Schau stellt. Doch wie funktioniert die Alternative zum normalen Internet eigentlich? Und hat das Darknet wirklich nur dunkle Seiten?

Es klingt nach Stoff für einen lesenswerten Krimi. Dealer verkaufen kilogrammweise Drogen, Idealisten entwickeln eine einzigartige Anonymisierungstechnik, Geheimdienste sind genervt. Das Darknet ist ein Ort, an dem viele Widersprüche aufeinanderprallen. Vielleicht polarisiert der digitale Untergrund deshalb so sehr. Ein virtueller Raum, dafür geschaffen, dass Menschen ohne Schranken miteinander kommunizieren können.

It's the military, stupid

Als Forschungsprojekt des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums wurde der Tor-Browser Mitte der 1990er Jahre ins Leben gerufen. Die Software verschafft Nutzerinnen und Nutzern Zugang zum Tor-Darknet. Gesucht wurde ein sicherer Kommunikationskanal für das Militär. Ein zentraler Zwiespalt, der bis heute Bestand hat: Einerseits weiß man spätestens seit Edward Snowden, dass der US-Geheimdienst NSA die eigene Bevölkerung und andere Staaten massiv überwacht. Auf der anderen Seite gibt die Regierung Millionen für den Tor-Browser aus, der genau das umgehen soll.

Noch heute finanziert die US-Regierung über 80 Prozent des Zwiebelbrowsers, wie aus den Jahresberichten des Tor Projects und den Recherchen des US-Journalisten Yasha Levine hervorgeht. Dabei ist das Tor-Darknet längst nicht das einzige. Es ist lediglich das bekannteste zahlreicher alternativer Netzwerke. Die meisten Medienberichte vermitteln den Eindruck, dass das Darknet ein schauderhafter Ort sei, an dem sich der Bodensatz der Gesellschaft sammle. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit, wie der freie Journalist Stefan Mey in seinem Buch „Darknet – Waffen, Drogen, Whistleblower“ darlegt.

Das Tor Project, eine 2006 gegründete Non-Profit-Organisation mit Sitz in den USA, leitet mittlerweile die Entwicklung des Browsers. Sie sind genervt von dem faden Beigeschmack, der ihrer Anonymisierungssoftware anhaftet. Gerne behaupten sie, dass der Tor-Browser Zufluchtsstätte für unterdrückte Oppositionelle sei, ein Unterschlupf für Aktivistinnen und Aktivisten, über die in Schurkenstaaten das Damoklesschwert der Repression schwebt. Auch das bildet nicht die Realität ab, sagt Stefan Mey. Er hat jahrelang im Darknet recherchiert und räumt mit Halbwahrheiten auf.

3 Mythen über das Darknet

  1. „Eisberg-Metapher“
  2. Auftragsmorde per Mausklick
  3. Kinderpornografie frei zugänglich

„Bei mir wird nach dem Amazon-Prinzip gearbeitet“

Europa ist für den Drogenhandel im Darknet einer der größten Märkte weltweit. Händlerinnen und Händler mit teils ulkigen Namen wie InsaneCocaine“ oder FranksApotheke“ verkaufen dort Pillen, Kristalle und Co. In den Medien liest man jedoch meist darüber, wenn den Behörden ein großer Coup gelungen ist. Ein prominentes Beispiel der Bundesrepublik: der Fall Shiny Flakes“. Hinter diesem Online-Drogenimperium steckte ein 20-Jähriger aus Leipzig, der in seinem Jugendzimmer hunderte Kilogramm psychoaktiver Substanzen lagerte und von dort aus zum Verkauf vorbereitete.

Von den Menschen, die zu den großen Akteuren auf den Marktplätzen zählen und noch aktiv handeln, hört man jedoch meist nichts. F. zum Beispiel verkauft auf verschiedenen Darknet-Shops – ausschließlich Cannabis, große und kleine Mengen. Er  oder sie – Genaueres wollte F. nicht verraten ist jedoch kein Einzelkämpfer. Laut eigener Aussage steht hinter den verschiedenen Accounts auf den Kryptomärkten ein Team aus Leuten, die sich arbeitsteilig um die Aspekte kümmern, die auch in einer normalen Firma vorkommen. Vertrieb, Marketing, Kundensupport, Verwaltung, Finanzen: F.'s Untergrund-Unternehmen erscheint hochgradig effizient und kommerzialisiert. Bei mir wird nach dem Amazon-Prinzip gearbeitet. Wenn ein Kunde mal ein paar Gramm nicht bekommen hat, bekommt er sofort Ersatz. Manche geizen dann noch rum“, schreibt F. verschlüsselt.

„MDMA, Kokain, Amphetamine – diese Form der Selbstzerstörung möchte ich nicht unterstützen.“ – F.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen des Darknet-Experten Stefan Mey. Der Kapitalismus ist längst auch im Darknet angekommen“, so der Journalist bei einem Vortrag. Tatsächlich ähneln die Untergrund-Märkte stark den eBays, Amazons und Ottos des normalen Webs. Es gibt Produktkategorien, Produktbewertungen (super Koks, schneller Versand, gerne wieder!!“) und ein Treuhandverfahren beim Kauf. Neben Profit schimmert bei F. auch eine Art Ethik-Kodex durch. Ich könnte auch harte Drogen wie MDMA, Kokain oder Amphetamine verkaufen, das wäre kein Problem. Diese Form der Selbstzerstörung möchte ich aber nicht unterstützen“, schreibt F. Moral gibt es anscheinend auch auf illegalen Drogenmarktplätzen.

Darknet-Drogendeals in Europa

  • Die Niederlande, England und Deutschland bilden die Speerspitzen des illegalen Handels mit Substanzen im Tor-Darknet. Menschen wie Teodora Groshkova von der EMCDDA (deutsch: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) arbeiten daran, Händlern wie F. auf die Schliche zu kommen.
  • Für den Drogenhandel insgesamt spielt das Darknet de facto eine verschwindend geringe Rolle. Gezahlt wird dort übrigens mit Bitcoins. Laut EMCDDA-Sprecherin Groshkova wird in Europa weniger als ein Prozent des Rauschmittel-Verkaufs über die Kryptomärkte abgewickelt. Der stationäre" Handel, also Parks, Bahnhöfe und Dealer-Wohnungen, seien nach wie vor von zentraler Bedeutung.

Europa im Zeichen der Zwiebel

Die Online-Applikation „TorFlow“ visualisiert die Datenströme des Tor-Netzwerks. Ein kurzer Blick genügt: Die weltweit meisten Tor-Knoten werden in Europa betrieben: Am häufigsten im universitären Kontext oder von Netzaktivisten, Datenschützern und anderen Anonymitäts-Fans, wie der Darknet-Experte Stefan Mey berichtet. Auch Whistleblower können das Tor-Darknet nutzen. Einige europäische Medien haben bereits anonyme Postfächer eingerichtet, über die diskret brisante Informationen übermittelt werden können. Die deutsche Tageszeitung taz“, der britische Guardian und das norwegische Dagbladet zählen unter anderem dazu. Auch der blaue Riese zeigt im Darknet Präsenz: Facebook ist mit dem Tor-Browser unter facebookcorewwwi.onion aufrufbar. Linksaktivistische Projekte wie beispielsweise Indymedia haben auch einen Darknet-Auftritt. Wie die Zukunft des kryptoanarchistischen Projekts aussehen wird, vermag niemand genau zu sagen. Zwischen Zweckentfremdung und Ziellosigkeit vegetiert das Tor-Darknet dahin, geliebt, gehasst, unterschätzt, überschätzt.