Carla und Arianna beim Tandemlernen neben dem Uni-Garten in der Stadtmitte. | Bild: Moritz Osswald

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Mehr verstehen als nur Bahnhof

Carla und Arianna beim Tandemlernen neben dem Uni-Garten in der Stadtmitte. | Bild: Moritz Osswald

28 Apr 2018

Das Prinzip ist simpel: Zwei Menschen bringen sich gegenseitig ihre Muttersprache bei. Ganz ungezwungen – ob mit Büchern, Bier oder Brettspielen. Beim sogenannten Tandemlernen treffen Kulturen aufeinander. Das Konzept gibt es mittlerweile auch als App für Smartphones und Tablets. Ist das die Zukunft des Sprachenlernens?

Carla würfelt, schaut auf das weiße Blatt Papier vor ihr und muss überlegen. „Hast du Geschwister?“, lautet die Frage. Wie heißt dieses Wort noch gleich? Sie mustert den Würfel, als würde er die Antwort bereithalten. Noch bevor es ihr einfällt, fängt sie an zu reden und bildet einen Satz. Holprig, aber vollständig. Während andere nach Vorlesungsende die freie Zeit genießen, sitzen Carla und Arianna in der Cafeteria und bringen sich bei einem Würfelspiel gegenseitig ihre Muttersprache bei.

„Tandemlernen“ nennt sich das, in der Wissenschaft heißt es auch „autonomes Sprachenlernen“. Es gibt keinen Lehrer, keine Berge an Arbeitsblättern, keine Tabellen mit unregelmäßigen Verben des Imperfekts. Dafür aber umso mehr Praxis. Carla Sailer ist 24 und studiert Medizintechnik am Uni-Campus in Vaihingen. Italienisch lernt sie seit anderthalb Jahren. Ihre Mitstreiterin: Arianna Bezzi, 25 Jahre alt, studiert International Management am Campus in der Stadtmitte. Sie lernt seit vier Jahren Deutsch. Knapp 45 Minuten spricht Carla an diesem Nachmittag Italienisch, Arianna etwa genauso lang Deutsch.

Aller Anfang ist schüchtern

Zwei Wochen davor: Die weit geöffneten Fenster sagen der stickigen Raumluft den Kampf an. Im ersten Stock eines riesigen Gebäudes direkt neben der Hochschule für Technik in Stuttgart hält Beate Haußmann einen Einführungs-Vortrag. Die Studierenden bekommen das Konzept des Tandemlernens erklärt. Haußmann bemüht sich um eine sehr klare, langsame Aussprache. Noch kennen sich die Sprachlern-Paare nicht. Die Szenerie wirkt wie kulturelles Blind-Dating. Carla und Arianna haben sich schnell gefunden. Jetzt gilt es erstmal, das Eis zu brechen. Davor wird es aber nochmal sehr deutsch: Ein „Lernvertrag“ muss unterschrieben werden, die „Heirat“, wie Beate Haußmann es nennt. Verbindlichkeit sei wichtig, erklärt die Akademische Mitarbeiterin. Man kann sich seinen Partner auch einfach selbst suchen – per Online-Anzeige. Oder man belegt ein Modul an der Uni und bekommt jemanden zugewiesen.

Auch ein „Lerntagebuch“ müssen die Tandem-Pärchen führen. Für all den Aufwand bekommen sie ECTS und bestenfalls ein Stück fremde Kultur dazu. „Englisch-Deutsch ist die häufigste Kombination, die wir haben“, sagt Beate Haußmann vom Sprachenzentrum der Uni Stuttgart. „Zu den Exoten gehören Deutsch-Chinesisch und Deutsch-Russisch.“ Noch sind die Gespräche an den Tischen zurückhaltend. Logisch, hat man sich doch gerade erst kennengelernt. Die Unsicherheit lässt sich aus den Gesichtern ablesen. Wie werden die nächsten Monate mit dem Tandempartner laufen? Wird man sich gut verstehen? Was, wenn es ein komplettes Desaster wird? „Dass zwei Partner sich absolut nicht ausstehen können, kommt sehr selten vor“, sagt Haußmann.

Kultur, Sprache, Spaß

Die meisten würden mit Tandem eher ein unästhetisches Fahrrad in Verbindung bringen. In den 1970er-Jahren nahm das Prinzip in Europa Fahrt auf. Als Vorreiter gilt das „Deutsch-Französische Jugendwerk“, das Sprachlern-Camps für Jugendliche bereits in den 1960ern veranstaltete. Somit war das Tandemlernen von Geburt an ein System, um europäische Nationen miteinander zu vernetzen, Integration zu fördern und gemeinsame Momente zu schaffen. „Der Europa-Gedanke war beim Tandem schon immer extrem verankert“, sagt die Professorin Karin Kleppin, die weltweit an vielen Universitäten gelehrt und Tandem-Projekte betreut hat.

Doch klappt Kulturaustausch mithilfe von Würfelspielen? Schaut man Carla und Arianna zu, scheint es zumindest so. Regionale Eigenheiten wie Spätzle, Kehrwoche und Co. werden anschaulicher erklärt, als es ein Unterrichtsbuch je könnte. Auch schwierige Begriffe werden so einfach heruntergebrochen, bis es das Gegenüber versteht. Arianna kann jetzt zum Beispiel mit Stolz behaupten, zu wissen, was BAföG bedeutet.

Expertin Kleppin spricht vom Tandemlernen gerne auch als „Bewegung“. Das mag hochgestochen klingen, zumal sich die Bekanntheit des Lernkonzepts außerhalb der Hochschul-Hallen in Grenzen hält. Populär scheinen zurzeit eher Apps zum Sprachenlernen: Anwendungen wie „Babbel“ oder „Duolingo“ zählen Hunderte Millionen Nutzer. Auch das Tandem-Prinzip wurde schon auf Smartphones übertragen. Eines haben alle diese Ansätze gemeinsam: Es geht um die Verbesserung der Sprachkenntnisse und den kulturellen Austausch zweier Menschen. Letzteres ist für manche eher ein netter Nebeneffekt, für andere wiederum die Triebfeder ihrer Motivation.

„Der Europa-Gedanke war beim Tandem schon immer extrem verankert.“ – Professorin Karin Kleppin

Zurück zu Carla und Arianna. Die beiden kommunizieren nicht über Apps, sondern sitzen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. „Sich zum Affen machen bedeutet ...“, muss Carla kurz überlegen. „Also wenn man etwas Peinliches macht, aber eben absichtlich, also zum Beispiel ...“ Mit einem Grinsen in Ariannas Gesicht weichen die Fragezeichen immer mehr einem Ausrufezeichen. Das erlösende Beispiel: Junggesellenabschiede! Das gebe es in Italien auch, erklärt sie. Eine typische Tandemszene. Unbestreitbar unbeholfen, didaktisch durchwachsen, sichtlich schleppend. Doch gerade das macht den Reiz aus. In den anderthalb Stunden scheint mehr kulturelle Authentizität durch als in Monaten eines Sprachkurses.

Die beiden haben Spaß, auch wenn mal ein kompletter Satz nicht verstanden wird oder die eine Vokabel nicht einfällt, die man gestern noch nachgeschaut hat. Karin Kleppin weist jedoch auf einen zentralen Punkt hin: „Vorher sollten die Lernenden schon das Niveau A2 oder B1 haben. Ansonsten wird ein Tandem-Austausch schwierig.“ Denn ohne ein gewisses grammatikalisches Grundverständnis komme man nicht weit. Wer dieses Verständnis nicht habe, könne es im Tandem auch nicht erwerben. Muttersprachler sein heißt eben nicht Lehrer sein, so die Expertin. Eine Stufe über dem Tandemlernen steht nur das Reisen ins Ausland, quasi Sprachpraxis pur. „Nächstes Wochenende bin ich in Italien am Lago Maggiore, da kann ich dann gleich mal beweisen, was ich alles gelernt habe“, sagt Carla.