Pulse of Europe lebt von seinem Stammpublikum. | Bild: Christopher Müller

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Wo ist das junge Europa?

Pulse of Europe lebt von seinem Stammpublikum. | Bild: Christopher Müller

24 May 2018

Europa braucht Einsatz, um am Leben zu bleiben. Auf dem ganzen Kontinent machen sich Initiativen wie „Pulse of Europe“ dafür stark. Aber erhält Pulse of Europe ohne die medialen Dauerbrenner Brexit oder Front National noch die Aufmerksamkeit, die es verdient? 

Ein sommerlicher Tag im April. Passanten schlendern die Königstraße entlang. Mittendrin sitze ich auf den Treppen, die hoch zum Kunstmuseum führen, und um mich an Europa heranzutasten, besuche ich meine erste Veranstaltung von Pulse of Europe. Mittlerweile demonstrieren die Aktivisten jeden ersten Sonntag des Monats für mehr europäisches Herzblut. Und auch heute bildet sich eine Menschentraube um einen blau-gelb dekorierten Stand. Pulse of Europe geht in Stuttgart schließlich schon in die 20. Runde, aber weit und breit sehe ich keine jungen Menschen.

Von Kopf bis Fuß europäisch?

Doch mal ganz ehrlich: Ich persönlich habe nicht viel mit Europa zu tun. Das ist mein Gefühl. Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass ich mit eigenen Augen eine Europa-Flagge sehe, die nicht nur vor einem Regierungsgebäude hängt, sondern mit vollem Stolz hin und her geschwungen wird. Ja, Europa hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Mein erstes Taschengeld: fünf Euro. Mit dem Auto nach Frankreich, Spanien oder Österreich fahren: kein Problem. Ich bin Teil einer Generation, die den Ernst der Lage nicht durchschaut – oder es doch tut und dann nur wenig unternimmt.

Dort hinten stehen sie: richtige Europäer. Blaue Flaggen mit zwölf Sternchen wehen schwungvoll durch die Luft. Zwei Standmikrofone, Bürostellwände im Rücken, ein Tisch mit allerhand Schnickschnack: Buttons, Flyer, Postkarten – Erkennungsfarben sind blau und gelb. Das Thema der öffentlichen Rede ist Viktor Orbán. Das Publikum zeigt sich interessiert – zahlenmäßig ist es jedoch klein. Keine Tausende, keine Hunderte, sondern über den Daumen gepeilt 70 Leute machen Halt für Europa. Zum Vergleich: Stuttgart hat 611.900 Einwohner. Der Initiative fehlt es vor allem an jungen Gesichtern.

Das Motto hinter Pulse of Europe | Bild: Christopher Müller

Die beiden Frankfurter Rechtsanwälte Sabine und Daniel Röder gründeten Pulse of Europe als Reaktion auf den Brexit und die amerikanische Präsidentschaftswahl im Jahr 2016. Europa sollte näher zusammenrücken. Mittlerweile haben sich Teams in über einhundert Städten zusammengeschlossen.   

Doch der Trend geht aktuell in eine andere Richtung. Pro-europäische Feste werden seltener. Mir wird klar: Mit Europa können wir so nicht weitermachen.

Zwischen zwei Wirklichkeiten

Das Mikrofon wird für die Zuschauer freigemacht. Eine ältere Dame lässt die Hand ihrer Enkelin los und tritt vor die Menge. Aufgewachsen sei sie in Stettin. Eine Stadt im Norden Polens – ehemaliges Deutschland. Bombenangriffe forderten im Zweiten Weltkrieg die Leben von 3.200 Menschen. Bei einem Spaziergang durch Stuttgart sei ihr ein Schild mit der Aufschrift „Luftschutzbunker“ aufgefallen. Der Enkelin schien dieser Begriff, ganz zur Erleichterung der Großmutter, nichts zu sagen. Bunker waren in ihrer Jugend Alltag. Zwischen diesen beiden Realitäten steht Europa seither.

„Die Europäische Union droht zu zerfallen, wenn nicht alle, denen Europa wichtig ist oder die auch nur davon profitieren, aktiver werden und zumindest wählen gehen.“ – Pulse of Europe

Junge Europafans

Es geht weiter mit dem Brexit, dem Nationalismus und der AfD. Ist der Frieden der breiten Masse egal? Scheint so. Es gibt jedoch auch die andere Seite: Pulse of Europe ist nicht der einzige Treffpunkt für Europäer:

Im Landesbüro der Grünen treffe ich Eos Reichow. Eos ist 19 Jahre alt und Sprecherin der Grünen Jugend in Stuttgart. Endlich! Hier vestecken sich also die jungen Europafans. Ihr Vorname kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Göttin der Morgenröte“. Gleichzeitig hat sie niederländische Wurzeln und ist in Deutschland aufgewachsen. So wie man sich eine Vorzeige-Europäerin vorstellt, oder? Neben einem Kaktus entdecke ich eine Neuinterpretation der Europa-Flagge – gelbe Sterne auf hellgrünem Grund. Wie auch viele vor ihr ist Eos in die politische Szene „einfach so reingerutscht“.

Colyn Heinze, Generalsekretär der Jungen Europäischen Förderalisten (JEF) in Baden-Württemberg, ist 22 Jahre alt und steht vor seinem Bachelorabschluss in Public Management. Er ist ein Nachtmensch. Das muss man wahrscheinlich zwischen Privatleben, SPD, Jusos und JEFs auch sein. Die Jungen Europäischen Förderalisten sind ein Jugendverband mit Ablegern in über 30 Ländern Europas und insgesamt 30.000 Mitgliedern. Eintausend kommen davon alleine aus Baden-Württemberg. Sie sind überparteilich aufgestellt und genießen auf europäischer Ebene einen guten Ruf. Der Normalo unter den Bürgern kennt sie wahrscheinlich nicht. Colyn ist ein richtiger Stuttgarter – ein Kind aus Degerloch. Von dort will er auch in Zukunft Europapolitik machen. Denn Europa finde tatsächlich direkt vor der Haustür statt – eben auch von Stuttgart-Degerloch aus.

Hinter der Kulisse

Etwa zehn bis 15 Freiwillige werkeln nebenberuflich am Stuttgarter Pulse of Europe mit. Einer davon ist Johannes Pudenz, 36 Jahre alt, von Beruf Industriedesigner und seit mehr als einem Jahr aktiv in der Szene. Es gibt einige Parallelen zwischen ihm und der Entstehungsgeschichte hinter der Veranstaltung. Auch er konnte nicht mitansehen, wie der Nationalismus in Europa immer populärer wurde. Seitdem habe sich sein Leben verändert. Und eines muss man ihm lassen: Als Mitveranstalter von Pulse of Europe unternimmt er etwas.  

Inzwischen ist genau ein Monat vergangen. Ich sitze am Schlossplatz und beobachte die vorbeilaufenden Menschen. Unter drei Buchen kommen zwei Pkws zum Stehen. Tüten und Boxen werden verladen. Vier Personen – eine Dame im europa-blauen Kleid packt mit an. Ein älterer Herr in einem weiten, kragenlosen Hemd schaut genügsam mit einer Europa-Flagge in der Hand in die Ferne. Hier treffen sich Leute, die Stuttgart mitgestaltet haben, wie ich in Gesprächen mit ihnen aufgeschnappt habe. Die Gesichter sind mir bekannt. Ich kenne sie schon vom letzten Mal. Die Aktivisten sind enttäuscht von den aktuellen Entwicklungen, denn Europa liegt ihnen am Herzen. Zwischen den ganzen Menschen auf dem Schlossplatz dieses kollegiale und freundschaftliche Gefühl für Europa: Noch bevor ich es schaffe mit anzupacken, ist das eingespielte Team bereits fertig.