„Wir wollen doch alle nur Glück“
Inhaltswarnung für Leser*innen:
Dieser Artikel kann Themen enthalten, die als sensibel empfunden werden könnten, darunter psychische Gesundheit und Suchterkrankungen. Wenn du selbst von einer Glücksspielsucht betroffen bist oder jemanden kennst, der Unterstützung benötigt, kannst du dich für weitere Informationen, sowie Hilfe an diese Hotline wenden: 08001372700
Paul erinnert sich gut an seinen früheren Alltag. Ein dunkler Raum, in dem mehrere massive Automaten mit grell leuchtenden Symbolen stehen. Fehlende Fenster geben der Spielhalle eine düstere Atmosphäre. In den Schlitz, unterhalb des hervorstehenden Bildschirms, schiebt er einen 20-Euro-Schein. Zuvor hatte Paul 300 Euro bei der Bank abgehoben. Die Walzen der Slot Maschine drehen sich, bunte Symbole reihen sich aneinander. Die Maschine stoppt: Drei goldene Kronen stehen horizontal nebeneinander. Gewonnen! Paul freut sich und füttert den Automaten mit weiteren 20 Euro. „Manchmal saß ich auch an mehreren Automaten, an zwei, drei, je nachdem“. Die Spielhalle ist voll, doch für Paul bleibt sie leer. All die Menschen nimmt er nicht wahr und auch für die anderen scheint Paul unsichtbar zu sein. In dieser anonymen Blase spielt er. „Die ganze Atmosphäre war mir wichtig, dieses unerkannt sein – man konnte in Ruhe vor sich hinspielen“.
Das erste Mal spielte Paul 1984. Er weiß noch genau, wie er aus Neugierde und in der Hoffnung auf einen Gewinn anfing. Für ihn fühlte sich damals das Spielen noch nicht wie ein Problem an: „Ich habe es mehr oder weniger als ein Hobby gesehen.“ Doch schon vier Jahre später nahm er seinen ersten großen Kredit auf. Heute ist Paul 57 Jahre alt, besucht wöchentlich eine Selbsthilfegruppe und ist seit acht Jahren suchtfrei.
Wie aus gelegentlicher Unterhaltung eine Sucht entsteht
Generell ist Spielen ein Grundbaustein menschlicher Entwicklung. Kinder fördern damit beispielsweise ihre Kreativität und Selbstständigkeit, Erwachsene nutzen es oft als Ausgleich zum Alltag. Jedoch bleibt es hier bei einer zwecklosen Tätigkeit, die nichts mit Gewinn oder Verlust zu tun hat. Suchtberaterin Liv Wach erklärt es mit den Worten: „Wir wollen doch alle nur Glück“. Allerdings ist Glücksspiel mit dem Anreiz des vermeintlich großen Geldes verbunden. Geld ist dabei ein Statussymbol, das Gier fördert. „Geld bedeutet: Ich habe einen Wert. Je mehr Geld ich habe, denken viele, desto wertvoller bin ich“, sagt Wach.
Wie bei Paul, beginnt die Sucht oft schleichend und ist kaum greifbar für Betroffene. Gelegentliches Spielen wird dann immer häufiger und intensiver mit riskanteren Geldeinsätzen.
Zwischen Dopamin-Kick und Kontrollverlust
Kleine Gewinne speichert das Gehirn der Betroffenen als Erfolgserlebnis ab, wodurch das Belohnungssystem aktiviert wird. „Gewinne, sogar Fast-Gewinne führen zu Dopaminausschüttung und das heißt, es lohnt sich“, erklärt Wach. Dementsprechend wird Gewinnen als eine gute persönliche Leistung gesehen und damit als Rechtfertigung genutzt, um den Einsatz zu erhöhen. Die Risikobereitschaft der Betroffenen wächst dabei stetig. Dies zeigt sich auch bei Paul: „Ich hatte im Kopf: Okay, jetzt musst du Miete bezahlen, dann deine Schulden begleichen. Anstatt auf ‚Raus‘ zu drücken, sodass das Geld rauskommt, habe ich dann im Kopf gehabt, okay jetzt verdoppelst du es“. Belohnungen werden unregelmäßig und unvorhersehbar, was die Sucht verstärkt.
1,3 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Glücksspielstörung. Dabei handelt es sich um eine Impulsstörung. Diese beschreibt die verminderte Fähigkeit, einem inneren Drang zu widerstehen, obwohl negative Konsequenzen bekannt sind. Finanzielle Probleme treten bei den meisten Betroffenen auf, sodass Spielende Kredite aufnehmen und sich zusätzlich weiter verschulden. Pauls Selbsthilfegruppenleiter Simon* erklärt als ehemaliger Betroffener, dass es irgendwann nicht mehr nur ums Gewinnen gehe. „Jetzt möchtest du das Verlorene zurückgewinnen. Du willst keinen Gewinn mehr, du möchtest nur den Verlust wieder zurück“. Viele Betroffene leiden unter Schuld- und Angstzuständen, sowie weiteren psychischen Problemen. Beschaffungskriminalität und Wohnungsverluste, als Folge von Mietschulden, sind häufig.
Ein Spieler, viele Verlierer
13,6 Prozent der Deutschen kennen jemanden, für den Glücksspiel zum Problem geworden ist. Für Angehörige ist das Ausmaß der Sucht anfangs nicht erkennbar. Betroffene kommen nach der Arbeit nicht nach Hause und bleiben nächtelang weg. Irgendwann kommen Sorgen und Fragen der Angehörigen auf – doch Betroffene verharmlosen die Situation oft oder weichen klaren Antworten aus. Um ihre wachsenden Probleme mit dem Glücksspiel zu verbergen, denken sie sich immer häufiger Ausreden oder Lügen aus. Paul beschreibt es wie ein Schneeballsystem: Er lieh sich immer wieder hunderte Euro von Freunden, verspielt das Geld und beglich seine Schulden nur in kleinen Teilbeträgen, bevor er erneut um Geld bat. „Du merkst davon nichts. Beim Alkohol, bei Drogen oder so ist es ja irgendwann mal sichtbar aber ein Glücksspielsüchtiger, der ist dann halt wieder gut drauf und geht zum Sport“, betont Suchtberaterin Wach.
Oft falle das wahre Problem erst durch anstehende Kosten auf. Wach erklärt, dass hier ein großer Vertrauensmissbrauch entsteht, da gemeinsames Geld für die Zukunft in kurzer Zeit verspielt wird. Im weiteren Verlauf erkennen Angehörige, dass sie keinen Einfluss auf das Spielverhalten des Betroffenen haben und suchen daher die Schuld und Verantwortung bei sich selbst. Während dieser Zeit können Angehörige diese Last nur sehr schwer tragen und geraten oft selbst in eine finanzielle Not oder leiden unter gesundheitlichen Beschwerden.
Welche Rolle spielen Anbieter?
Viele Menschen sehen Glücksspiel als harmlose Freizeitbeschäftigung, sie spielen verantwortungsvoll und haben dabei Spaß. Anders ist es bei Betroffenen: „Jemand, der glücksspielsüchtig ist, hat den Kontakt zu seinen inneren Werten und zu seiner inneren Stabilität verloren, das heißt er ist auch manipulierbar“, erläutert Suchtberaterin Wach. Glücksspielanbieter in Deutschland tragen Verantwortung für die Prävention von Spielsucht und sind verpflichtet, Kundendaten vor der Teilnahme mit der OASIS-Sperrdatei abzugleichen. OASIS steht für „Onlineabfrage Spielerstatus" und ist ein zentrales Sperrsystem für Glücksspiel in Deutschland. Spielende können sich dort selbst zeitweise oder dauerhaft sperren lassen und in bestimmten Fällen auch durch Dritte gesperrt werden.
Rechtliche Hinweise zum Glücksspiel
In Deutschland ist Glücksspiel streng geregelt. Grundlage dafür ist der Glücksspielstaatsvertrag 2021. Er erlaubt zwar Online-Casinos und andere Formen des Online-Glücksspiels, setzt aber gleichzeitig klare Grenzen, um Spielende zu schützen. Ziel ist es, Spielsucht zu verhindern. Deshalb gibt es strenge Regeln für Anbieter: Sie brauchen eine offizielle Erlaubnis und werden stärker kontrolliert. Außerdem gelten einheitliche Schutzmaßnahmen für verschiedene Spielformen sowie zusätzliche Vorschriften für einzelne Angebote. 32,8 Prozent der Menschen mit problematischem Spielverhalten spielen an virtuellen Spielautomaten. Dementsprechend gibt es beispielsweise für Anbieter von virtuellen Automatenspielen die Vorschrift einer Mindestdauer von fünf Sekunden pro Spiel, erst danach kann ein neues Spiel gestartet werden.
Quellen: Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder; DHS Jahrbuch Sucht 2025
Für viele Betroffene ist es ein prägendes Ereignis, das sie dazu bringt, mit dem Spielen aufzuhören. Bei Paul war es der Abend, an dem er 2400 Euro verspielt hatte. Er erinnert sich noch genau daran, wie er danach zur Polizei ging und sich in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ. Inzwischen versucht Paul sein Leben neu zu ordnen, mit Blick auf das, was ihm am wichtigsten ist: „Das Leben geht trotzdem weiter. Ich bin guten Mutes, dass es weitergeht für meine Familie, für meine Frau, für meine Tochter.“
Der erste Schritt für Betroffene ist, das eigene Problem zu erkennen und das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen. Genauso entscheidend ist es, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ergänzend können gesunde Routinen sowie die Abgabe der finanziellen Kontrolle dabei helfen, wieder Stabilität zu gewinnen und nicht in alte Muster zurückzufallen.
Paul ließ sich damals selbst sperren und gab die Kontrolle über seine Finanzen an seine Frau und seine Tochter ab. In der Selbsthilfegruppe, die er wöchentlich besucht, fand er Halt, Struktur und Menschen, die seine Situation verstehen. Besonders zu seinem Gruppenleiter Simon entstand eine enge Freundschaft.
*Name von der Redaktion geändert, der echte Name ist der Redaktion bekannt.