Wer bleibt, bekommt die Quittung
Vor Kurzem habe ich ein Video auf Instagram gesehen, in dem ein Influencer davon spricht, dass er seine Miete auskostet. Eine tolle Beschreibung für mein liebstes Hobby: auf der Couch rumhängen, bis es Zeit fürs Bett wird. Wenn ich schon mein ganzes Einkommen für die neun Quadratmeter WG-Zimmer ausgebe, will ich ja auch was davon haben. Besonders abends im Winter, also gegen 16 Uhr, graut es mir davor, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.
„Du Vorzeitrentner!“, lacht mich ein Stammkunde bei der Arbeit aus, als ich ihm seinen Schnaps vor die Nase stelle und schon wieder keinen mittrinken möchte. Warum sollte ich auch? Nach Feierabend düse ich direkt los, in mein warmes Zuhause.
Aber bevor ihr den Kopf schüttelt und euch fragt, was nur aus der Jugend geworden ist, seid getrost. Auch ich habe den ein oder anderen Sonnenaufgang außerhalb meiner eigenen vier Wände erlebt, doch manchmal muss ich einfach meine Batterien aufladen. Um sie danach wieder voll auszunutzen.
Die Quittung der Nacht
So war es auch im letzten Jahr: Durch eine berufliche Veränderung war ich für ein paar Wochen frei von Arbeit und Verantwortung. Ich konnte großzügig mit meinen Energiereserven umgehen, sie quasi verprassen. Durch das Buch „Hard Land“ von Benedict Wells war ich über den Begriff der „Quittung der Nacht“ gestolpert. Nun war die perfekte Gelegenheit, diese Quittungen selbst zu sammeln. Sie kosten einen den Schlaf, und damals konnte ich mir das leisten.
Stellt euch ein Tauschgeschäft vor, in dem die zu erbringende Leistung darin besteht, zu warten. Ihr fragt euch worauf? Keine Ahnung – und genau darum geht es. Zu bleiben, wenn ungewiss ist, wie es weiter geht. Vielleicht auch unbequem. Und das lohnt sich, denn haltet ihr die Nacht aus, belohnt sie euch mit einer Quittung. Nicht aus Papier, sondern aus magischen Momenten.
Den Zug abfahren lassen
Diese Vorstellung gefiel mir, also wollte ich sie testen. So blieb ich, als die Tanzfläche sich leerte. Während ich weiter zur Musik wippte, breitete sich ein Schwall Unbehagen in mir aus. „Einfach aushalten!“, dachte ich mir, und auch der DJ nickte mir ermutigend zu. In den nächsten Stunden verschwamm alles um mich herum: Discokugel, bunte Lichter, laute Beats. Und ich tanzte, mein Körper bewegte sich wie von allein. Erst als die Lichter angingen, bemerkte ich den Schweiß auf meiner Stirn und das breite Grinsen in meinem Gesicht.
Neue Nacht, neue Party. Alle hatten sich auf den Heimweg gemacht. Bei mir wären es fünf Minuten zu Fuß gewesen, doch ich ging nicht. Ich blieb. Mit eingefrorenen Händen stand ich im Regen am Bahnsteig und wartete mit einem Kollegen auf seine Bahn. Um genau zu sein: einem sehr netten Kollegen. Seine erste Bahn fuhr ein. Er verpasste sie, er würde die nächste nehmen. Mit der Kapuze tief im Gesicht, um uns vor dem Niesel zu schützen, waren wir in Deeptalks versunken während zehn weitere Bahnen ein- und ausfuhren. Erst als die Sonne aufgegangen war und auch das allerletzte Stück Haut durchnässt, stieg er ein und ich stiefelte nach Hause.
Und falls ihr euch jetzt fragt, ob das der Anfang einer großen Liebesgeschichte war, muss ich euch enttäuschen. Aus uns wurde nichts. Doch diese Nacht, die war magisch.
Abhauen oder aushalten?
So schön diese Zeit auch war, irgendwann kam der Punkt, an dem ich wieder umsichtiger mit meiner Energie haushalten musste. Und so lag ich, endlich mal wieder, auf der Couch, als mir ein Gedanke kam: Vielleicht geht es bei den Quittungen gar nicht um die Nacht, die Uhrzeit. Nicht um den Schlafmangel oder den dröhnenden Schädel am nächsten Tag.
Vielleicht geht es darum, zu bleiben, wenn es unbehaglich wird, und nicht abzuhauen, wenn der Gesprächsstoff ausgeht. Nicht das Thema zu wechseln, wenn die Diskussion emotional wird und das Handy in der Tasche zu lassen, wenn die gemeinsame Freundin aufs Klo geht. Einfach mal aushalten.
Denn wer bleibt, bekommt die Quittung.
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Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
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