Alles zu meiner Zeit
Es ist Freitagabend und ich sitze allein an einer endlos langen Tafel in einem französischen Restaurant. Es fühlt sich an wie ein Fiebertraum, aus dem man aufschreckt und vor Erleichterung in Tränen ausbricht. In Tränen könnte ich sofort ausbrechen und fiebrig fühle ich mich langsam auch. Ein Traum ist es aber nicht. Und zu allem Überfluss ist heute mein Geburtstag. Tief ein- und ausatmen. Wenn da nur nicht die Blicke der Nebentische wären. „Die arme Maus“, „Da ist wohl jemand unbeliebt“, „Ob überhaupt noch jemand kommt?“. Die Musik ist zu laut, um etwas zu verstehen, trotzdem könnte ich schwören, dass das die exakten Worte von dem Pärchen neben mir sind. Das Mitleid schwebt über die Tische und leistet mir Gesellschaft.
Warten lassen
Jetzt, ein paar Jahre später, bin auch ich zur begnadeten Zuspätkommerin geworden. Auf meinem Sprint durchs Treppenhaus entdecke ich die neue Fußmatte meiner Nachbarn: „Better late than ugly“. Ich muss grinsen und lasse die Haustür hinter mir ins Schloss fallen. Zum Glück habe ich mich gerade nochmal umgezogen. Wenn bei meinem späten Auftritt gleich alle Augen auf mich gerichtet sein werden, muss ich doch wenigstens toll aussehen. À la „Das Beste kommt zum Schluss“. Ich nehme mir das Recht raus, unpünktlich zu sein. So entscheide ich mich für ein entspanntes Frühstück zuhause. Mit Eiern, Avocadotoast und Hafercappuccino kann der Tag starten. Schnelle Brezel to go? Kommt mir nicht in die Tüte. Auch den SmallTalk im Flur führe ich entspannt zuende. Wer bin ich denn, ein Gespräch abzuwürgen, nur um meinen Bus zu bekommen? Zuspätkommen ist meine kleine Freiheit. Meine kleine Rebellion.
Doch ist es wirklich nur eine Kleinigkeit? Jemanden warten zu lassen, kann auch ein strategischer Akt der Machtausübung sein. So ließ schon Stalin politische Mitstreiter warten, und auch Hitler empfing seine Gäste gern mit Verspätung zum Tee. Nicht unbedingt die Gesellschaft, in der ich mich als Zuspätkommerin wiederfinden möchte …
Warten gelassen
Es ist Freitag, 18:00 Uhr. Meine Mitbewohnerin Lisa sitzt in voller Montur am Küchentisch. Stiefel, Mantel, Schal. Sie sieht toll aus, aber bei den gemütlichen 21 Grad hier drin muss sie in dem Outfit eingehen. „Wann gehst du los?“, frage ich. „Demnächst. Wir treffen uns in zwei Stunden.“ Die Sekunden verstreichen zögerlich, während ich Lisa ungläubig anstarre. Als sie eine halbe Stunde später ihren Mantel wieder auszieht, kommt Mitleid in mir auf. Ihre Freunde schaffen es nicht pünktlich.
Mit ihren langen blonden Haaren erinnert sie mich an Alice im Wunderland. Auch die musste auf den verrückten Hutmacher warten. „Fehlt nur noch der Tee“, denke ich und setze Wasser auf. Als es zu brodeln beginnt, kocht in mir das schlechte Gewissen hoch.
Gelassen den Raum verlassen
Mein schlechtes Gewissen überrascht mich selbst. Ich dachte immer, es sei meine Zeit, die ich mir nehme. Es ist ja schließlich auch nur mein Stress, den ich mir morgens mache. Außer vielleicht, wenn ich auf meinem Sprint zur S-Bahn gegen einen Mann mit Kaffeebecher laufe, dessen Inhalt unschöne Flecken auf seinem weißen Hemd hinterlässt, er sich vor seinem Bewerbungsgespräch nochmal umziehen muss und deshalb den Job nicht bekommt. Abgesehen davon, absolut meine Sache. Oder?
An meinem Geburtstag haben sich meine Freunde ihre Zeit genommen – auf meine Kosten. Kafka hätte mich daran erwinnert, dass Warten ein Machtspiel ist. Aber Macht über die eigenen Liebsten? Vielleicht hätten Stalin und Hitler bei dieser Vorstellung gegrinst, mir jagt sie einen Schauer über den Rücken. Bevor es so weit kommt, greife ich vielleicht doch zur Butterbrezel und erwische meinen Bus.
Und wenn ihr mich das nächste Mal allein an einer Tafel sitzen seht, spart euch euer Mitleid. Ich werde nicht lange warten. Ich werde aufstehen und gehen. Nicht, um zu gewinnen. Einfach nur, weil es meine Zeit ist. Und die nehme ich mir.
Lust auf mehr?
Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
„Wer bleibt, bekommt die Quittung“
„Die Stunde Null, an der wir hängen“
„Pendelverkehr im Wartezimmer“
„Wie viel Kultur passt in eine S-Bahn?“
„Ich warte, also bin ich (deutsch)“
„Bahnhofs-Crush und blöde Typen“